Toten ein Gesicht geben – Neustadts Stadtarchivar plant Aktion zum Volkstrauertag

Der Volkstrauertag ist einer der stillen Gedenktage im Herbst. An ihm gedenken Politiker und Bürger der Opfer von Krieg und Gewaltherrschaft. Auch in Neustadt. Doch in diesem Jahr soll der Volkstrauertag auch ein Datum sein, an dem geredet wird – über Krieg, Verluste von Angehörigen und Trauer, sagt Stadtarchivar Dr. Matthias Pöppel.
Seit 100 Jahren wird in Deutschland der Volkstrauertag begangen. Er hat eine wechselvolle Geschichte hinter sich. Die Idee zum Gedenken an die für die gefallenen deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs kam 1919 vom Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge. Am 5. März 1922 fand eine erste Gedenkstunde im Reichstag statt, doch als landesweiter Gedenktag fand der Volkstrauertag erstmals am 1. März 1925 statt.
Im „Dritten Reich“ wurde er mit Fahnenabordnungen, uniformierten Aufmärschen und markigen Reden zum „Heldengedenktag“ stilisiert. Nach dem Zweiten Weltkrieg besann man sich. Von „Helden“ wollte man nichts wissen, der Volkstrauertag wurde auf das Ende des Kirchenjahres gelegt und seither am zweitletzten Sonntag vor dem Ersten Advent begangen.
In den Mittelpunkt des Gedenkens rückten immer mehr die Opfer des Nationalsozialismus. Beim offiziellen Festakt der Bundesregierung im Jahre 1987 gedachte man deshalb ganz allgemein der Opfer von Krieg, Gewaltherrschaft und Terrorismus. Inzwischen wird am Volkstrauertag auch der bei Auslandseinsätzen der Bundeswehr gefallenen deutschen Soldaten gedacht.
„Wer waren die Toten?“
In Neustadt a. Donau soll das Gedenken in diesem Jahr mehr sein als die üblichen Kranzniederlegungen und Reden am „Kriegerdenkmal“ auf der Rückseite der St. Anna-Kapelle. Es soll eine lebendige Erinnerung werden. Stadtarchivar Dr. Matthias Pöppel lädt deshalb zu einem Vortrag am Freitag, 14. November, in den Storchenwirt ein. Der Abend soll mehr als ein Vortrag sein, die Besucherinnen und Besucher sind aufgefordert, sich mit ihren Erinnerungen einzubringen.

Aufgrund des Kriegsendes vor 80 Jahren fragt Dr. Pöppel: „Wer waren die Neustädter Toten?“ Den Namen der Menschen, die am Kriegerdenkmal als Opfer genannt sind, „soll wieder ein Gesicht gegeben werden“.
Grundlage für diese Befreiung aus der Anonymität sind umfangreiche Recherchen. Anton Metzger, Dr. Matthias Pöppels Vorgänger im Stadtarchiv, hat die Sterbebilder der rund 200 Neustädter Bürgerinnen und Bürgern gesammelt, die im Zweiten Weltkrieg ums Leben gekommen sind. Pöppel hat dazu aus dem Stadtarchiv anhand der Meldekarten des Einwohnermeldeamtes Daten zu den Toten gefunden. Familienstand, Geburts- und Sterbedatum, Zahl der Geschwister, Beruf und vieles mehr kennt er deshalb.
Anhand einiger exemplarischer Sterbebilder will er die Schicksale von Neustädtern, auch der zivilen Opfer, beleuchten. „Sterbebilder sind oft das Einzige, was die Familien heute noch an ihre im Krieg umgekommenen Angehörigen erinnert“, erläutert Dr. Pöppel. „Die Tragödien in den Familien wurden vom Regime durch Formulierungen wie dem ‘Heldentod‘ heruntergespielt.“
Zunächst war dies denn auch die gebräuchlichste Formulierung auf den Sterbebildern, wenn Männer im Krieg ums Leben kamen, hat der Stadtarchivar festgelegt. Gern wurden die Sterbebilder auch mit Eiserner Kreuzen verziert, oft fanden sich zunächst auch Formulierungen, der jeweilige Soldat sei „für den Führer und Großdeutschland“ gestorben.

Erst später, ab 1944, als klar war, dass der Krieg verloren war und sich die Wehrmacht an allen Fronten auf dem Rückzug befand, änderten sich die Formulierungen. Der „Führer“ wurde nicht mehr so oft erwähnt und um „Großdeutschland“ ging es schließlich auch nicht mehr. Dennoch überdeckten die Sterbebilder bis zuletzt den wahren Schmerz der Hinterbliebenen, ist der Stadtarchivar überzeugt.
„Von Erinnerungen erzählen“
Und weil das Ende des Zweiten Weltkriegs 80 Jahre zurückliegt und die Zahl der Menschen, die noch genaue Erinnerungen an das Kriegsende haben, immer weniger werden, setzt Dr. Pöppel auf den Vortrag und das anschließende Gespräch mit den Bürgerinnen und Bürgern. „Angehörige, die noch etwas über die Gefallenen wissen, sind besonders herzlich eingeladen, von ihren Erinnerungen über die abgebildeten Menschen zu erzählen“, sagt er.„Wir wollen gemeinsam versuchen, etwas über die Verstorbenen zu berichten.“
Der Termin der Veranstaltung „Der Volkstrauertag 80 Jahre nach Kriegsende: Wer waren die Neustädter Toten?“ ist Freitag, 14. November, um 19 Uhr im Storchenwirt.
