Tag der alkoholgeschädigten Kinder: Arzt und Sozialarbeiter über Folgen des Konsums

Zum Internationalen Tag der alkoholgeschädigten Kinder am 9. September spricht die Mediengruppe Bayern mit Prof. Dr. Sven Wellmann, Chefarzt der Neonatologie an der KUNO Klinik St. Hedwig, und Oliver Guist, Sozialarbeiter und FASD-Fachkraft in der Oberpfalz, über Auswirkungen, Verhalten und Unterstützungsmöglichkeiten.
Alkohol in der Schwangerschaft sollte ein Tabu sein – dennoch leiden viele Kinder in Deutschland unter den Folgen. Jährlich kommen zahlreiche Babys mit dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) oder mit der Fetalen Alkoholspektrumstörung (FASD) infolge pränatalen Alkoholkonsums zur Welt.
Wie viele Kinder sind in Regensburg von FASD und FAS betroffen?
Prof. Dr. Sven Wellmann: Etwa eines von 200 lebend geborenen Kindern kommt in Deutschland mit dem Fetalen Alkoholsyndrom (FAS) zur Welt. Die Fetale Alkoholspektrumstörung (FASD) tritt deutlich häufiger auf – etwa bei jedem 70. Neugeborenen. Für die KUNO Klinik St. Hedwig bedeutet das: Pro Woche wird im Durchschnitt ein Kind mit FASD geboren, etwa einmal im Monat ein Kind mit FAS.
Das ist eine erschreckend hohe Zahl. Gibt es Möglichkeiten, FAS bereits vor der Geburt medizinisch zu erkennen?
Wellmann: Nein, das ist pränatal nicht möglich. Man kann lediglich feststellen, ob das ungeborene Kind unterdurchschnittlich wächst. Allerdings gibt es in der Schwangerschaft viele Gründe, warum Kinder unter ihrem Wachstumspotential zurückbleiben. Das kann beispielsweise genetische Gründe haben, aber auch durch den Konsum von Nikotin oder eben Alkohol bedingt sein.

Sie haben erwähnt, dass betroffene Kinder oft kleiner sind. Welche Merkmale müssen für die Diagnose FAS erfüllt sein?
Wellmann: Für die Diagnose FAS müssen drei Hauptmerkmale vorliegen: eine Wachstumsverzögerung, Dysfunktion des zentralen Nervensystems und typische körperliche Auffälligkeiten, sogenannte Dysmorphiezeichen – vor allem im Gesicht. Zu diesen gehören etwa eine schmale Oberlippe, ein verstrichenes Philtrum (die Vertiefung zwischen Nase und Oberlippe), schmale Lidspalten oder eine kurze Nase. Diese äußeren Merkmale sind bereits nach der Geburt erkennbar, können sich mit der Zeit jedoch zurückbilden. Die neurologischen Beeinträchtigungen bleiben dagegen lebenslang bestehen. Dazu zählen zum Beispiel eine verminderte Intelligenz, Angststörungen, Depressionen oder impulsives Verhalten. Motorisch sind die Kinder in der Regel nicht eingeschränkt – im Gegenteil: Viele zeigen sich besonders aktiv, ungehemmt und dadurch mitunter auch motorisch geschickter.
Lesen Sie passend dazu den Kommentar: Schützt die Jugend vor der Volksdroge
Herr Guist, welche Verhaltensweisen oder Schwierigkeiten beobachten Sie bei FAS-Betroffenen?
Oliver Guist: Auch wenn jeder Mensch individuell ist, gibt es doch manchmal Ähnlichkeiten: Viele Betroffene erleben und leiden unter einer Art der sozialen Isolation. Auslöser können diese Eigenschaften sein: Wenig Verständnis für Konstrukte wie Zeit oder Geld, Impulsivität/Sprunghaftigkeit in Gedanken und Handlungen, soziale Ansprüche können zu Überforderung führen, Small Talk gelingt oft sehr gut, aber tiefere Gespräche sind meist anstrengend. Zudem kommt es immer wieder zu Schwierigkeiten, weil Informationen vom Kurzzeit- ins Langzeitgedächtnis nicht übertragen werden. Deshalb wird den betroffenen Menschen oft eine Vergesslichkeit oder gar Desinteresse unterstellt, was so nicht stimmt.
Wann beginnt im Idealfall die therapeutische Unterstützung – und welche Maßnahmen sind besonders wirksam?
Guist: FAS wird häufig spät diagnostiziert. Das liegt oft daran, dass Kinder bis zum dritten Lebensjahr kaum sichtbar in der Gesellschaft sind. Auffälligkeiten zeigen sich oft erst in der Kinderkrippe oder im Kindergarten, wenn die Entwicklung vom Altersniveau abweicht. Würde man früher mit Hilfe und alltagsorientierter Therapie beginnen, könnte man bessere Perspektiven schaffen und Ressourcen besser nutzen.

Wellmann: Die Förderung sollte so früh wie möglich starten, um die Auswirkungen von FAS zu mildern. Eine vollständige Heilung ist allerdings nicht möglich – FAS bleibt lebenslang bestehen. Es gibt keine Medikamente oder spezifische Therapien. Die Behandlung ist komplex und begleitet Betroffene oft ein Leben lang. Sie umfasst unter anderem Logopädie, Ergo- und Physiotherapie sowie soziale und psychologische Unterstützung.
Wie reagieren Betroffenen, wenn sie von ihrer Diagnose erfahren?
Guist: Es fällt vielen Betroffenen schwer zu verstehen und zu akzeptieren, dass sie eine Form der Behinderung haben – vor allem, weil man es ihnen äußerlich nicht ansieht. Dennoch können sie einen Behindertenausweis und eine Pflegestufe beantragen. Mit der Zeit entwickeln viele eigene Strategien, um ihr Leben bestmöglich zu meistern. Allerdings dauert dies oft länger, was viel Verständnis der Gesellschaft erfordert.
Welche Reaktionen erleben Sie bei Eltern – besonders bei Müttern –, wenn sie erfahren, dass ihr Kind FAS/FASD hat?
Guist: Ich möchte eine Lanze brechen für die Familien dieser Kinder: Ich habe noch nie erlebt, dass eine Mutter ihr ungeborenes Kind bewusst durch Alkoholkonsum geschädigt hat. Häufig handelt es sich um suchterkrankte Frauen, die alkoholabhängig sind. Es gibt aber auch Frauen, die gar nicht wissen, dass sie schwanger sind – etwa weil ihre Periode ohnehin unregelmäßig ist. Wichtig: die Verantwortung liegt nicht allein bei den Müttern – auch Partner und das soziale Umfeld tragen Mitverantwortung. Viele Mütter sind tief betroffen, wenn sie erkennen, dass ihr Kind durch ihr Verhalten Schaden genommen hat.


In welchen Phasen der Schwangerschaft ist Alkoholkonsum besonders riskant für das ungeborene Kind?
Wellmann: In den ersten beiden Schwangerschaftsmonaten werden die Organe des Embryos angelegt. Wird in dieser Phase Alkohol konsumiert, kann dies zu schweren Organstörungen oder sogar zum Absterben des Embryos führen. Im zweiten und dritten Trimester kann Alkoholkonsum funktionelle Entwicklungsstörungen beim Kind auslösen. Dabei lässt sich weder exakt vorhersagen, ab welcher Menge noch zu welchem Zeitpunkt Alkohol eine Schädigung verursacht. Die klare Empfehlung lautet: Null Promille in der Schwangerschaft.
Das Interview führte Lisa Steigerwald.