Fall Hanna: Zeugenchat und Freundeskreis vor Gericht im Fokus

Der „Eiskeller-Prozess“ gegen Sebastian T. (23) geht weiter. Am Montag rückten der Zeugenchat und der Freundeskreis des Angeklagten in den Mittelpunkt.
Warum forderte ein 23-jähriger Zeuge von zwei Frauen, einen Chat zwischen ihnen vom 4. Oktober 2022 um 11:11 Uhr – also kurz nach dem Tod der Studentin Hanna W. in der Nacht zum 3. Oktober 2022 gegen 2 Uhr – zu löschen? Zu einer Zeit also, als die Polizei noch nichts über das mutmaßliche Verbrechen veröffentlicht hatte, war die Leiche doch erst am Nachmittag des 3. Oktober 2022 in dem Fluss Prien entdeckt worden.
Zum Hintergrund: Chronik: Das tödliche Verbrechen an Studentin Hanna aus Aschau
Diese Frage blieb am Montag im „Eiskeller“-Prozess der Ersten Traunsteiner Jugendkammer gegen Sebastian T. (23) offen. Hatte das Zeugenprogramm in der vergangenen Verhandlungswoche vor allem einem früheren Mithäftling von Sebastian T. in der JVA Traunstein und dessen Glaubhaftigkeit gegolten, so rücken jetzt Zeugen aus dem Umfeld des Angeklagten in den Mittelpunkt.
Familie aus Traunstein nimmt wichtige Rolle ein
Eine wichtige Rolle wird dabei – neben anderen Personen in seinem Freundeskreis – eine Familie aus Traunstein einnehmen. Eine Mutter und ihre zwei Töchter, mittlerweile 23 und 20 Jahre alt, kannten Sebastian T. gut. Die ältere Tochter und „beste Freundin“ von T. besuchte mit ihm die gleiche Schule im Achental und brachte ihn oft mit nach Hause.
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Genau diese junge Frau führte den besagten Chat, der gelöscht werden sollte, mit der damaligen Freundin des Arbeitskollegen aus Oberaudorf. Darin ging es darum, wann die „beste Freundin“ mit dem Angeklagten unterwegs war – ob am 3. oder am 4. Oktober 2022. Der Zeuge hatte der Polizei gegenüber von sich aus „eine interessante Sprachnachricht“ erwähnt.
„Ihr zwingt mich, etwas zu löschen“
Warum er das getan hatte, daran konnte er sich am Montag nicht erinnern, auch nicht an den Grund, warum er das Löschen des Chats gefordert hatte. Eine Chatteilnehmerin beschwerte sich übrigens hinterher: „Ihr zwingt mich, etwas zu löschen.“ Die „Ex“ des 23-Jährigen zu den Hintergründen der Sprachnachricht anzuhören, beantragten am Montag die Staatsanwälte Pia Dirnberger und Christian Merkel.
Der Arbeitskollege wurde auch zur Person des Angeklagten befragt. Beide waren vor drei Jahren Auszubildende. In der Arbeit habe T. „schnell gelernt“, habe „auf der Baustelle was geschafft“ und „gemacht, was man ihm gesagt hat“. Aggressiv habe er ihn nie erlebt, so der 23-jährige Kollege.
In den Monaten vor der Tat sei er meist mit dem Freundeskreis von Sebastian T. unterwegs gewesen, habe zum Beispiel „Lost Places“ besucht. Privat habe ihm „Wasti“ von seinen Wanderungen, dem Laufsport und nächtlichem Joggen erzählt.
Spaziergänger fanden die Tote in der Prien
Gemäß Anklage soll Sebastian T. am 3. Oktober 2022 nachts in Aschau für einen Marathonlauf trainiert und dabei die Studentin auf deren 800 Meter langen Heimweg vom Lokal „Eiskeller“ entdeckt haben. Aus sexuellem Interesse heraus soll er die Frau von hinten niedergeschlagen und stranguliert haben. Danach soll er die Bewusstlose in den Bärbach geworfen haben, wo sie in wenigen Minuten ertrank, wie Rechtsmediziner später feststellten. Zwölf Stunden danach und zwölf Kilometer flussabwärts in der Prien stießen Spaziergänger bei Kaltenbach auf die Tote.
