Paarberatung boomt: Psychologische Beraterin in Regensburg spricht über die Gründe

Von Marion Neumann · 15. Oktober 2025 um 11:00

Als psychologische Beraterin, Diplom-Gesundheitspädagogin, Systemischer Coach und Mediatorin begleitet Simone Hautmann Menschen in unterschiedlichen Lebenslagen. Ein Bereich, in dem die Nachfrage seit einiger Zeit besonders groß ist, ist Paar- und Eheberatung. Im Interview erklärt Hautmann, die im Regensburger Gewerbepark und in Straubing berät, wie sie bei Beziehungsproblemen weiter hilft – und warum es nicht darum geht, herauszufinden, wer Recht hat.

Frau Hautmann, woran liegt es Ihrer Meinung nach, dass der Bereich Paarberatung boomt?

Simone Hautmann: Ich sehe zwei Hauptgründe für die enorm gestiegene Nachfrage. Zum einen wird das Thema Therapie heute viel offener behandelt – man spricht darüber und traut sich, Hilfe anzunehmen. Zum anderen suchen gerade jüngere Paare zunehmend frühzeitig Unterstützung, oft sogar präventiv, bevor es richtig kriselt.

Gibt es denn bestimmte Themen, die bei Ihnen in der Paarberatung immer wieder aufschlagen?

Hautmann: Die Themen sind so individuell wie die Paare selbst. Es gibt nicht das eine Problem und auch nicht den einen pauschalen Weg, wie die Paartherapie abzulaufen hat. Auch was das Alter oder die Beziehungsdauer betrifft, geht es querbeet: Ich berate Paare, die vier Monate verheiratet sind und andere, die seit 38 Jahren zusammen sind. Was sich trotzdem immer wieder zeigt, sind bestimmte Muster, zum Beispiel Probleme in der Kommunikation.

Wie äußern sich diese Probleme?

Hautmann: Viele Paare sagen Dinge wie: „Wir wissen gar nicht mehr, worüber wir sprechen sollen“ oder „Wir haben uns irgendwie verloren“. Im Kern geht es dabei um Beziehungskompetenz – also die Fähigkeit, miteinander in Kontakt zu bleiben. Schon Neugeborene zeigen diese Fähigkeit, etwa durch Blickkontakt oder Nähe. Im Laufe des Lebens entwickelt sie sich zu Empathie, Kommunikation, Respekt, Verantwortungsbewusstsein und Konfliktfähigkeit. Das Problem ist: Wir verlernen oft, diese Kompetenzen im Alltag wirklich zu leben. Würden wir sie konsequent nutzen, gäbe es vermutlich deutlich weniger Konflikte.

Wie helfen Sie in so einem Fall weiter?

Hautmann: Eine Betriebsanleitung gibt es nicht – auch wenn sich das viele Paare wünschen. Beziehungen sind komplexe Systeme – deshalb betrachten wir das Ganze. Auf Basis der systemischen Paartherapie entwickeln wir gemeinsam individuelle, alltagstaugliche Veränderungen, die zu der jeweiligen Beziehung passen. Dabei geht es um individuelle Erkenntnisse, Bedürfnisse und Vorstellungen, um Kommunikation, Nähe und gegenseitiges Verständnis – darum, all dies wieder zu stärken. Ich verstehe Paartherapie als Unterstützung der Autonomie eines Paares: Sie bleiben die Expertinnen und Experten ihrer Beziehung und ich begleite mit meiner Erfahrung aus zahlreichen Beratungen.

Auf Ihrer Website schreiben Sie, dass es in der Paarberatung nicht darum geht, „wer Recht hat“. Worauf kommt es stattdessen an?

Hautmann: Das ist tatsächlich vielen Paaren ein Anliegen. Aber darum geht es wirklich nicht. Wichtig ist, die Bedürfnisse beider Partner zu erkennen – und einen Weg zu finden, wie sie damit umgehen können. Akzeptanz, Respekt und Alltagstauglichkeit sind entscheidend. Ein guter Lösungsansatz muss in den Alltag der beiden integrierbar sein, sonst ist er wenig hilfreich.

Wann ist eine Paartherapie denn generell sinnvoll?

Hautmann: Meine Erfahrung ist, dass meistens zu lange gewartet wird. Paare versuchen oft vieles allein zu Hause zu regeln. Doch irgendwann führen Streit und Konflikte dort nicht mehr zu positiven Veränderungen. Ein guter Zeitpunkt für eine Therapie ist, wenn die Leichtigkeit in der Beziehung verloren geht, die gemeinsame Zeit immer weniger wird und Nähe oder Liebe kaum noch spürbar sind. Auch wiederkehrende Streitthemen, die nie gelöst werden, oder ein Alltag, der eher wie eine WG funktioniert, sind Signale.

Nicht jede Beziehung lässt sich retten. Erleben Sie oft, dass Paare erkennen, dass eine Trennung der bessere Weg ist?

Hautmann: Dabei ist es wichtig zu sagen, dass ein Paartherapeut keine Beziehung retten kann. Die Umsetzung liegt beim Paar selbst. Aber die Beratung kann unterstützen. Das klappt nicht immer, aber oft genug, um sinnvoll zu sein. Und selbst, wenn eine Trennung unausweichlich ist, ist Beratung wichtig: Sie hilft, einen respektvollen Weg miteinander zu finden, besonders wenn Kinder beteiligt sind. Paare lernen, wie sie fair auseinandergehen und trotzdem als Eltern in Kontakt bleiben können.

Auch, wenn eine Situation schon sehr verfahren aussieht, ist es also sinnvoll, sich Hilfe zu holen?

Hautmann: Auf jeden Fall. Ein sehr hoher Anteil der Paare kann die erarbeiteten Ansätze gut umsetzen. Paare spüren oft schon nach kurzer Zeit, dass sich etwas verändert hat. Das Erfolgserlebnis stellt sich schneller ein, als man denkt.

Berät Paare, wenn es kriselt – und auch schon davor: Simone Hautmann - Foto: Milla Curtis

Info: Glaube an die Liebe bleibt

• Eheschließungen: Das Vorurteil, dass in der heutigen Zeit weniger langfristige Bindungen eingegangen werden, kann Simone Hautmann nicht bestätigen. Zwar wird laut Zahlen des Statistischen Bundesamts jede dritte Ehe geschieden. „In den letzten Jahren sind Eheschließungen aber auch wieder ein wenig angestiegen. Ich glaube schon, dass wir weiterhin ein tiefes Bedürfnis nach Liebe, Geborgenheit und Sicherheit haben – und das bringt die Ehe ja im Grunde mit sich“, sagt die psychologische Beraterin.

• Scheidungen: Im Jahr 2024 wurden in Deutschland 349.200 Ehen geschlossen. Laut Statistischem Bundesamt ist seit 2003 ein deutlicher Rückgang der Scheidungen zu beobachten. Im Durchschnitt erfolgte die Scheidung nach knapp 15 Ehejahren.