Viel Holz, viel Grün: Die Supermärkte der Zukunft kommen aus Regensburg

Von Marion Koller · 14. Oktober 2025 um 09:00

Viel Holz, viel Grün: Der Regensburger Öko-Pionier Sebastian Schels will mit seinem Unternehmen Ratisbona zeigen, wie die Bauwende geht. Der 44-Jährige sagt dem Klimawandel in den Städten den Kampf an.

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Sebastian Schels greift in ein Glas mit Zellulose-Flocken und holt eine Handvoll heraus. „Wenn Sie künstliche Dämmstoffe anfassen, müssen Sie sich danach die Hände waschen, bei Zellulose nicht“, sagt er. Im Firmensitz seiner Ratisbona Handelsimmobilien in der Kumpfmühler Straße sind Muster vieler Baustoffe zu sehen, die das Unternehmen einsetzt: Holz, Seegras, Granit, Klimastein, Bambus. Prominent platziert auf einem Tisch im Konferenzraum ist das Buch „Als ich mich auf den Weg machte, die Erde zu retten“. Herausgeber: Eckart von Hirschhausen und Sebastian Schels. In der öffentlichen Debatte hat das Thema Klimawandel an Resonanz verloren, doch der Ökopionier Schels treibt es beim Supermarktbau voran.

Die Materialien stellt der 44-Jährige aus, weil er beobachtet, dass sich die Geschäftspartner eher von nachhaltigen Baustoffen überzeugen lassen, wenn sie diese berühren können. 20 Supermärkte zieht das Unternehmen jährlich in ganz Europa hoch, zurzeit in Bayreuth und bald bei München: ob Edeka, Aldi, Lidl oder Netto. Und, ja: Die Seegras-Kugeln und die im Büro aufgestellte Holzfassade fühlen sich gut an.

Rückbau wird eingeplant

Die Naturmaterialien besitzen überraschende Eigenschaften. „Der Dämmstoff Seegras hat durch den Salzgehalt einen eingebauten Brandschutz“, nennt Sebastian Schels ein Beispiel. Ratisbona testet und prüft die Öko-Baumaterialien. „Wir versuchen, die in die Breite zu bringen.“ Eines ist dem Unternehmer besonders wichtig: Nachhaltiger Supermarktbau sei grundsätzlich nicht teurer. „Viele machen den Fehler, Ökologie automatisch mit steigenden Kosten und steigenden Preisen in Verbindung zu bringen“, bedauert er. Hier gebe es einen stillen Konsens – von der Entwicklung über die Herstellung bis zum Vertrieb. Und das nicht nur in seiner Branche.

Visionär: Sebastian Schels - Foto: Eckl

„Dabei kommt man bei ökologischen Baustoffen in der Produktion meist ohne teure chemische Zusätze und ohne energieintensive Prozesse mit hohen Temperaturen aus, beispielsweise bei der Zellulose." Freilich genießt Ratisbona einen Vorteil: Die Firma ist Bauherrin. Meistens mieten die Lebensmittelketten. „Wir müssen die Händler als Mieter überzeugen, können aber ansonsten frei gestalten“, sagt der Diplom-Kaufmann. Netto am Pfälzer Weg in Lappersdorf war 2019 der erste „Holzmarkt“ der Firma. Vater Rudolf Schels, Gründer der Netto-Supermarktkette und Vize-Präsident des FC Bayern München, weihte ihn kurz vor seinem Tod noch ein. Ein Markt mit Parkplätzen darüber wurde für die Aussiger Straße errichtet. Für Leipzig, Berlin und Dresden hat Ratisbona Märkte mit Wohnungen im Obergeschoss entwickelt.

Sebastian Schels wischt durch die Fotos auf seinem Handy. Er zeigt die Visualisierung des modernsten Marktes, der in Haimhausen im Landkreis Dachau entstehen wird: Eine Holzfassade und viel Grün davor. Der Bau wird nicht nur nachhaltig sein, sondern die Teile können in 20 Jahren auseinandergenommen und wiederverwendet werden.

Baumaterialien aus der Natur: Seetang (r.) und Klimastein (M.) - Foto: Koller

Stolz ist er auf den Bau in Creußen bei Bayreuth, der bald eröffnet. Der punktet mit Holzfassade, Zellulose-Dämmung, Photovoltaik, Schreinerküche für die Angestellten, versickerungsfähigem Pflaster und einer weitläufigen, bienenfreundlichen Grünanlage. Sebastian Schels wollte nach dem Generationswechsel einen neuen Weg gehen, weil er überzeugt ist, dass die Städte wegen der größeren Hitze und stärkeren Regenfälle klimaangepasst sein müssen. Der Familienvater und seine Frau Michaela haben vier Kinder im Alter von sieben bis 13 Jahren. „Ich habe mir überlegt, was ich meinen Kindern einmal übergeben will. Das ist eine lebenswerte Welt. Dazu möchte ich einen Beitrag leisten“, sagt der 44-Jährige.

Parkplätze reduzieren

„Wenn sie mich fragen zu meiner Berufslaufbahn, will ich eine Antwort geben, auf die ich stolz sein kann.“ Deshalb kommen für ihn nur noch umweltfreundliche Supermärkte infrage. Es sei Ratisbona gelungen, in der Branche neue Standards für ökologisches Bauen zu setzen. Doch das reicht dem Unternehmer nicht. Zusammen mit seiner Frau hat er Ende 2024 die gemeinnützige Stiftung Märkte fürs Leben gegründet, die sich für mehr Grün in Städten stark macht. Einkaufsmärkte sollen künftig mit weniger Parkplätzen auskommen und stattdessen der Natur mehr Raum schenken. „Die Außenflächen können zu städtischen Klimaanlagen werden“, ist Schels überzeugt.

Die Märkte der Antike und des Mittelalters waren gesellschaftliche Drehscheiben. Der Regensburger will auch die heutigen Supermärkte so gestalten, dass die Leute ins Gespräch kommen: im Café oder auf dem blühenden Vorplatz.