Chronik zum Wernberger Cold Case: Alles über den Fall Dieter Loew

Von Sebastian Lippert · 14. Oktober 2025 um 09:56

Der Mord an Dieter Loew bleibt nicht länger ein Cold Case. Der Unternehmer war am 22. Dezember 2014 blutüberströmt in seinem Haus in Wernberg (Landkreis Schwandorf) gefunden worden, ehe er starb. Fast sechs Jahre nach der Verfahrenseinstellung rollen Staatsanwaltschaft und Kriminalpolizei in Amberg den Fall neu auf.

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Die Mittelbayerische Zeitung hatte von Dezember 2014 bis Juli 2019 umfangreich recherchiert und berichtet. In unserer Chronik können Sie nachlesen, wie der Fall Loew begann, sich entwickelte, überraschte und vorübergehend zum Cold Case wurde. Die Chronik beginnt beim frühesten Ereignis.

Die Tat

■ Am 22. Dezember 2014 teilt die Polizei mit, dass ein 76 Jahre alter Mann in seiner Wohnung in der Graf-Schall-Straße in Wernberg-Köblitz schwer verletzt aufgefunden worden ist. Ein Pfleger hatte den blutüberströmten Patienten am selben Tag entdeckt. Die Verletzungen, unter anderem am Kopf, werden als lebensbedrohlich eingestuft. Der 76-Jährige wird in eine Klinik gebracht und später ins künstliche Koma versetzt.

Das Archivbild der MZ zeigt etliche Polizeibeamte am 22. Dezember 2014 vor dem Anwesen von Dieter Loew in Wernberg. - Foto: Archiv MZ

Die ersten Ermittlungs-Stunden

■ Die Ermittlungen konzentrieren sich schnell in Richtung eines Kapitalverbrechens, nachdem Einbruchspuren gefunden werden.

■ Noch am selben Tag richtet die Kriminalpolizei Amberg eine Ermittlungsgruppe ein (EG Wernberg). Das weitläufige Areal, bestehend aus Wohnhaus, Gästehaus, Garage und Schuppen, wird abgesperrt. Auch ein Waldstück neben und hinter dem Haus werden abgesperrt und durchkämmt. Überall dort werden Spuren gesichert, außerdem werden erste Personen befragt, darunter Nachbarn.

Eine Spurensicherin im weißen Schutz-Overall. (Symbolbild) - Foto: IMAGO / Rolf Kremming

■ Die Tatwaffe soll „ein stumpfer Gegenstand" sein, als wahrscheinliche Tatzeit werden die Nachtstunden zwischen 21. und 22. Dezember 2014 angegeben.

Neue Spuren

■ Spezialisten der Bereitschaftspolizei und des Landeskriminalamtes sowie Rechtsmedizinier ergänzen die Ermittlungsgruppe. Mithilfe von Polizeihubschraubern und -tauchern werden am 2. Weihnachtsfeiertag neue Spuren rund ums Anwesen gefunden.

Der Tod

■ Genau einen Monat nach dem Angriff verstirbt Dieter Loew am 22. Januar 2015 im Alter von 76 Jahren. Von nun an wird nicht mehr wegen Raubes ermittelt, sondern wegen Raubmords.

So berichtete die Mittelbayerische Zeitung am 23. Januar 2015 im Schwandorfer Lokalteil. - Foto: Reinhold Willfurth / MZ

■ Die MZ berichtet erstmals namentlich, dass es sich beim Getöteten um einen Lokalprominenten handelt: Dieter Loew, Mitglied einer Wernberger Unternehmerfamilie. Sein Vater Dr. Fritz Loew hatte 1968 die Dr. Loew Soziale Dienstleistungen gegründet. Der damalige Bürgermeister der Gemeinde spricht der Familie sein Beileid aus.

Es ist traurig, dass so ein verdienter Mann durch ein so tragisches Unglück sterben muss.

Georg Butz, 1999 bis 2017 Bürgermeister in Wernberg-Köblitz, über Dieter Loew

Die Obduktion

■ Noch am Tag des Todes führt die Rechtsmedizin in Erlangen die Obduktion der Leiche durch, um die Todesursache feststellen zu können. Es kommt wie von den Ermittlern vermutet: Dieter Loew starb an den schweren Verletzungen im Kopfbereich.

