Kunst mit Haut und Haar: Marina Abramovic in der Albertina Modern in Wien

Selten warnt ein Veranstalter vor seiner eigenen Veranstaltung: Die Albertina Modern in Wien tut dies in der aktuellen Ausstellung zur Performance-Kunst-Ikone Marian Abramovic.
„Diese Ausstellung zeigt künstlerische Werke und Performances, die physische und psychische Reaktionen hervorrufen können. Videos können für lichtsensible Personen oder Menschen mit Epilepsie oder Hyperakusis problematisch sein.“ Personen, die sich an Darstellungen von Gewalt und Selbstverletzung oder Performances mit nackten Menschen stoßen könnten, wird empfohlen, „von einem Besuch Abstand zu nehmen“.
Arbeiten aus den letzten 50 Jahren
Die Albertina Modern widmet der 78 Jahre alten serbischen Performance-Künstlerin Marina Abramovic, geboren 1946 in Belgrad, eine umfassende Retrospektive. Sie war zuvor schon in London, Amsterdam und Zürich zu sehen und kommt jetzt an einen Ort, wo die europäische Performance-Kunst ihren Anfang nahm: beim Wiener Aktionismus mit Günter Brus, Otto Muehl und Hermann Nitsch.

1978 war auch Abramovic, die mit Malerei begonnen hatte, beim Performance-Festival in Wien dabei. Als sie ihre erste Performance in den 1970er Jahren machte, wusste sie: Das ist mein Medium. Heute ist durch sie die Performance als Spielart der bildenden Kunst etabliert.
Die Schau zeigt in elf Räumen die Entwicklung der Künstlerin in einem Zeitraum von 50 Jahren mit 100 Werken. Neu an ihrer Art der Performance war, dass sie ihren Körper zum künstlerischen Medium oder Werkzeug machte – und dass sie das Publikum explizit zum Mitmachen aufforderte. Ihr künstlerisches Schaffen wird multimedial anhand von Videos, Fotografien und Objekten gezeigt. Radikal geht es vor allem in den frühen Performanceserien, als sie mit Selbstverletzung, Verletzung und immer wieder mit Grenzerfahrungen experimentierte.
Ein Beispiel, das in Wien gezeigt wird, ist Performance „Rhythm 0“ von 1974, Neapel. Hierbei machte sie sich selbst zum Objekt: Sie legte eine Reihe von Gegenständen – darunter eine Feder, mehrere Messer, Nägel, Lippenstift, Alkohol und eine geladene Pistole – auf einen Tisch. Das Publikum durfte mit dem Körper der regungslos liegenden Künstlerin tun, was es wollte. Eine bei der Biennale in Venedig preisgekrönte Performance von 1997 ist auch zu sehen: „Balkan Baroque“ als Reaktion auf den Balkan-Krieg. Marina Abramovic reinigte tagelang 1500 blutige Rinderknochen und befreite sie vom Fleisch; dabei sang sie Volks- und Totenlieder. Die dreiteilige Installation endete mit einem wilden Tanz.
Performances werden in Wien reinszeniert
Doch bleibt es nicht bei dieser historischen Draufsicht auf viele Performances, auch mit ihrem langjährigen deutschen Partner Ulay. Marina Abramovic lässt seit einigen Jahren ihre Performances als „Reenactemens“ in Ausstellungen neu durchführen. Auch in Wien wird dies geboten, allerdings vorab nicht bekanntgegeben. Wer da ist, kann es mitbekommen, spüren, erleben.
Zwei Beispiele aus der aktuellen Schau in Wien: Bei „Imponderabilia“ von 1977 ist ein nacktes Paar quasi Türsteher, das nur einen engen Durchlass gewährt. Was damals nach 90 Minuten von der Polizei beendet wurde, wirkt heute doch sehr harmlos. Vor der Nacktheit scheut kaum einer zurück, schon eher vor der Enge.
Eine andere reinszenierte Performance ist „Art must be beautiful, Artist must be beautiful“. In dieser Arbeit von 1975 kämmte sich Abramovic exzessiv die Haare und murmelte dabei den Werktitel. In der Wiener Schau macht dies ein schöner junger Mann, der sein schönes schwarzes Haar wild ausreißt. Der Schmerz kommt schon bei Zusehen.
Auch meditative Arbeiten der Künstlerin sind zu sehen, die sich auch mit Natur und Steinen sowie Meditationstechniken beschäftigt sind. Ikonisch ist „Nude with Skeleton“ von 2005. Dabei hat sich die Künstlerin, ein Fan des Dalai Lama, von tibetischen Mönchen beeinflussen lassen, die mit einem Skelett meditieren, um die Angst vor dem Sterben zu verlieren.
Um Meditation geht es auch im letzten Raum der Schau: die „Abramovic Method“ – das Trennen und Zählen von Reiskörnern. Auffallend viele Besucher verharren hier in Stille und Konzentration. Vielleicht auch, um den einen oder anderen verstörenden Eindruck der Ausstellung hinter sich zu lassen.
Bis 1. März 2026, Albertina Modern Wien, Karlsplatz 5, täglich 10 -18 Uhr, Sa.–Di. zudem bis 21 Uhr