Keine Zeit zum Chillen: Junger Syrer wollte mehr als den Mindestlohn

Von Marion Koller · 4. November 2025 um 14:05

Abdulwahab Masri hängt sich in seinem Friseursalon in der Regensburger Altstadt so richtig rein – Unternehmer Konrad Habbel glaubt an den 27-Jährigen und hat ihn durch den Behörden-Dschungel begleitet.

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Abdulwahab Masri verabschiedet den jungen Kunden, dem er mit Schere und Rasierer einen neuen Look verliehen hat. Der Salon in der Goldene-Bären-Straße mit der holzverkleideten Theke, dem Ledersofa und Sitzkissen auf den niedrigen Fensterbrettern wirkt einladend. Mit ausgestreckter Hand begrüßt Masri die Gäste von der MZ. „Ich bin Abdul.“ Offen erzählt er von der Flucht mit dem Bruder und von der Familiengeschichte. Sein Mentor, der Regensburger Unternehmer Konrad Habbel, hört aufmerksam zu. Ohne seine Unterstützung wäre Abduls Weg noch steiniger gewesen.

Vor zehn Jahren sind die Brüder wegen des diktatorischen Regimes von Baschar al-Assad aus ihrer syrischen Heimatstadt Idlib geflohen. „Wir wollten Demokratie und Freiheit.“ Mit IS-Terroristen gab es eine schreckliche Begegnung. „Wir haben gesehen, dass Menschen abgeschlachtet werden.“ Aus finanziellen Gründen konnte nicht die ganze Familie flüchten. „Wenn es gefährlich ist, gehen die Männer“, sagt Abdul Masri, obwohl er damals erst 17 war. Der Vater betrieb in Idlib einen Lebensmittelgroßhandel und einen Modeladen. Über die Balkanroute erreichten die jungen Syrer innerhalb von 14 Tagen Regensburg.

Friseursalon in Regensburg sucht Mitarbeiterin

Abdul findet Mode spannend. Die Schuhe der Gesprächspartner fallen ihm sofort auf. Der 27-Jährige mit dem gegelten Haar wirkt gelassen und zufrieden, obwohl er dringend eine Friseurin sucht. Er schneidet die Herrenfrisuren, eine Kollegin soll sich künftig der weiblichen Kundschaft widmen.

Ich habe deutsche Freunde und bin gut integriert. Meine Kultur und meine Prinzipien behalte ich.Abdulwahab Masri, Friseur

Konrad Habbel und Abdul haben sich zufällig kennengelernt. Eine frühere Mitarbeitern fragte den Unternehmer nach einer Wohnung für die syrischen Brüder. „Ich konnte kein Wort Deutsch“, sagt der junge Friseur, der die Ausbildung hier durchlief. Heute spricht er es ausgezeichnet. „Ich habe mir Mühe gegeben, aber es geht noch besser“, stellt er fest. Abdul gilt noch als Asylbewerber, sein Bruder ist längst Deutscher. „Ich muss noch zwei Jahre warten.“ Wenn sich jemand selbstständig macht, agiert der deutsche Staat vorsichtig. Konrad Habbel vermietete den beiden Jungs und der kurz darauf nachgekommenen Oma (65) eine Wohnung. „Ich habe geholfen bei dieser Wahnsinnsbürokratie mit dem Jobcenter und den Ämtern“, erzählt er. „Das ist für uns schon kompliziert. Ein Flüchtling kann das gar nicht verstehen.“ Finanziell hat der 80-Jährige die Eröffnung des Salons „Casual Chic“ ermöglicht. Abdul wird die Summe zurückzahlen.

Nach all den Jahren sind sie befreundet. Auch die Familien kennen sich.

Besonders junge Geflüchtete sind auf Hilfe angewiesen. Konrad Habbel appelliert an Regensburger, die Zeit haben, sich als Paten einzusetzen. Die Caritas und andere Hilfsorganisationen leisteten gute Arbeit. „Doch der persönliche Kontakt zu einem Paten spielt eine wichtige Rolle.“ Auch Habbel hat dazugelernt: „Es ist auf jeden Fall interessant, die Kultur anderer Nationen kennenzulernen und sich selbst zu relativieren. Wir Deutschen haben nicht immer recht.“

In der Goldene-Bären-Straße residierte vorher ein Antiquitätengeschäft, das in kleinere Räume in der Wahlenstraße umgezogen ist.

Ich habe geholfen bei dieser Wahnsinnsbürokratie mit dem Jobcenter und den ÄmternKonrad Habbel, Unternehmer

Nach einem Jahr kann der Friseur von seinen Stammkunden leben. Abdul hat Ziele und Prinzipien. Vor allem will der 27-Jährige vorankommen: „Ich bin fleißig und zuverlässig.“ Vier Jahre lang liebte er eine Deutsche. Mit der Friseurin zusammen wollte er sich selbstständig machen. Doch sie habe viele Bedenken gehabt – „und lieber für den Mindestlohn weitergearbeitet“. Das kam für Abdulwahab Masri nicht infrage. Schließlich trennte sich das Paar.

„Ich bin zehn Jahre in diesem Land, das ist mein Leben geworden“, sagt der Selbstständige. „Ich habe deutsche Freunde und bin gut integriert. Meine Kultur und meine Prinzipien behalte ich.“ Der Muslim betet fünf Mal am Tag. Sein Leitspruch: Jede Unterstützung, die er bekomme, müsse er zurückgeben. „Das habe ich in meiner Kultur gelernt.“

Flucht von Syrien nach Regensburg: Zehn Jahre ohne die Mutter

Die Mehrheit der Kunden sind Deutsche. „Und fast alle kennen meine Geschichte“, sagt Abdul. Sie hätten Respekt davor, dass er etwas aus seinem Leben mache. „Im Gegensatz zu Ausländern, die am Bahnhof chillen und Probleme machen.“

Die Familienzusammenführung war schwierig. Seine Mutter hat Abdul zehn Jahre – bis 2024 – nicht gesehen. Während der Vater es 2022 nach Regensburg schaffte, hing die Mutter in der Türkei fest und hielt sich als Friseurin über Wasser. Seine Schwester lebt mit Mann und Kindern in Dänemark.

Konrad Habbel hofft, dass Abdul bald einen oder zwei Mitarbeiter findet. „Das ist im Moment das Wichtigste.“