Die Suche nach den Mördern

■ Ein Polizeisprecher berichtet zwei Tage nach dem Tod von Dieter Loew von umfangreichen und auch personell sehr aufwendigen Ermittlungen. Diese würden „ohne Unterbrechungen auf Hochtouren“ geführt. Die Ermittler stehen mittlerweile mit der Operativen Fallanalyse (OFA) vom Polizeipräsidium München in Verbindung.

Die OFA ist im Kriminalfachdezernat 1 in München (im Bild) untergebracht. Sie wird bei ungeklärten Verbrechen eingesetzt, wenn Ermittlungen der Polizei nicht zu eindeutigen Feststellungen über Täter, Tatablauf, Opferverhalten oder weitere relevante Tatelemente geführt haben. - Foto: Polizei Bayern

Die ausgesetzte Belohnung

■ Im Februar 2015 werden erstmals Belohnungen für entscheidende Hinweise ausgesetzt. Das Landeskriminalamt verspricht 5000 Euro, die Familie Loew 10.000 Euro (später 25.000 Euro) für einen Tipp oder eine wichtige Beobachtung, die in der Tatnacht vom 21. auf den 22. Dezember gemacht wurde.

Die Durchsuchungen

■ Im März 2015 durchsuchen Ermittler mehrere Objekte – darunter in Wernberg, Weiden, Lochau sowie in Zürs (Vorarlberg). Das Tathaus wird beschlagnahmt und gründlich durchsucht. Zahlreiche Gegenstände werden beschlagnahmt und von nun an auf kleine Partikel untersucht und am 16. März wieder freigegeben. Die Öffentlichkeit erfährt von alldem noch nichts.

Die Überraschung

■ Am 20. März 2015 lässt das Polizeipräsidium Oberpfalz eine Bombe platzen: Die Staatsanwaltschaft Amberg teilt mit, dass wegen Mordes und Raubes mit Todesfolge gegen eine damals 52-Jährige „aus dem familiären Umfeld“ des Getöteten sowie einen damals 25-jährigen Polizisten ermittelt wird. Ein Haftbefehl ergeht nicht, auch zur U-Haft kommt es nicht.

■ Es handelt sich dabei um die Ehefrau des Ermordeten und deren Lebensgefährten. Die Witwe lebt von ihrem Mann getrennt, nach Angaben ihres Verteidigers hatten Dieter Loew und sie beide neue Partner. In einer Pressemitteilung legen die Verteidiger außerdem Wert auf die Feststellung, dass die Eheleute schon „einige Jahre“ getrennt gelebt hätten.

Das Contra

■ Die tatverdächtige Witwe wehrt sich. Sie beklagt die schleppenden Ermittlungen und bezichtigt Polizisten der Schlamperei: In Briefen an Behörden bemängelt die damals 52-jährige, dass untersuchende Polizeibeamte in großer Anzahl ohne die übliche weiße Schutzkleidung durch das Tathaus gelaufen seien.

■ Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz betonte bereits in der Pressemitteilung, dass die Lebensrettung des Opfers im Mittelpunkt gestanden habe. Danach erfolgte „die akribische Spurensicherungs-und Ermittlungsarbeit der Kripo Amberg im bei Kapitalverbrechen üblichen Umfang“.

Da nimmt man in Kauf, dass möglicherweise auch Tatspuren vernichtet werden.

Albert Brück, damals Sprecher des Polizeipräsidiums Oberpfalz, mittlerweile Kripo Regensburg

Die Verzögerungen

■ „Das kann durchaus noch Monate dauern“, sagt Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier im September 2015, fast zehn Monate nach der Tat. Die Ermittlungen laufen schleppend. Strohmeier führt als Grund auch Zeugenvernehmungen und Beweisanträge, angeregt durch Verwandte des Opfers und die Verteidiger der Beschuldigten, ins Feld. Gutachten aus den Polizeilabors trudeln nach und nach ein.

