Waldmünchen: Kulturpreis der Oberpfalz für die Arbeit am verschwundenen Dorf

Mit dem Kulturpreis des Bezirks Oberpfalz wurden am Dienstag herausragende kulturelle Leistungen gewürdigt. Eine davon haben zwei Waldmünchner vollbracht. Helmut Roith und Alois Rötzer wurden für ihr Projekt „Verschwundenes Dorf Grafenried – Freilichtmuseum der entdeckten Vergangenheit“ prämiert.
In seiner Laudatio für Roith und Rötzer sagt Bezirkstagspräsident Franz Löffler: „Das ehemalige Dorf Grafenried (tschechisch Lucina) im Böhmerwald lag an einer kleinen Anhöhe in der Nähe der deutschen Grenze, westlich von Nemanice im heutigen Tschechien. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der darauffolgenden systematischen Absiedelung des Grenzgebiets wurde das Dorf – wie viele andere auch – zerstört. In der Zeit des Eisernen Vorhangs wurden einige Gebäude des Dorfes noch von tschechischen Grenzsoldaten genutzt, jedoch nach und nach abgerissen. Auch die Dorfkirche St. Georg – als Denkmal deklariert – wurde trotz dessen in den 1970er Jahren gesprengt. Die Natur eroberte in der Zeit des Eisernen Vorhangs das Dorf zurück und sorgte dafür, dass auch die letzten Überreste verschwanden.
Grafenried als Erinnerungsort
2011 kam jedoch der Wendepunkt: Der damalige Ortsbetreuer und aus Grafenried stammende Hans Laubmeier und der tschechische Historiker Zdenek Procházka gaben den Anstoß, Grafenried als Erinnerungsort und Mahnmal für ein freundliches Miteinander wiederauferstehen zu lassen. Die Ruinen der Kirche wurden wiederaufbereitet, sodass seit 2012 jährliche grenzüberschreitende Gottesdienste stattfinden können.
Die beiden Oberpfälzer Helmut Roith und Alois Rötzer nahmen sich der Aufgabe der Ausgrabung und Erhaltung von Grafenried mit ihrem Projekt „Verschwundenes Dorf Grafenried – Freilichtmuseum der entdeckten Vergangenheit“ an. Helmut Roith wirkt hier bereits seit 2007 als Ehrenamtlicher, nachdem er sich bereits seit dem Fall des Eisernen Vorhangs mit der Geschichte dieses Ortes beschäftigte. 2014 stieg auch der gelernte Braumeister Alois Rötzer in das Projekt mit ein, um die zerstörte Brauerei von Grafenried freizulegen.
In schwerster Handarbeit gruben die beiden in den vergangenen Jahren unermüdlich die Fundamente zahlreicher Wohnhäuser, des Pfarrhauses und der Schule aus. Mit unaufhörlichem Engagement opfern Helmut Roith und Alois Rötzer nahezu ihre gesamte Freizeit für die Freilegung und Bewahrung des verschwundenen Dorfes. Inzwischen ist ein Großteil der Ausgrabungen abgeschlossen, jedoch widmen sie sich weiterhin mit großer Hingabe der Pflege und dem Erhalt von Grafenried.
Ort der Versöhnung und der völkerverbindenden Freundschaft
Durch ihr Engagement und ihren Pragmatismus wurde es möglich, Grafenried als eindrucksvollen Erinnerungsort freizulegen und so auch für künftige Generationen erlebbar zu machen. Seit 2017 gibt es das EU-Projekt „Lehrpfad Grafenried“, welches mit Infotafeln in deutscher und tschechischer Sprache zu den einstigen Häusern des Ortes führt. Außerdem werden grenzübergreifende Projekte angeboten und offene Führungen durch die Tourist-Information Waldmünchen angeboten.
Dank Helmut Roith und Alois Rötzer ist Grafenried nicht länger ein zerstörtes und verschwundenes Dorf, was für Schmerz, Leid und Verlust steht, sondern ein Ort der Versöhnung und völkerverbindenden Freundschaft. Ein Ort, an dem nach jahrzehntelanger Trennung wieder gemeinsam Erinnerung gelebt werden kann.“
Das Projekt, so Löffler, sei ein Meilenstein in der Erinnerungskultur der Oberpfalz, der sich mit den dunklen Kapiteln des Nationalsozialismus und des Kalten Krieges auseinandersetze. Er ebne den Weg für künftige Generationen, die Geschehnisse der Vergangenheit weiterleben zu lassen.