Christian Berkel zeigt in Regensburg: Er versteht sich auf viele Künste

Von Peter Geiger · 2. November 2025 um 18:28

Der Schauspieler glänzt auch als Schriftsteller und als Rezitator. Im Theater Regensburg nahm er das Publikum mit auf eine empfindsame Reise durch seine frühen Jahre.

Seinen Ruhm hat sich Christian Berkel vor allem als Filmschauspieler erworben: Er arbeitete mit Genies wie Ingmar Bergman oder Quentin Tarantino und war im Blockbuster „Operation Walküre“ neben Tom Cruise zu sehen. Außerdem genoss er rund eineinhalb Jahrzehnte lang als „Kriminalist“ den Status, ZDF-Serienheld zu sein.

Dass er 2018 sein Erzähldebüt vorlegte, hatte also ganz gewiss nichts damit zu tun, dass seine Leinwandkarriere neuer Impulse bedurft hätte. Vielmehr trieb ihn ein existenzielles Bedürfnis dazu, ganz in der Manier dessen, was als Autofiktion bezeichnet wird, sein eigenes Herkommen literarisch zu verdichten. Für den Roman „Sputnik“, nach „Der Apfelbaum“ (2018) und „Ada“ (2020) der dritte Band, ist Berkel ganz bei sich angekommen, wenngleich er hier auf die durchaus naheliegende Perspektive eines Ich-Erzählers verzichtet. Stattdessen tauft er seinen Protagonisten nach der epochemachenden sowjetischen Weltraumsonde, deren Name im Deutschen „Begleiter“ bedeutet.

Lesen Sie mehr: Gehen Sie im Leeren Beutel in Regensburg aufs Klo!

Kaum hat Christian Berkel die Bühne im Theater Regensburg betreten (dass er dieser Tage 68 wurde, sieht man ihm, dem ungeheuer Drahtigen, nicht an) beginnt er, ganz frei zu erzählen. Er erklärt, dass der Vater, ein Arzt, sich weigerte, den ihm ausgehändigten Säugling zu nehmen und um erneute Inaugenscheinnahme der Schar der Neugeborenen bat. Prompt nahm er ein anderes Baby mit heim; sein Kind war zunächst verwechselt worden. Sputnik, diese Romanfigur (der wir im Kapitel eins in den Mutterleib folgen), ist also von Anfang an von einer Aura der Infragestellung umgeben. Der Kniff, dass dieses vorn auf der Bühne greifbare Ich aus Fleisch und Blut eine Metamorphose zum Er (und damit zu einer dritten Person) auf Papier erlebt, genau das erhöht den ästhetischen Genuss. Weil das Publikum sich sogleich viel bereitwilliger einlässt auf das knapp 400-seitige Konglomerat aus Fakten und Fiktion. Der Autor kann etwa die Geschichte seiner Mutter, die als Jüdin das Konzentrationslager im französischen Gurs überlebte, nur erzählen, indem er weißgefleckte Erinnerungslücken mit der Kraft seiner Fantasie übermalt.

So also nimmt uns Christian Berkel, der nicht nur mit feinsten mimischen und gestischen Nuancen seine Performance begleitet, sondern auch über eine ganz wunderbar wandlungsfähige Erzählstimme verfügt (und so ein ganzes Figurenarsenal entstehen lässt), mit auf eine empfindsame Reise durch seine frühen Jahre.

Lesen Sie mehr: Am Theater Regensburg: Diese neue „Nora“ hat deutliche Schwächen

Wir erleben Sputniks Aufwachsen im geteilten Berlin. Seine frühe Theaterbegeisterung, deren Aufkeimen ganz gewiss sehr viel damit zu tun hat, dass die Mutter ihm von klassischen Heldensagen bis Mark Twain alles vorliest, was die Weltliteratur zu bieten hat. Frankreich-Aufenthalte formen den offenkundig sehr früh schon zur Reife gelangten Helden. Das Publikum quittiert seinen gegenwartskritischen Einwurf, dass die Adoleszenz heutzutage wohl bis 25 reiche, mit warmem Applaus. Und am Ende der gut zweistündigen Performance erleben wir mit, wie Sputniks Familie 1979 mit ihren zum sogenannten „Kreis“ erweiterten Freunden im dritten Programm den US-Vierteiler „Holocaust“ anschaut – und sich nunmehr generationsübergreifend mit dem konfrontiert, was so lange beschwiegen war.

Warum sich am Ende eine Lücke im Kreis der TV-Zuschauer auftut? Eindringlich mahnt der Mann am Lesetisch – und das ist unverkennbar Christian Berkel selbst – dass unsere Generation sich dem gesamtgesellschaftlichen Dialog in schwierigen Zeiten auch über Gräben hinweg nicht verweigern darf. „Sputnik“, zu dessen Lektüre er auffordert (der abschließende Cliffhanger unterstreicht das nur), will er ganz ausdrücklich als Beitrag dazu verstanden wissen.

Der Abend im Theater Regensburg fand in Kooperation mit der Buchhandlung Dombrowsky statt. „Sputnik“ ist erschienen bei Ullstein (384 Seiten, 26 Euro).