Drogensumpf und zwei Welterbetitel: Gästeführer der Stadtmaus meiden Römermauer in Regensburg

Spritzen, Kanülen, Einmallöffel: Bei der Römermauer am Ernst-Reuter-Platz in Regensburg lassen Abhängige ihr Spritzbesteck liegen. Vom Steg über das Document Legionslagermauer aus bekommen Passanten nicht nur einen tiefen Einblick in tausend Jahre Regensburger Stadtgeschichte, sondern auch einen in den Alltag von Menschen mit schweren Suchterkrankungen: Psychosen, Nacktheit, intravenöser Konsum.
Zwischen den Treppen, die vom Ernst-Reuter-Platz sowie vom Inkofererweg hinunter zu den Mauern aus der Römerzeit und aus dem Mittelalter führen, findet sich mitunter ein dichter Teppich aus Drogenmüll. Hier liegen Spritzen, Kanülen oder Einmallöffel, die davon zeugen, welche Substanzen sich die Abhängigen hier in die Blutbahn jagen.
Touristisch wichtiger Punkt
Dabei ist dies eine der wenigen Stellen, an der Regensburg doppelten Welterbestatus genießt: Das Süd-Ost-Eck der römischen Lagermauer und die vorgelagerte mittelalterliche Befestigung liegen in der Kernzone des Ensembles Altstadt Regensburg mit Stadtamhof und auf einem kartierten Bodendenkmal, das Teil des Welterbes Donaulimes ist, wie Katrin Butz von der städtischen Pressestelle bestätigt.
Wie wichtig die Mauerreste im Gefüge der Stadt sind, erklärt auch Stadtheimatpfleger Prof. Gerhard Waldherr: „Das ist die markanteste Stelle der römischen Mauer in ganz Regensburg – von der Porta Praetoria einmal abgesehen.“ Weiter bezeichnet er die Denkmäler als einen wesentlichen Punkt für die Geschichte Regensburgs von der Römerzeit bis zum Mittelalter und den ersten Teil der Mauer, der freigelegt worden ist.

Stadtmaus verzichtet auf Führung: „Ernstzunehmendes Problem“
Wegen der Drogenproblematik verzichtet die Stadtmaus inzwischen aber schon seit einiger Zeit darauf, den Teilnehmern ihrer Stadtführungen die Senke voll mit 1000 Jahren Regensburger Stadtgeschichte zu zeigen. „Dass an einem touristisch bedeutsamen Ort in Regensburg Drogenmüll liegt, ist ein ernstzunehmendes Problem“, sagt Stadtmaus-Geschäftsführer Thomas Ruhfaß. Müll wie gebrauchte Spritzen oder Verpackungen stellen in seinen Augen nicht nur eine gesundheitliche Gefahr für Einheimische und Besucher dar. Das werfe auch ein schlechtes Licht auf die Stadt, erklärt Ruhfaß. „Wenn wir von so etwas Kenntnis erlangen, meiden wir solche Orte. Die Römermauer am Bahnhof ist schon länger nicht mehr Teil unserer Römerführungen“, beschreibt er die Konsequenzen.
Die Mitarbeiter und Kunden der Stadtmaus sind nicht die einzigen, die von dieser Situation betroffen sind. Im Sommer war bekannt geworden, dass Anlieger das Viertel seit etwa einem Jahr als Brennpunkt wahrnehmen. Sie beklagten Drogendealerei und -konsum in dem Bereich und auch Spritzbestecke, die in ihrem Umfeld liegenbleiben. Die Industrie- und Handelskammer (IHK), deren Zentrale hier liegt, ließ im Dezember einen Zugang, der oft als öffentlicher Fußweg genutzt wurde, mit einer Toranlage verschließen. „Leider kam es auf den Gelände der IHK auch zu unangenehmen Konfrontationen mit Konsumenten“, erklärt IHK-Sprecher Peter Burdack. Der Schritt sei zum Schutz der Kunden und Mitarbeitenden notwendig geworden.
Areal wird zweimal pro Woche gereinigt
Was also tun die Behörden, um die Situation zu entschärfen? Das Areal werde zweimal wöchentlich durch das Gartenamt gereinigt, erklärt Butz. Auch der Kommunale Ordnungsservice (KOS) bestreife den Bereich. Diese Mitarbeiter könnten Ordnungswidrigkeiten ahnden. Bei Straftaten werde die Landespolizei hinzugezogen. Auch gegen Cannabiskonsumenten können die Mitarbeiter des KOS laut Butz nzeigen einleiten und Platzverweise aussprechen. Besitz und Handel mit Betäubungsmitteln dagegen seien Straftaten, für die die Polizei zuständig ist. Diese will laut Auskunft von Corinna Wild, Pressesprecherin am Polizeipräsidium Oberpfalz, das Sicherheitsgefühl durch Präsenz von zivilen und uniformierten Einsatzkräfte an der Stelle und Kontrollen stärken.
Marion Santl, Leiterin der Caritas-Suchthilfe in der Diözese Regensburg, sieht noch andere Optionen: „Es ist sicher sinnvoll, einen Spritzenabwurfbehälter vor Ort zu installieren.“ Dies sei jedoch kein Garant, dass jeder seine benutzten Utensilien dort auch entsorgt.
Der Einsatz und die Präsenz von Streetworkern könnten in ihren Augen bewirken, dass hier auf Sauberkeit und Rücksichtnahme geachtet wird. „Dazu braucht es allerdings mehr Personal in den Streetworkteams, um regelmäßig andere Plätze als das Bahnhofsareal zu betreuen. Dies ist unsere grundsätzliche Forderung an die Stadt und den Landkreis Regensburg“, verdeutlicht sie.
Konsumraum gefordert
Weiterhin fordert sie, dass Konsumräume auch in Bayern als Modellprojekte gestartet werden. Diese können laut Santl definitiv dazu beitragen, dass weniger Konsum und damit weniger Spritzenmüll im öffentlichen Raum stattfindet. „Hier können Abhängigkeitserkrankte unter sozialarbeiterischer und medizinischer Betreuung mit hygienischen Materialen konsumieren, sind so vor weiteren zusätzlichen schweren Infektionskrankheiten geschützt und haben Zugang zum Hilfesystem“, erklärt sie. Santl spricht von einer echten Alternative zum Konsum in Parks oder unter Brücken.