Neue Ermittlungen im Wernberger Cold Case Dieter Loew: Auch ehemalige Verdächtige bleiben im Fokus

Die Kripo Amberg durchforstet im Cold Case Akten und Spuren mit frischem Blick und neuen technischen Möglichkeiten. Auch die Bevölkerung wird um Mithilfe gebeten, um den Mord an Dieter Loew, der 2014 blutüberströmt in seiner Villa in Wernberg im Landkreis Schwandorf gefunden wurde und an seinen massiven Kopfverletzungen starb, aufzuklären. Zu zwei früheren Tatverdächtigen gibt sich die Polizei bedeckt – schließt aber nichts und niemanden aus.
In der Oberpfalz knöpfen sich Ermittler einen weiteren Cold Case vor: Vor fast elf Jahren wurde der bekannte Unternehmer Dieter Loew aus Wernberg-Köblitz im Landkreis Schwandorf ermordet. Eine Pflegekraft fand den 76-Jährigen am 22. Dezember 2014 blutüberströmt mit massiven Kopfverletzungen in seiner Villa. Vier Wochen später starb er in einer Regensburger Klinik. Nun wollen die Ermittler noch einmal mit einem frischen Team, einem unvoreingenommenem Blick und neuester Kriminaltechnik untersuchen, wer für die tödliche Attacke ein Motiv hatte. Dabei werde nichts und niemand von vorne herein ausgeschlossen, heißt es. Damit ist klar: Auch zwei ehemals Tatverdächtige könnten erneut in den Fokus geraten.
Die Polizei schließt nichts und niemanden aus
Die Ermittlungsgruppe „Wernberg 2“ will neben der Neuauswertung des Spurenmaterials auch alle Aussagen von damals noch einmal genau unter die Lupe nehmen. Das gelte auch für die zur Tatzeit schon geraume Zeit von Dieter Loew getrennt lebende Ehefrau und deren Geliebten, einen damals 25-jährigen Weidener, der bis zu seiner Suspendierung 2018 im Polizeidienst arbeitete. Sie waren kurz nach dem Verbrechen ins Visier geraten. Auf welche konkreten Erkenntnisse sich die Polizei damals stützte, will sie für sich behalten. Erst nach vier Jahren hatte die Staatsanwaltschaft Amberg das Verfahren gegen das Paar 2019 als „nicht nachweisbar“ eingestellt. Die Anwälte hatten mehrfach den langen Zeitraum kritisiert – „obwohl die Ermittlungen und Spurenauswertungen den zunächst in den Raum gestellten Verdacht nicht bestätigen konnten“, sagten damals Robert Hankowetz und Thomas Winkelmeier.
Zu diesem Artikel haben wir eine Chronik für Sie aufbereitet. Sie finden sie hier: Chronik zum Wernberger Cold Case: Alles über den Fall Dieter Loew
Das Paar selbst hatte gegenüber Medien betont, dass seitens der Polizei damals falsche Schlüsse gezogen worden seien. Der Lebensgefährte geriet allerdings parallel ins Zentrum weiterer Ermittlungen und wurde 2020 vom Landgericht Regensburg wegen Steuerhinterziehung verurteilt. Er hatte mit einem EU-weiten Autohandel ein Umsatzsteuerkarussell betrieben. In den Jahren 2013 und 2014 kassierte er so 1,38 Millionen Euro Vorsteuer zu unrecht. Vor Gericht räumte der Mann die Vorwürfe ein. „Das war eine dumme Geschichte.“

