Regensburger Experte im Interview: Bargeld? „Ein Stück gelebte Freiheit“

Digital zahlen in Regensburger Bussen und in der Donau-Arena: Dr. Stephan Weber, Zahlungsverkehrsexperte des Forschungsinsituts ibi research an der Universität Regensburg, erläutert Vor- und Nachteile von Bargeld und erklärt. Er erklärt, warum das Thema ein so emotionales ist.
Herr Weber, gewähren Sie uns einen Blick in Ihr Portemonnaie. Haben Sie noch Bargeld in der Tasche?
Dr. Stephan Weber: Ja, ich habe noch Bargeld dabei, ganz wenige Münzen, auch Scheine. Ich zahle aber, wann immer es geht, digital.
Warum dann noch das Bargeld?
Weber: Wenn wir über bargeldloses Bezahlen reden, ist immer Digitalisierung und Technik involviert. Stellen Sie sich vor, Sie stehen an der Kasse und die Technik versagt.
Also als Rettung im Notfall?
Weber: Nennen wir es Backup. Als rein physisches Zahlungsmittel bietet Bargeld eine Absicherung bei technischen Störungen, beispielsweise infolge von Stromausfällen oder ähnlichen Ereignissen. Mittlerweile können wir bei zahlreichen Geschäften, selbst beim Bäcker und Metzger um die Ecke, bargeldlos bezahlen. Diese Entwicklung wurde durch die Corona-Pandemie enorm befeuert, sie hat wie eine Art Mehrjahresbooster gewirkt: In dieser Zeit wurde sehr offensiv vom Verkaufspersonal und durch Schilder darauf hingewiesen, bitte bargeldlos zu bezahlen. Unter normalen Umständen verändert sich das Bezahlverhalten von Menschen nur sehr langsam, da vieles dabei mit Gewohnheit zu tun hat.
Wie wichtig ist Bargeld noch? Was sagen die Zahlen?
Weber: Es gibt seit Jahren Statistiken von unterschiedlichsten Institutionen, der Deutschen Bundesbank und anderen, die das Zahlverhalten analysieren. Dabei zeigt sich, dass die Bargeldnutzung sukzessive abnimmt, wenn auch nicht in dem Ausmaß wie während der Corona-Pandemie. Es gibt weiterhin viele Bargeldliebhaber, die sehr gerne so bezahlen. Wenn man sich die neuesten verfügbaren Statistiken für 2024 etwa aus dem Einzelhandelskontext anschaut, dann wurden rund 63 Prozent des Umsatzes mit Kartenzahlungen generiert. Der Anteil von Bargeld betrug ungefähr 33 Prozent, tendenziell weiter abnehmend in der Zukunft. Und diesen Veränderungen muss man Rechnung tragen.
So wie das Stadtwerk, das in der Donau-Arena von Bar- auf digitale Zahlung umstellt. Die Stadtbusse folgen bald flächendeckend. Die Ankündigungen führten zu sehr unterschiedlichen Reaktionen. Die einen blicken nach Skandinavien und feiern die überfällige Entscheidung, die anderen meinen, Bargeld werde schrittweise abgeschafft und damit die Demokratie. Warum ist das so?
Weber: : Ein Vergleich mit anderen Ländern, beispielsweise mit Schweden, ist wie ein Vergleich von Äpfeln mit Birnen, denn die Ausgangslagen sind völlig unterschiedlich. Im Gegensatz zu Deutschland gibt es dort wenige große Städte, viel dünn besiedeltes Land und deutlich weniger Banken. Der Anreiz für die Verbreitung und Nutzung von digitalem Bezahlen ist somit ganz anders gelagert und kann nicht einfach auf Deutschland übertragen werden. Selbst die schwedische Zentralbank macht sich stark dafür, dass jeder Haushalt eine gewisse Menge an Bargeld zu Hause haben sollte, wenn die technische Infrastruktur mal über einen längeren Zeitraum ausfällt. Die hierzulande mit der Zunahme von digitalen Zahlungen oft geäußerte Befürchtung, dass Bargeld abgeschafft würde, ist nachvollziehbar, da Bargeld eine Reihe von Vorteilen mit sich bringt, die sich nicht oder nicht so einfach in die digitale Welt übertragen lassen.
