Friedensschluss zwischen Israel und der Hamas: Regensburgs Juden jubeln verhalten

Von Christian Eckl · 10. Oktober 2025 um 17:00

Der Waffenstillstand im Nahen Osten wird für die Menschen jüdischen Glaubens in Regensburg überschattet vom Antisemitismus auf der Straße. Rabbiner Benjamin Kochan sprach mit der Mediengruppe Bayern über Antisemitismus von Links und seine Sorgen über den Islamismus.

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Dass die Synagoge nicht nur Polizeischutz genießt, sondern auch eine Hochsicherheitsschleuse Menschen jüdischen Glaubens in Regensburg schützen muss, das ist für viele Gemeindemitglieder leider Alltag. Und doch hat der Krieg im Nahen Osten die Situation für Juden in Deutschland noch verschärft. Antisemitismus auf deutschen und auch auf Regensburger Straßen ist durch den Krieg ebenfalls alltäglich geworden. Diese Woche nun hat der Friedensplan des US-Präsidenten Donald Trump vielen Menschen in Israel Hoffnung gemacht. Wie gehen die Regensburger Juden mit der neuen Situation um? Rabbiner Benjamin Kochan, der mit seiner Familie zwischen Berlin und Regensburg pendelt, ist nach eigenen Angaben „vorsichtig optimistisch“.

„Haben für Geiseln gebetet“

„Seit dem 7. Oktober 2023 haben wir für die Geiseln gebetet. Sie waren hier immer präsent“, sagt der Rabbiner. „Auch in meinem Alltag gibt es eigentlich fast kein Gespräch, in dem die Situation in Israel nicht auf die eine oder andere Weise thematisiert wird.“ Vor allem im Gespräch mit Mitgliedern der Gemeinde, die entweder Verwandte in Israel haben, oder selbst Israelis sind, wird die Situation dort deutlich: „Wir können es uns nicht vorstellen, wie es ist, wenn Millionen Menschen mehrmals pro Woche in den Luftschutzbunker müssen.“ Für die Menschen in Israel sei das Alltag geworden. „Nicht vergessen darf man auch, dass im Norden Israels 200 000 Bewohner ihre Häuser verlassen mussten.“

Der jüdische Humor aber, der legendär und eben auch oftmals sehr schwarz ist, mache es leichter. „Anders kann man die Situation dort wohl nicht mehr verkraften“, sagt Kochan. Die Regensburger jüdische Gemeinde ist eine der größten in Bayern. Und sie ist in den letzten Jahrzehnten gewachsen – von etwa 100 bis in die 90er Jahre auf über 1000. Viele Menschen, wie Kochan auch, kommen aus den ehemaligen Sowjetrepubliken oder aus Russland selbst. Zu Beginn des Ukraine-Kriegs sorgte genau das für Debatten. „Heute hat die Situation in Israel die Debatten über den Ukraine-Krieg verdrängt“, sagt Kochan.

Doch die Lehre daraus ist auch: „Hier, in der Synagoge, ist ein neutraler Ort.“ Es gehe hier nicht darum, ob man die Regierung des amtierenden Ministerpräsidenten Benjamin Netanjahu nun gut oder schlecht findet. „Einig sind wir uns hier, dass zuerst das Blutvergießen beendet werden muss.“ Hier wirft Kochan aber gerade den vermeintlichen „Pro-Palästina-Aktivisten“ vor, „dass es denen gar nicht um die Zivilbevölkerung geht“. Es gehe vielmehr darum, die Hamas zu unterstützen. „Und das ist eine Terrororganisation“, macht Kochan klar.

Von den Europäern ist der Rabbiner allerdings enttäuscht. Im Hinblick auf die Anerkennung eines Staates Palästina etwa durch die britische und die französische Regierung fragt er sich: „Welchen Preis zahlt man dafür?“ Es gebe einen Zusammenhang zwischen solchen Entscheidungen und der Zunahme des Antisemitismus in Europa. „Ich glaube, dass sich viele Menschen, die antisemitisches Gedankengut in sich getragen haben, sich nun auch von internationalen Organisationen wie der UNO und eben diesen Regierungen bestätigt fühlen und den Antisemitismus nun offen ausleben.“ Die Flotte um die Aktivistin Greta Thunberg beispielsweise habe politische Ziele verfolgt – „auf dem Rücken der Menschen in Gaza. Ich finde das menschenverachtend“, so der Rabbiner.

Bemerkenswert ist, dass in Regensburg sogar die Antifa, also Linksextreme, gegen Antisemitismus demonstrieren. Kochan erlebt das in Berlin ganz anders. „Ich habe den Eindruck, in diesen Kreisen versteht man den Unterschied zwischen Kritik an Israels Regierung und Antisemitismus. Ich weiß nicht, ob das Absicht ist oder ob die führenden Figuren in manchen linken Kreisen einfach lügen. In jedem Fall ist es schon seltsam, wie man sich in diesem Lager positioniert.“ Auch den Muslimen in Deutschland macht Kochan Vorhaltungen. „Ich habe mich auch mit Imamen unterhalten, die mir offen sagten, sie könnten die Hamas in ihren Gemeinden nicht verurteilen, weil es zu viele Anhänger gibt.“ Dabei bräuchte es Autoritäten auch hierzulande in der islamischen Gemeinschaft, die sich offen von den Terroristen distanzieren. „Und ich verstehe auch nicht, wieso die Deutschen nicht in Länder wie Frankreich und Großbritannien reisen und sich dort ansehen, wie die Situation ist, ja sich fragen: Wollen wir auch hierzulande diese offene Feindschaft gegen Juden?“ Er und viele Gemeindemitglieder hätten selbst Migrationserfahrung. „Klar ist immer: Für alle gilt das Grundgesetz.“ Das schließe Religionsfreiheit mit ein – aber eben für alle.

Früher dachte sich Kochan, wenn Zeitzeugen über ihre Erfahrungen im Dritten Reich sprachen und vor allem über die Anzeichen, bis es soweit kam: „Das sind Traumatisierte.“ Doch jetzt sieht er das anders: „Mir ist klar geworden, dass es auch in unseren Gesellschaften Anzeichen dafür gibt, wie schlimm es für Juden wieder werden kann.“

Lob für Uni und OTH

Ausdrücklich lobt der Rabbiner übrigens, wie klar sich die Präsidenten der Universität und der OTH gegen Antisemitismus und Anti-Israel-Stimmungen positioniert haben. „Genau das meine ich“, fügt Kochan an. „Es ist wichtig, dass Vertreter von Institutionen sagen: Bis hierher und nicht weiter.“ Denn: Nie wieder ist jetzt.

Zur Person

Benjamin Kochan wurde 1988 in Magadan, Russland, geboren und lebt seit 2002 in Deutschland. Er absolvierte das Jüdische Gymnasium in Berlin und studierte anschließend am Rabbiner-Seminar in Berlin sowie jüdische Sozialarbeit in Erfurt. Seit 2015 erhielt er die Ordination als Rabbiner (Smicha) und ist neben Chaim Bloch Rabbiner in Regensburg.