Regensburger Frühchenstation: Mamas erzählen von Ängsten und besonderen Momenten

Von Lisa Steigerwald · 18. Oktober 2025 um 10:00

Auf der Frühchenstation der KUNO Klinik St. Hedwig in Regensburg wird täglich um Leben gekämpft – um das Leben von Babys, die zu früh auf die Welt gekommen sind. Die Mittelbayerische Zeitung durfte einen Blick hinter die Türen der Intensivstation werfen.

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Im Intensivzimmer herrscht Stille. Nur das Summen der Maschinen und das gelegentliche Piepsen der Monitore durchbricht sie. Schläuche führen zu einem abgedunkelten Brutkasten – darin liegt ein winziges Baby. Auf der anderen Seite steht ein zweiter Inkubator. Er ist leer. Dazwischen, auf einer Liege, liegt Carina Pühl. Die 38-Jährige hat ihr Töchterchen Hanna auf der Brust. Ganz ruhig liegt das Mädchen, eingekuschelt in ein Handtuch, auf ihrer Mama. „Das ist das Schönste am Tag“, sagt Pühl. Normalerweise liegt auch Zwillingsschwester Lotta bei ihr – „Känguruhen“ nennen die Ärzte den Hautkontakt, der die Gesundheit und Entwicklung fördert. Doch heute geht das nicht. Lotta hatte ihre erste Augenarztuntersuchung, sie ist zu erschöpft.

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Dass die beiden hier liegen, ist alles andere als selbstverständlich. „Wir haben wirklich ums Leben kämpfen müssen“, sagt Prof. Dr. Sven Wellmann, Chefarzt der Neonatologie an der KUNO Klinik St. Hedwig in Regensburg. „Die ersten Wochen war richtig viel Action.“ Denn die Lungen der beiden seien etwas in „Mitleidenschaft gezogen worden“, durch einen frühzeitigen Blasensprung, eine Infektion und die Intensivtherapie, die nötig war, damit die Mädchen überleben.

Lotta und Hanna kamen in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt

Hanna und Lotta kamen in der 25. Schwangerschaftswoche zur Welt – extreme Frühchen, 685 und 740 Gramm schwer. Fünf Wochen hatte ihre Mutter zuvor im Krankenhaus ausgehalten, mit Blasensprung und Infektion. „Bereits am Anfang habe ich gespürt, dass irgendwas nicht passt“, sagt Pühl. Doch bei Untersuchungen war zunächst nichts auffällig. Aber dann ging alles schnell: „Ich bekam Blutungen“, sie kam ins Krankenhaus – und da hieß es: Fruchtwasserverlust. Die Ärzte versuchten, die Schwangerschaft zu halten. Doch schließlich blieb nur der Kaiserschnitt.

Drei Stunden mussten Carina Pühl und ihr Mann Tim warten, bis sie ihre Kinder sehen durften. „Da waren sie noch ganz klein. War schon heftig“, sagt die Zwillingsmama. Lotta hatte viele blaue Flecke, weil es im Mutterleib durch den Fruchtwasserverlust eng war und die Babys sich leichter stoßen. „Man traut sich die Kinder am Anfang kaum anzufassen, aus Angst, es tut ihnen weh“, erinnert sich Pühl. Als sie die Zwillinge das erste Mal auf die Brust legte, war das ein Moment, den sie nie vergessen wird. „Ja, ein Traum. Ja, ein Gefühlschaos“, sagt sie.

Die Intensivstation in der Klinik St. Hedwig ist neonatologisch – für die Versorgung von Frühchen – und pädiatrisch – für die Behandlung von Kindern – ausgerichtet, erklärt Wellmann. Jährlich werden rund 700 Kinder aufgenommen, etwa zwei Drittel Frühgeborene. Die übrigen Kinder kommen nach Operationen oder über das Notfallzentrum. Auf der Normalstation werden im Schnitt 1000 Kinder pro Jahr betreut – darunter viele, die von der Intensivstation verlegt werden.

„Das sind jetzt keine normalen Schwangerschafts-Wehwehchen mehr.“

Ein Junge, der diesen Weg bereits geschafft hat, ist Ludwig. In der 26. Schwangerschaftswoche kam er mit gerade einmal 780 Gramm zur Welt. Heute wiegt er 2318 Gramm und liegt in seinem Bettchen auf der Kinderstation. Seine Mama Theresa Huber erinnert sich an die belastenden Wochen: Bei einer Untersuchung hatten die Ärzte festgestellt, dass ihre Plazenta nicht richtig eingewachsen war – Ludwig wurde nicht ausreichend versorgt. „Mir wurde gesagt, ich soll auf vier Dinge achten: Kopfschmerzen, Übelkeit, Oberbauchschmerzen und Blutdruck“, sagt die 29-Jährige. Als ihr Blutdruck stieg, kamen Kopfschmerzen und Übelkeit dazu. Die Oberbauchschmerzen ließen sie erkennen: „Das sind jetzt keine normalen Schwangerschafts-Wehwehchen mehr.“ Im Krankenhaus bestätigte sich der Verdacht: Präeklampsie, eine Schwangerschaftsvergiftung.