Zwei andere Zeugen, frühere Mithäftlinge des Angeklagten, wurden von der Polizei in Fesseln vorgeführt. Mit einem 66-Jährigen war Sebastian T. gemeinsam in einem Arbeitsbetrieb der JVA Traunstein tätig. T. sei von den anderen Insassen „gemobbt und gehänselt“, als „Mörder“ beschimpft worden. Der Angeklagte habe alles ertragen und gemeint: „Ich bin unschuldig. Es wird sich alles vor Gericht klären.“

Auf Nachfragen habe er stets beteuert: „Ich war es nicht.“ Alle Beschuldigungen, auch die pausenlose Kameraüberwachung in der Zelle, habe T. gelassen hingenommen. Dass er die Tat gegenüber der Mutter der „besten Freundin“ eingeräumt habe, sei „ein Spaß“ gewesen. Der Zeuge zeichnete das Bild eines „sympathischen Mannes“, eines „Naturburschen“ mit starkem Bezug zum Opa. Er hielt T. für „einfach strukturiert“: „Aber man konnte mit ihm zurechtkommen.“ Stutzig habe ihn gemacht, dass die Polizei bei ihm Gewaltvideos gefunden habe.
Hauptbelastungszeugen wird als „merkwürdig“ beschrieben
Ein 50-jähriger Gefangener hatte ein Gespräch mit dem Angeklagten, in dem dieser „die Eltern von Hanna“ und seine eigene Eltern bedauerte. Alles sei schlimm, alle täten ihm sehr leid. Den Hauptbelastungszeugen beschrieb dieser Zeuge als „merkwürdig“. Er könne sich nicht vorstellen, dass T. ihm etwas erzählt habe von der Tat. Vielmehr hätte er sich gegebenenfalls dem 66-Jährigen anvertraut, zu dem der Angeklagte ein vertrauensvolles Verhältnis gehabt habe.
Unter den weiteren Zeugen waren am sechsten Prozesstag erste Gäste aus dem „Eiskeller“, dazu ein junger Mann aus dem Freundeskreis und dessen Mutter. Im Laufe der Woche werden auch die Mutter und ihre zwei Töchter aus Traunstein in den Zeugenstand treten.
GPS-Spezialisten sagen aus
Die Erste Jugendkammer ist bis einschließlich Freitag täglich ausschließlich mit dem „Eiskeller“-Verfahren befasst. Am Donnerstag, 23. Oktober, um 9.30 Uhr, werden GPS-Spezialisten über ihre Erkenntnisse informieren. Seit Montag sind mit der Testpsychologin Nicole Liwon und dem psychiatrischen Gutachter Dr. Rainer Huppert zwei neue Gutachter im Gerichtssaal in Laufen anwesend. Sie sollen letztlich Stellung beziehen zur Persönlichkeit des Angeklagten. Wann sie ihre Expertisen erstatten, steht noch nicht fest. Nach drei Wochen Pause setzt das Gericht die bis kurz vor Weihnachten terminierte 26-tägige Hauptverhandlung am 12. November fort.
Ein nächtlicher Schrei
Einen „markerschütternden Schrei“, einen „Angstschrei aus Panik, Angst“ vernahm eine 74-jährige Frau aus Bielefeld in der Nacht des 3. Oktober 2022, die damals mit ihrem Ehemann als Gast im „Burghotel“ in Aschau im Chiemgau weilte. Vor der Ersten Jugendkammer schilderte sie, sie sei in ihrem kleinen Apartment nachts wach geworden. Auf dem Weg zur Toilette habe sie den Schrei gehört, „dann nichts mehr, Feierabend“. Wieder am Bett habe sie auf das Handy gesehen. Es sei ungefähr 2.30 Uhr gewesen. Am Morgen habe sie ihrem Mann von dem Schrei erzählt. Nachmittags habe sich der Tod eines Mädchens im Dorf rumgesprochen.