Das ist eine Fitzelarbeit.

der damalige Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier, September 2015, über Spurenanalyse von Kleinstpartikeln

Die Theorie der Bandenkriminalität

■ Auch die Theorie, dass es sich bei dem Überfall um Bandenkriminalität gehandelt haben könnte, wird intensiv geprüft. Die Verteidiger sehen das allerdings nicht so. Sie erklären im Januar 2016, dass für sie ohnehin bereits „der Anschein erweckt [wird], dass zum jetzigen Zeitpunkt andere Täterkreise im Ermittlungsvordergrund stehen“. Daher sollten die Ermittler die Verdachtsmomente gegen die Witwe und ihren Lebensgefährten ausräumen.

Für die Verteidigung wird der Anschein erweckt, dass zum jetzigen Zeitpunkt andere Täterkreise im Ermittlungsvordergrund stehen, statt nunmehr den Makel zu beheben, der durch die Ermittlungen gegen unsere Mandanten erzeugt wurde.

Regensburger Rechtsanwälte Hankowetz und Winkelmeier, Januar 2016

■ Der Zeitpunkt, sich zur Bandentheorie zu Wort zu melden, war womöglich nicht zufällig gewählt. Erst im September 2015 hatte sich in Weiden ein schrecklicher Fall ereignet: Drei Senioren waren von einem Trio gefesselt, übel gefoltert und ausgeraubt worden.

■ Die Polizei aber hält es aufgrund der Spurenlage für unwahrscheinlich, dass unbekannte Täter auf der Suche nach Diebesgut in das Haus eindrangen und Dieter Loew niederschlugen.

Die letzten Spuren

■ Der damalige Leitende Oberstaatsanwalt Dr. Thomas Strohmeier kündigt im Dezember 2016 auf MZ-Anfrage an, dass Anfang 2017 die letzten Spuren ausgewertet werden sollen. Das Ermittlungsverfahren nähert sich damit einem Abschluss.

Der Antrag auf Einstellung des Verfahrens

■ Die Verteidigung beantragt im Dezember 2016 bei der Staatsanwaltschaft Amberg, das Ermittlungsverfahren einzustellen. Nach Auswertung der etwa 1000 Seiten umfassenden Akten kommt Rechtsanwalt Thomas Winkelmeier, der die Witwe vertritt, im MZ-Gespräch zu folgendem Schluss:

Der Fall scheint ausermittelt.

Rechtsanwalt Thomas Winkelmeier im Dezember 2016

Der Regensburger Rechtsanwalt Thomas Winkelmeier. Seine Schwerpunkten liegen laut Eigenauskunft im Straf-, Miet- und Verkehrsrecht. - Foto: Kanzlei Rechtsanwalt Thomas Winkelmeier

Der Ankläger verteidigt sich

■ Zur ungewöhnlich langen Dauer der Ermittlungen sagt Oberstaatsanwalt Dr. Strohmeier, dass man sich die Mühe gemacht habe, „jede einzelne Faser, jedes Haar“ auf den festgestellten Spuren akribisch zu untersuchen.

■ Auch den Vorwurf von Verteidiger Robert Hankowetz (er vertritt den Polizisten), man habe weitere mögliche Täter – zum Beispiel im Bereich der Bandenkriminalität – nicht ausreichend ins Auge gefasst, will Strohmeier so nicht stehen lassen: „Wir haben keine Spur außer acht gelassen“.

Das vorläufige Ende 2019

■ Am 26. Juli 2019 verkündet die Verteidigung, dass das Ermittlungsverfahren gegen ihre Mandanten eingestellt worden ist – über viereinhalb Jahre, nachdem Dieter Loew in seinem Haus blutüberströmt aufgefunden und eine Woche danach verstorben war. Als Grund für die Einstellung führt die Staatsanwaltschaft Amberg an, dass der Ehefrau des Getöten und ihrem Lebensgefährten eine Tatbeteiligung nicht nachweisbar sei.

■ Der Fall „Dieter Loew“ wird zum Cold Case.

Oktober 2025: Alles wieder von vorn

Die Kriminalpolizei Amberg gründet die „EG Wernberg 2“ und öffnet den Cold Case für neue Ermittlungsansätze. Noch einmal sollen alle Spuren und Hinweise von einem neuen Team untersucht und mittels neuer technischer Verfahren überprüft werden.