Prozess in Neumarkt: Auf der Flucht vor der Polizei mit 100 km/h durchs Wohngebiet

Von Wolfgang Endlein · 24. Oktober 2025 um 19:00

Mit bis zu 100 km/h fährt der Roller. Und damit 50, ja teils 70 km/h schneller als in dem Wohngebiet erlaubt ist. Der Fahrer legt den Roller derart in die Kurven, dass Funken sprühen. Hinter ihm ist Blaulicht zu sehen und die Sirene eines Polizeiautos zu hören. Klingt nach einem TV-Krimi? Hat sich so aber im Landkreis Neumarkt zugetragen. Und der Fahrer trieb es sogar noch weiter auf die Spitze.

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Am Freitag sitzt der 56-Jährige auf der Anklagebank im Amtsgericht Neumarkt. Das Äußere derer, die in TV-Krimis üblicherweise vor der Polizei verwegen fliehen, hat er so überhaupt nicht. Vielmehr macht er einen biederen, kreuzbraven Eindruck. Seine Vorstrafen und die sonstigen behördlichen Informationen über ihn zeichnen aber ein etwas anderes Bild. Vor allem aber ist da die Anklageschrift.

In der legt die Staatsanwältin dar, was laut den Ermittlungen an einem Sommerabend im vergangenen Jahr in einem Ort im Landkreis geschah. Die Polizei wurde wegen eines Streits zu einem Supermarkt gerufen. In der Folge nahm der Angeklagte auf seiner Yamaha Reißaus. So schnell, dass der BMW-Streifenwagen kaum hinterher kam. Dabei ignorierte er Blaulicht, Sirene, Anhalten-Signal und die Lichthupe der Polizei.

Showdown mit der Polizei in einer Sackgasse

Die halsbrecherische Fahrt führte durch mehrere Straßen, teils Tempo-30-Zonen, bis sie schließlich in einer Sackgasse ans Ende gekommen zu sein schien. Die Polizisten versperrten die Zufahrt zur Sackgasse mit ihrem Streifenwagen. Doch der Rollerfahrer quetschte sich durch eine Lücke zwischen Polizeiauto und einer Mauer. Verletzt wurde bei all dem niemand, der Streifenwagen aber schwerer beschädigt.

Die Flucht nützte dem 56-Jährigen nichts. Auf der Anklagebank landet er schlussendlich dennoch. Vor Gericht legt er ein vollständiges Geständnis ab und bestätigt alle Vorwürfe der Anklage. „Ich wollte dem Ganzen entgehen“, sagt der Mann über die drohende Polizeikontrolle. Denn erst kurz zuvor hatte er seinen Führerschein abgeben müssen. Er hatte zweimal scharf gebremst, um einen hinter ihm fahrenden Lastwagen zu maßregeln, von dem er sich provoziert gefühlt hatte.

Dass er trotzdem ohne Fahrerlaubnis zum Supermarkt fuhr, erklärt der 56-Jährige so: Er habe noch einkaufen wollen. Da der Ladenschluss kurz bevorstand, schien ihm der Roller eine schnelle Lösung. Schnell wurde es dann ja auch. „Sie können froh sein, dass nichts weiter passiert ist“, sagt Richter Marcel Dumke. „War Ihnen bewusst, dass Sie mit 100 km/h innerorts gefahren sind?“ Der Angeklagte antwortet leise: „Mit dem Adrenalin.“

Neumarkter Richter setzt zehnmonatige Freiheitsstrafe zur Bewährung aus

Im Gerichtssaal ist das Adrenalin beim 56-Jährigen sichtbar verflogen. Für die dem Angeklagten zustehenden letzten Worten erhebt er sich offensichtlich unangenehm berührt von der Situation und erklärt ungelenk, es tue ihm alles leid.

Das nehme er ihm ab, sagt Richter Dumke, der aber nicht umhin kommt auf die drei Vorstrafen (Körperverletzungen, Beleidigungen und Nötigung) hinzuweisen. Die Geschwindigkeit sei enorm, mit der der 56-Jährige nachdem er erst kurz zuvor den Führerschein abgegeben habe, wieder auffällig geworden sei. Die waghalsige Flucht aus der Sackgasse und der 6000 Euro teure Schaden am Polizeiauto bezeichnet Dumke zudem als „ein Brett“.

Mit seinem Urteil bewegt sich der Richter in der Mitte zwischen den Anträgen von Anklage und Verteidigung. Er verurteilte den Mann zu einer zehnmonatigen Freiheitsstrafe, die er zur Bewährung aussetzte. Zudem ist die Fahrerlaubnis weitere sechs Monate weg. 2000 Euro muss der Angeklagte an den örtlichen Kindergarten zahlen. Die Reparaturkosten für den Polizeiwagen wird er ebenso tragen müssen wie die Kosten des Verfahrens.

„Ich hoffe, Sie haben daraus etwas gelernt“, schloss Dumke die Verhandlung. Bereits zuvor war der Angeklagte zu der Erkenntnis gekommen: „Im Nachhinein hat die Flucht alles nur schlechter gemacht.“