Theresa und Maxi Huber mit ihrem Frühchen Ludwig. - Foto: Theresa Huber

Elf Tage lang versuchten die Ärzte, die Schwangerschaft zu halten. Am Anfang dachte Huber noch: „Ich darf bald wieder heim.“ Eine Nacht verbrachte sie im Kreißsaal. Die Symptome besserten sich und sie durfte zurück aufs Zimmer. Doch die Werte verschlechterten sich wieder. „Das war mehr Dahinvegetieren, weil es mir einfach nicht gut ging“, sagt Huber. Sie war ans Bett gefesselt, überwacht von einem Herzton-Wehenschreiber und Blutdruckmesser. „Du hast nur darauf gewartet, dass wieder irgendwas piepst.“

An einem Sonntag im August war sie am Ende. Sie rief ihren Mann Maxi an: „Ich kann nicht mehr.“ Trotzdem wollte sie durchhalten – bis Mittwoch, bis zur 27. Woche. Die Nacht zum Dienstag war gut, doch am Vormittag kippte alles. Die Schmerzen wurden stärker, die Medikamente halfen kaum noch. Sie stabilisierte sich, dennoch zog eine Ärztin den Schlussstrich: Die Werte waren zu schlecht. „Das hilft jetzt nicht, jetzt muss er einfach selber kämpfen“, sagte sich Huber.

Besonderer Moment nach dem Kaiserschnitt

Kurz darauf kam Ludwig per Kaiserschnitt zur Welt. Noch in der Fruchtblase wurde er aus dem Mutterleib geholt. Erst außerhalb öffneten die Ärzte diese und legten ihn in einen Plastikbeutel, damit seine Haut feucht bleibt. Vor der Operation wurden wir gut aufgeklärt, sagt Huber. Obwohl klar war, dass Ludwig sofort in den Reanimationsraum nebenan gebracht werden musste, gab es einen besonderen Moment: Die Hebamme stoppte kurz, damit die Eltern ihn sehen konnten. „Ludwig hat genau in diesem Moment die Augen aufgemacht.“ Ich war einfach nur froh, dass er lebt, sagt Huber.

Wie Hanna und Lotta muss auch Ludwig zahlreiche Untersuchungen und Behandlungen über sich ergehen lassen, darunter Bluttransfusionen. Die Zwillinge, die sich wie Ludwig langsam erholen, sind inzwischen sechs Wochen alt und wiegen beide schon über 1150 Gramm. Eigentlich wäre ihr Geburtstermin am 12. Dezember gewesen, Ludwigs am 12. November – nun hoffen die Eltern, dass ihre Kinder um diese Daten herum nach Hause dürfen.

Fakten über den frühen Start ins Leben

Ab wann ist es ein Frühchen: „Jedes zehnte Kind kommt zu früh auf die Welt“, sagt Prof. Dr. Sven Wellmann. Von einem Frühgeborenen spricht man, wenn es weniger als 37 Schwangerschaftswochen im Mutterleib war. Die Überlebensfähigkeit sei ab der 22./23. Woche und rund 300 bis 400 Gramm gegeben. „Davor haben die Kinder keine Chance“, sagt Wellmann. Nicht jedes Frühchen müsse auf die Neonatologie. Kinder, die ab der 35. Woche geboren werden, dürfen in der Regel mit ihrer Mutter ins Wochenbett – vorausgesetzt, sie sind kräftig, können eigenständig und zuverlässig atmen und mit Muttermilch oder Ersatzmilch ernährt werden. Mit anderen Worten: Sie müssen alles können, was ein Kind zum errechneten Geburtstermin beherrschen würde. Auch Kinder über der 37. Woche können nach der Geburt auf die Intensivstation kommen, etwa bei Atemstörungen.

Gründe für Frühgeburten: Grundsätzlich gibt es drei Hauptgründe: vorzeitige Wehen, vorzeitiger Blasensprung sowie mütterliche oder kindliche Komplikationen wie Schwangerschaftsvergiftung oder schwere Fehlbildungen. Außerdem: Rund 50 Prozent der Mehrlingsgeburten sind Frühgeburten.

Medizinische Entwicklungen: „Es gab große medizinische Meilensteine, die liegen aber schon 20, 30 Jahre zurück“, sagt Wellmann. In den letzten Jahren seien die Ärzte gelassener geworden: Kinder bekommen mehr Zeit, sich zu stabilisieren. Ein Beispiel ist der Ductus arteriosus, ein Blutgefäß, das während der Schwangerschaft die Aorta (Körperhauptschlagader) mit der Lungenarterie verbindet und den Lungenkreislauf umgeht. Nach der Geburt soll dieses Gefäß sich schließen. Bei Frühchen bleibt es oft länger offen, was Probleme verursachen kann. Früher wurde dies schnell mit Medikamenten behandelt, sagt Wellmann. Heute beobachten die Ärzte zunächst, ob eine Behandlung wirklich nötig ist.

Club Neonatologie: Wellmann veranstaltet regelmäßig für Krankenpflegeschüler und Hebammenstudenten den Club Neonatologie. Ziel ist eine Vertiefung in der Pädiatrie.

Benefizkonzert: Anlässlich des Welt-Frühgeborenen-Tags am 17. November findet ein Benefizkonzert am Sonntag, 16. November, um 15 Uhr in der Niedermünsterkirche statt. Laut Mitteilung der Barmherzigen Brüder treten dabei unter der Leitung von Prof. Eva-Maria Leeb zum ersten Mal alle drei Chöre der Mädchenkantorei der Hochschule für katholische Kirchenmusik – Vorchor, Nachwuchschor und Kantorei – gemeinsam auf.