Was wurde entwendet?
Dagegen streitet das Paar vehement ab, etwas mit dem Verbrechen an dem Geschäftsmann Loew zu tun zu haben. Loew stand viele Jahre als Geschäftsführer an der Spitze der in ganz Bayern tätigen „Dr. Loew Soziale Dienstleistungen“, deren Schwerpunkt in der Arbeit mit Menschen mit geistigen, psychischen und körperlichen Einschränkungen sowie Senioren und Jugendliche liegt. Er baute das von seinem Vater 1968 gegründete Unternehmen maßgeblich auf, war aber zum Zeitpunkt seines gewaltsames Todes nicht mehr in leitender Funktion tätig. Der Vater von sechs Kindern lebte nur wenige Straßen vom Firmensitz entfernt in einer Siedlung, die an ein großes Waldgebiet angrenzt. Dort suchte damals die Polizei mit Hundertschaften nach Spuren.
Obwohl in den Medien von einem Raubmord die Rede war, will die Polizei sich nicht festlegen, ob der oder die Täter tatsächlich auf der Suche nach Geld und Wertsachen das Anwesen durch ein Bürofenster im Erdgeschoss bestiegen. Es drang auch nie an die Öffentlichkeit, was seinerzeit entwendet wurde. Weil die Ermittlungen nur schleppend vorankamen, lobte die Familie des Opfers 2015 eine Belohnung in Höhe von 25 000 Euro aus. Doch der entscheidende Hinweis kam auch danach nicht. Zeitweise arbeitete die EG Wernberg mit bis zu 30 Ermittlern an dem Fall.
Kurz-Chronologie im Mordfall Loew
• 22. Dezember 2014: Dieter Loew wird von einer Pflegekraft blutüberströmt auf dem Boden seines Hauses in Wernberg-Köblitz entdeckt. Der 76jährige war in der Nacht zuvor offenbar Opfer eines Raubs geworden.
• 22. Januar 2015: Dieter Loew erliegt in einem Regensburger Krankenhaus seinen schweren Verletzungen. Die Ermittlungsgruppe„EG Wernberg“ fahndet seitdem fieberhaft nach den Tätern. Das Landeskriminalamt setzt eine Belohnung von 5000 Eurofür Hinweise auf die Tat aus, die Familie Loew eine Belohnung von 25 000 Euro.
• März 2015: Die Ermittler geben das Haus von Dieter Loew nach der Beschlagnahmung wieder frei und übergeben es an die getrennt von Dieter Loew lebende Ehefrau.
• April 2015: Die Staatsanwaltschaft Amberg gibt bekannt, dass gegen die 52-jährige (Noch-)Ehefrau von Dieter Loew und deren Lebensgefährten, einen 25-jährigen Polizisten aus Weiden, wegen Mordverdachts ermittelt wird. Auch die Operative Fallanalyse München wird in die Ermittlungen eingebunden.
• Dezember 2016: Die Anwälte der beiden unter Tatverdacht stehenden Personen - Robert Hankowetz und Thomas Winkelmeier – stellen einen Antrag auf Einstellung des Ermittlungsverfahrens.
• Anfang 2017: Die letzten Spurenanalysen treffen bei der Staatsanwaltschaft Amberg ein. Danach wird das Ermittlungsverfahren mangels hinreichender Beweise für einen Tatverdacht der beiden Personen eingestellt.
• Oktober 2025: Die Kripo Amberg gründet die EG Wernberg 2 und öffnet den Cold Case für neue Ermittlungsansätze. Noch einmal sollen alle Spuren und Hinweise von einem neuen Team untersucht und mittels neuer technischer Verfahren überprüft werden.
Das neu zusammengestellte Cold-Case-Team, das sich jetzt noch einmal die Akten und Asservate vornimmt, wird nicht ganz so groß sein. Es werde sich aber auf fortschrittliche technische Analyseverfahren stützen können – mit dem Ziel, die bislang offenen Fragen endlich zu klären, heißt es in einer Pressemitteilung des Polizeipräsidiums Oberpfalz. Auf Nachfrage wird betont, dass bei den Neubewertungen „nichts ausgeschlossen“ werde. „Auch scheinbar nebensächliche Hinweise aus der Vergangenheit werden unter heutigen Gesichtspunkten erneut bewertet.“ Ob am Tatort DNA-Spuren gesichert wurden, die mit den jetzigen Untersuchungsmethoden noch einmal analysiert werden sollen, will die Kripo zum jetzigen Zeitpunkt nicht sagen. Aus einer Formulierung der Pressemitteilung lässt sich allerdings herauslesen, wo sich die Ermittler selbst ihre Ziele setzen: „Wir sind entschlossen, mit neuem Blick und dem nötigen Druck die offenen Fragen zu beantworten.“
Polizei plant Plakataktion
Auch eine Öffentlichkeitsfahndung ist geplant: Dafür werden in den kommenden Tagen im Raum Wernberg-Köblitz Plakate an Bushaltestellen, öffentlichen Plätzen und Einkaufszentren gehängt. Die Bürger sind aufgerufen, sich mit Hinweisen zum Cold Case bei der Kriminalpolizei Amberg (09621/890-2121) zu melden. Ziel der Aktion sei es, mögliche Zeugen zu erreichen, die bislang nicht mit der Polizei in Kontakt getreten sind – etwa, weil sie ihre Beobachtungen im Dezember 2014 für nicht relevant hielten oder sich aus anderen Gründen bisher nicht gemeldet haben, heißt es. Für zielführende Hinweise sei weiterhin eine Belohnung in Höhe von 5000 Euro ausgelobt.

In den vergangenen Jahren hatte die Amberger Kripo bereits zwei Cold Cases neu aufgerollt. Doch weder im Fall der im März 1980 getöteten Fabrikarbeiterin Erna Kalweit, die tot am Amberger Stadtgraben lag, noch der Mord an der 15-jährigen Christa Mirthes, die 1978 verstümmelt in einem Brunnen in Schwandorf gefunden wurde, gab es eine konkrete Spur zum Täter. Auch im Fall der bis heute vermissten 12-jährigen Monika Frischholz, die 1976 in Flossenbürg spurlos verschwand, konnten die Ermittler der Kripo Weiden 2019 keinen Erfolg vermelden. In diesen Fällen kann möglicherweise nur noch eine sogenannte Lebensbeichte des Täters auf dem Sterbebett den Opfer-Familien Gewissheit bringen.