Welche Vorteile hat Bargeld?
Weber: Bargeld schützt die Privatsphäre, da Zahlungen durch Dritte nicht nachvollzogen werden können. Für die Nutzung von Bargeld wird kein technisches Gerät, kein Smartphone benötigt. Bargeld funktioniert immer. Bargeld steht für ein Stück gelebte Freiheit. Das sind nur einige Eigenschaften, die das Ganze aber emotional aufladen. Was ist mit Menschen, die mit Technik fremdeln? Mit Menschen, die kein Bankkonto besitzen? Bargeld hat auch sehr viel mit finanzieller Inklusion, also mit Teilhabe am gesellschaftlichen Leben zu tun.
Das ist ein Kritikpunkt an den Stadtwerk-Umstellungen: Was ist mit Senioren? Was ist mit Kindern?
Weber: In der Tat ist der Kritikpunkt nicht ganz unbegründet. Natürlich kann man dann nicht mehr spontan in den Bus einsteigen, wenn man nur Bargeld für das Bezahlen des Tickets dabei hat. Allerdings besteht nach wie vor die Möglichkeit an den Verkaufsstellen und -automaten Fahrscheine im Vorfeld in bar zu kaufen. Es gilt wie so häufig bei Neuerungen: Alle beteiligten Parteien sollten gut daran tun, sich aufeinander einzustellen und die jeweiligen Sichtweisen zu verstehen, auch wenn das in der Konsequenz bedeuten kann, die eigenen eingeschliffenen Verhaltensweisen zu verändern. Darüber hinaus ist eine gute und transparente Kommunikation das A und O. Und zur Donau-Arena: In großen Stadien wie der Allianz Arena in München kann an Spieltagen schon seit einigen Jahren nicht mehr bar bezahlt werden. Die Aufregung hielt sich damals stark in Grenzen, heute ist das kein Thema mehr.
Und welche Vorteile haben Unternehmen durch die Umstellung auf bargeldloses Zahlen?
Weber: Mit abnehmender Nutzung wird das Bargeld-Handling zunehmend teurer, da die Stückkosten eines Zahlungsmittels stark von dessen Nutzung abhängen. Somit sind Kosteneinsparungen, aber auch Effizienzgewinne sicherlich wesentliche Vorteile. Busse kommen vielleicht pünktlicher an, wenn der Busfahrer eben nicht mehr Kleingeld nachzählen und rausgeben muss.
Trotz der Vorteile digitalen Zahlens, trotz abnehmender Bedeutung von Bargeld: Bleiben uns Scheine und Münzen erhalten?
Weber: Von einer Abschaffung ist mittel- bis langfristig überhaupt keine Rede. Seien Sie sich sicher, die Europäische Zentralbank und die Deutsche Bundesbank haben ein sehr genaues Auge darauf, dass die Bargeldakzeptanz und -verfügbarkeit erhalten bleiben. Nichtsdestotrotz wird es im Laufe der Zeit immer wieder zu Veränderungen kommen. Wer weiß, ob wir in 50 Jahren überhaupt noch mit Geld bezahlen.
Zur Person
Experte: Dr. Stephan Weber ist Forschungsleiter und Gesellschafter bei ibi research. Der Wirtschaftsinformatiker beschäftigt sich seit rund 15 Jahren mit den unterschiedlichen Facetten des Zahlungsverkehrs von Kunden-, Händler und Bankenseite.
Institut: Die ibi research an der Universität Regensburg ist ein Institut für angewandte Forschung und Beratung im Bereich der digitalen Wirtschaft. Jüngst hat ibi research den E-Commerce-Tag zur Zukunft des Handels im Jahnstadion organisiert.