Am Theater Regensburg: Diese neue „Nora“ hat deutliche Schwächen

Von Claudia Böckel · 2. November 2025 um 18:19

„Nora. Ein Thriller“, inszeniert von Matthias Köhler, hatte Premiere im Antoniushaus. Manchmal kam man sich vor wie in der Schule - das lag aber nicht am gradiosen Schauspiel-Cast.

„Ein Puppenheim“, „Nora“ – oder wie am Theater Regensburg, „Nora. Ein Thriller“: Es geht um einen Theater-Klassiker. Seit fast 150 Jahren wird das Stück von Henrik Ibsen aufgeführt. Es handelt von der Frau im goldenen Käfig und von Grundfragen menschlicher Freiheit. Die Ehe von Nora und Torvald Helmer wird vor uns ausgebreitet: sie scheinbar kapriziös und verschwenderisch, er ein Anwalt, als Chef einer Aktienbank ganz oben angekommen. Es gab entbehrungsreiche Zeiten bei dem Paar: Torvald war krank und einer Kur in Italien bedürftig, Nora war findig und bereit, Schuld auf sich zu nehmen, um sein Leben zu retten: Sie fälschte einen Schuldschein. Natürlich holt das Böse sie ein in Gestalt des gescheiterten Advokaten Krogstad, der sie erpresst.

Vom eigenen Erleben abgelenkt

Ibsens Theaterstück gibt Raum, lässt viel Platz für das Rätselhafte und Ambivalente. Hinter der alltäglichen Sprache und dem Gesagten bleibt vieles ungesagt. Und an dieser Stelle greift die Neukonzeption des Stücks an. Drei Autorinnen schrieben den Text in mehrfacher Hinsicht fort, ergänzten, kommentierten. Der Zuschauer kommt sich dabei aber doch oft vor wie in der Schule, belehrt, von anderen Perspektiven beeinträchtigt, von betrachtenden Monologen von seinem eigenen Erleben und Empfinden abgelenkt.

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Die neue Fassung wurde 2022 von den Münchner Kammerspielen in Auftrag gegeben, als zeitgenössische Beschäftigung mit dem Stoff. Drei Autorinnen, alle preisgekrönt und echte Theaterfrauen, arbeiteten daran: Sivan Ben Yishai, israelische Dramatikerin und Regisseurin, Trägerin des Mülheimer Dramatikpreises. Sie schrieb einen Prolog, in dem die Nebenfiguren zu Wort kommen. Gerhild Steinbach aus Österreich, Autorin, Übersetzerin und Leiterin des Instituts für Sprachkunst in Wien, gab den unausgesprochenen inneren Konflikten Worte. Und Ivna Zic aus Zagreb, eine kroatisch-schweizerische Schriftstellerin und Regisseurin, verlieh den drei von Nora verlassenen Kindern, auch als Erwachsene, eine Stimme.

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Die Regensburger Inszenierung beginnt mit einem Prolog vor dem Theater, abgetrennt durch einen Vorhang von der Bühne. Die drei Kinder von Nora und Torvald – Emmy, Bobby und Ivar – erzählen über ein Haus; ein Gedanke, der immer wieder auftaucht an diesem Abend. Die Bühne aber visualisiert das gar nicht. Wir befinden uns den ganzen Abend über im vorweihnachtlichen Salon der Helmers, ganz in heftigem Rot, mit sieben Türen, marmorgerahmt. Ob sie irgendwo hin führen? In die Freiheit? Es sieht jedenfalls nicht danach aus. Wie in einer Slapstick-Komödie kommt mal einer rein, geht mal eine raus. Die Ausstattung von Patrick Loibl wirkt eher statisch, es bewegt sich fast nichts in diesem immer gleichen Bild, wenn auch die Barcelona-Chairs von Mies van der Rohe in Knallrot und Weiß schon ein Statement sind. Wenn doch im Stück alles zusammenstürzt, alle Gewissheiten brechen – warum dann so ein traditionelles Bühnenbild mit Weihnachtsbaum?

Sehr überzeugend: Kathrin Berg und Michael Haake

Die Schauspieler und Schauspielerinnen schaffen es allerdings schon, ihre Lebens- und Sichtweisen rüberzubringen. Allen voran Nora (Kathrin Berg), der man ihre inneren und äußeren Schwierigkeiten genauso abnimmt wie ihr Dasein als Helmers Eichhörnchen. Sie bedient die verschiedenen Ebenen und Sprachschienen virtuos, wird innerhalb eines kurzen Blackouts vom Eichhörnchen zur Kampfemanze, die alles kontrolliert, die Kinder verlässt. An ihrer Seite, oder neben und über ihr, Clemens Maria Riegler als ihr Ehemann Torvald, im grauen Business-Anzug, immer der Gute, immer alert, immer allem gewachsen, was das Leben so bringt. In der Rolle von Kristine Linde, Noras alter Freundin, und als Emmy brilliert Eileen von Hoyningen Huene, als Bobby und schmieriger Bösewicht Krogstadt überzeugt Joshua Eißen. Silke Heise ist die Kinderfrau Anne-Marie. Überragend gut: Michael Haake als am Sauerstoff hängender und Nora verehrender Hausgast Doktor Rank, als Ivar und als Paketbote, dem man sogar eine Art Comedy-Einlage zugesteht.

Nora (Kathrin Berg, rechts) und ihre Freundin Kristine Linde (Eileen von Hoyningen Huene) im knallroten und schwarz-weißen Wohnzimmer der Helmers - Foto: Sylvain Guillot

Das Spiel mit unterschiedlichen Texten, die den Figuren eine Metaebene geben, sie aus sich heraustreten lassen, ist im Grunde nicht schlecht. Musik – Glockenspielklänge und diffuses Krächzen – trennen die Ebenen (Sounddesign: Antonia Matschnig). Revuehafte Songs, mal besser, mal schlechter gesungen, gliedern das Stück, das Regisseur Matthias Köhler auf junges Publikum zugeschnitten hat.