Pussy-Riot-Girl mit neuem Buch im Theater Regensburg: „Macht euch keine Illusionen“

Maria Aljochina, bekannt als Mitglied des Punk-Kollektivs Pussy Riot, lässt tief in ein autoritäres System blicken. In der Reihe „Zukunft Jetzt!“ des Regensburger Theaters stellte sie ihr neues Buch vor, denn auch zwei Jahre Straflager konnten sie nicht zum Schweigen bringen. Über ihre Erfahrungen mit Putins Regime lässt sie keine Zweifel.
Am Ende eines langen Donnerstagabends im Theater Regensburg steht der ganze Saal, johlt und klatscht: Ehrbezeigung für eine außerordentlich mutige Frau. Maria Aljochina ist mit ihrem Buch „Political Girl“ über Leben und Schicksal in Putins Russland, das Mitte November erscheint, auf Tour. Auf gut 500 Seiten schildert die 37-Jährige, wie die Menschen ihrer Heimat Stück für Stück ihre Freiheit verlieren – und in Regensburg nutzen ein paar hundert Gäste die Chance, den vielleicht bekanntesten Kopf des russischen Widerstands kennen zu lernen.
Ein Videoclip von nicht mal einer Minute machte Maria Aljochina 2012 auf einen Schlag weltberühmt – und im autoritären System Russland zum Störenfried erster Klasse. Das Punk-Gebet „Jungfrau Maria, verjage Putin!“ in der Christ-Erlöser-Kirche Moskau, gegen die unheilige Allianz von Kirche und Politik gerichtet, trug der Künstlerin zwei Jahre Straflager im eisigen Norden ein. Jeden Tag antreten, bei minus 35 Grad in dünner Kleidung, zehn Stunden und mehr Soldatenkleidung nähen, mit rund 100 Frauen in eine Baracke mit zwei Klos ohne Trennwand gepfercht: So schildert die Oppositionelle die Zeit im Gulag. „Aber es lohnt sich, auch aus dem Gefängnis zu kämpfen“, sagt sie. Über Kontakte zu Menschenrechtlern erwirken Beschwerden, dass die Frauen in Kälte wenigstens eine Kopfbedeckung erhalten, dass die Arbeit auf acht Stunden limitiert wird.
„Putin braucht den Krieg“
Die eher zierliche Punkerin mit dem Herzen einer Löwin kommt in Komplett-Schwarz, auf den Locken ihre schwarze Mütze, und was sie zu sagen hat, ist so düster wie ihr Look: „Macht euch keine Illusionen“, sagt sie. „Putin braucht den Krieg.“ Damit sich das Volk mit dem Überleben beschäftigt und nicht mit der Frage: Warum leben wir so schlecht? Putins Hunger auf ein Sowjetimperium 2.0 sei ungestillt, er werde den Weg der Aggression gegen Westen weiter gehen. „Früher oder später. Eher früher. Er ist nicht mehr jung“, sagt Aljochina, die ihre Worte genau überlegt. Hoffnung, die Russen könnten sich gegen ihn erheben, kann sie nicht machen: nicht in einem maximal überwachten Polizeistaat mit minimal informierten Bürgern, zählt sie auf, in dem es lebensgefährlich ist, seine Meinung zu sagen oder auch nur: Frieden zu wünschen, der seine Kritiker wegsperrt, vergiftet – oder renitente Häftlinge auch einfach aus dem Fenster wirft.
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Der Abend im Neuhaussaal – zweieinhalb Stunden auf Deutsch, Englisch, Russisch – ist fordernd. Moderatorin Sonia Mikich, früher etwa Leiterin des ARD-Studios Moskau, behält wunderbar elegant und straff die Fäden in der Hand. Schauspielerin Franziska Sörensen liest Passagen aus dem Buch auf Deutsch. Ein Filmer sammelt am Bühnenrand dokumentarisches Material, und Performer Erich Breitbach unterlegt die Worte mit pochendem, absichtsvoll nervigem Elektrosound.
Videos von der Arbeit Pussy Riots streuen eine Prise Witz ein. Köstlich, wie ein Sicherheitsmann hilflos zuschaut, während Aktivistinnen vor einer staatlichen Jubelfeier frech und unerschütterlich Regenbogen-Fahnen an die Fassaden von Moskauer Schlüsselbauten wie dem Gerichtshof stecken. Sonia Mikich wirbt auch unter diesem Aspekt für das Buch, eine rohe, mit Details gespickte und in kurze Kapitel getaktete Gedankensammlung direkt aus dem Inneren eines freiheitsfeindlichen Systems, Tagebuch und Kriegsreport in einem: Trotz des düsteren Stoffs, „es ist auch selbstironisch und es zeigt, wie lächerlich viele Repressionen sind.“
Mulmiges Gefühl von Heimat
Maria Aljochina zahlte ihren Mut mit drei Strafverfahren, zwei Jahren Gulag, eineinhalb Jahren Hausarrest und Fußfessel, immer wieder 15-tägiger Haft – und der Dauergefahr. Vor Putin, so die Botschaft, ist man nirgends sicher, im Neuhaussaal wacht deshalb Polizei. Wie schützen Sie sich?, fragt ein Gast. „Mir geht’s gut“, sagt Aljochina. „Schützen Sie Ihr Land vor Putins Propaganda.“
Erst vor ein paar Wochen wurde die Dissidentin zu 13 Jahren Haft verurteilt – in Abwesenheit. 2022 floh die Freiheitskämpferin, als Lieferantin für Fastfood verkleidet, in den Westen. Am Mittwoch fühlte sie sich hier so sehr an ihre Heimat erinnert, wie seit drei Jahren nicht – bei der ZDF-Aufzeichnung „Markus Lanz“ mit BSW-Frau Sahra Wagenknecht: „Ich hatte Herzklopfen, ein unglaubliches Feeling“, schildert Aljochina: „Wort für Wort, Phrase für Phrase, wiederholte Sahra Wagenknecht Putins Parolen. – Es war wie vor einem russischen Fernseher.“
Maria Aljochina bringt Markus Lanz aus der Fassung
Der Abend: Das Theater Regensburg holt in der Reihe „Zukunft Jetzt!“ profilierte Köpfe ins Haus, die über zeitaktuelle Themen sprechen, hier: in Kooperation mit der Buchhandlung Dombrowsky. Intendant Sebastian Ritschel betonte die Motivation: „Wir begreifen Theater als Ort demokratischen Austauschs.“
Das Buch: „Political Girl. Pussy Riot. Leben und Schicksal in Putins Russland“ erscheint im November im Berlin Verlag (526 Seiten, 26 Euro). Maria Aljochina schildert die Lage für Regimekritiker in Russland und sagt: „Ich schreibe dies, um nicht darüber zu schweigen, was ich in dem Land meiner Geburt gesehen habe.“
Die Sendung: Maria Aljochina war gerade zu Gast bei „Markus Lanz“, unter anderem mit Sahra Wagenknecht in der Runde. Der Moderator rang sichtbar um Fassung bei Schilderungen über Repressionen gegen russische Regimekritiker. Die Show, ausgestrahlt am 30. Oktober, ist in der ZDF-Mediathek abrufbar.