Tief im Wald lauert der Hinterhalt: Feldjäger liefern sich bei Übung in Siegenburg Feuergefecht

In Siegenburg (Landkreis Kelheim), so das Szenario, sind Soldaten der Bundeswehr in einen Hinterhalt geraten. Wir haben den „Marshal Power“-Einsatz, der Teil einer der größten und komplexesten Übungen der deutschen Militärpolizei ist, begleitet.
Zwischen Landshut, Regensburg, Deggendorf und Ingolstadt herrscht in diesen Tagen kein gewöhnlicher Alltag. Unter dem Namen „Marshal Power 2025“ läuft derzeit eine „freilaufende Volltruppenübung“, wie es offiziell heißt. Das bedeutet: nicht auf abgeschotteten Übungsplätzen, sondern mitten im öffentlichen Raum, mit realistischen Szenarien und unerwarteten Herausforderungen üben die rund 500 Feldjäger der Bundeswehr.
Dabei war es vor einigen Tagen auch zu einem spektakulären Zwischenfall gekommen, als Polizisten mit scharfer Munition auf einen Soldaten schossen und ihn verletzten. Doch das ist bei der Übung im 10.000 Einwohner zählenden Markt Siegenburg (Landkreis Kelheim) kein Thema. Dort, so das Szenario, sind Soldaten der Bundeswehr in einen Hinterhalt geraten.
Freitagnacht im Wald bei Siegenburg. Die Temperatur liegt bei fünf Grad. Es ist stockdunkel, die Sichtweite gleich null. Nichts ist zu hören. Mit einem Mal fallen Schüsse. Soldaten der Bundeswehr sind in einen Hinterhalt geraten, als unbekannte Fahrzeuge ihnen den Weg versperren und sie von unbekannten Kräften beschossen werden. Die Soldaten reagieren sofort. Sie erwidern das Feuer und verstecken sich zwischen Bäumen. Unablässig wird hin- und hergeschossen. Nur die Mündungsfeuer der Gewehre sind zu sehen. Rufe hallen durch den Wald. Immer wieder. „Hilfe. Ich bin getroffen“, schreit ein Soldat. Ein anderer: „Wir brauchen einen Sanitäter. Er verblutet.“

Die Übung spielt in einem Gebiet hinter der fiktiven Frontlinie, das im Szenario von „Marshal Power 2025“ Ziel von Sabotageakten, Drohnenangriffen und irregulären Kräften ist. Dort sichern die Feldjäger die Kampftruppen der Bundeswehr ab, sorgen für Schutz kritischer Infrastruktur und koordinieren militärische Bewegungen. Konkret heißt das: Soldaten und zivile Einsatzkräfte schützen gemeinsam das Kernkraftwerk Isar 2, spüren illegale Waffenlager auf, nehmen feindliche Kräfte fest und übernehmen Tatortarbeit. Die Lage „Hinterhalt“ bei Siegenburg ist Teil des Manövers, das über fünf Tage läuft. Bereits seit zwei Tagen sind die Soldaten pausenlos im Einsatz, ihr Stresslevel wird ausgetestet.
Unter Beschuss
Das Gewehrfeuer dauert an. Die Lage für die Bundeswehrsoldaten ist schwierig, deshalb fordern sie über Funk Unterstützung an. Sie haben Glück, eine Einheit der Feldjäger ist in der Nähe. Die kommt.

Doch das dauert. Die Truppe kann nicht wie im zivilen Leben mit Blaulicht und Sirene den Einsatzort ansteuern. Die Soldaten müssen vorsichtig vorgehen, überall können Sprengfallen lauern. Als die Feldjäger eintreffen, sind die Angreifer verschwunden. Noch immer herrscht totale Finsternis. Die völlig vermummten Soldaten tragen spezielle Brillen, mit denen sie auch bei Dunkelheit sehen können. Beobachter der Übung, darunter Angehörige des US-Militärpolizei aus Grafenwöhr, die nur zehn, zwanzig Meter vom Geschehen entfernt sind, können nur anhand der Rufe, die durch den Wald hallen, verfolgen, was gerade geschieht. Einen besseren Überblick haben Beobachter im rückwärtigen Gefechtsstand, die über eine Drohne Aufnahmen vom Geschehen bekommen. Sofort beginnt die Versorgung der „Verletzten“ – erst der eigenen Soldaten, dann der Angreifer. Da steigt das Stresslevel nochmals an.
„Granate!“, ruft plötzlich ein Feldjäger, als die Soldaten einem verletzten Angreifer zu Hilfe kommen wollen, weil neben dem Mann eine Granate liegt. „Weg von dem Typen“, ruft ein anderer Feldjäger.

Was dann geschieht, erläutert ein Hauptfeldwebel der Bundeswehr, der den Reporter bei der Übung begleitet: „Man geht unter Eigensicherung“. Das bedeutet: Die Soldaten gehen nicht allein vor. Sie sichern den Raum um den Verletzten in einem Radius von 360 Grad ab und gehen dabei auch hinter die feindlichen Linien. Auch dieser Verletzte, obwohl „Feind“, wird in den nahe gelegenen mobilen Gefechtstand gebracht – auf der Motorhaube eines Einsatzfahrzeuges Eagle.
„Kein richtig oder falsch“
Es ist Mitternacht. Der Angriff aus dem Hinterhalt hatte um 22.25 Uhr begonnen. Die Soldaten ziehen sich zurück. Ob der Einsatz aus Sicht von Beobachtern der Bundeswehr ein Erfolg war, steht in diesem Moment noch nicht fest. Ein Angehöriger der Presseabteilung der Feldjäger sagt: „Es gibt kein richtig oder falsch. Das Handeln muss zweckmäßig sein.“
„Marshal Power“ dauert noch bis zum 29. Oktober. Laut Bundeswehr ist das Manöver jetzt wichtig, weil der Bündnisverteidigung seit dem russischen Angriffskrieg in der Ukraine immer mehr Bedeutung zukommt. Die „derzeitige Sicherheitslage“ unterstreiche, wie „wichtig Stabilität, Handlungsfähigkeit und Sicherheit“ seien. Auch auf die zuletzt gemeldeten Drohnensichtungen, unter anderem am Münchner Flughafen, müsse man reagieren.
