Paukenschlag nach 155 Jahren: Der Bahnhof von Beratzhausen wird abgerissen

Erst 2023 feierte Beratzhausen das 150-jährige Bestehen der Bahnstrecke Regensburg – Nürnberg. In vier Monaten beginnt die Bahn mit der Grundsanierung der Strecke und deren Haltestellen. Doch in dieser Vision, den Zugverkehr fit für die Zukunft zu machen, hat ein Relikt aus der Vergangenheit keinen Platz mehr: Das Bahnhofsgebäude aus dem Jahr 1870 soll abgerissen werden. Es gibt aber einen Lichtblick.
Es wird eine Millionen-Sanierung: Beratzhausen, mit 1200 Fahrgästen pro Werktag und Direktverbindung zum Flughafen einer der wichtigsten Bahnhöfe im Landkreis Regensburg, erhält eine neue Unterführung mit Lift, digitale Tafeln und ein taktiles Leitsystem für Sehbehinderte. All das geschieht im Namen der Barrierefreiheit. Der vielleicht größte Umbau aber: Damit Passagiere, auch solche im Rollstuhl oder mit Kinderwägen, ebenerdig aus den Zügen aussteigen können, soll der ganze Haltepunkt einen halben Meter höher gelegt werden. Hier nun liegt das Problem: Das Bahnhofsgebäude ist so nahe an den Gleisen, dass dies nicht möglich ist, außer ...
... nun ja, außer das ganze Gebäude wird abgerissen. Dies ist nun auch, so teilt Beratzhausens Bürgermeister Matthias Beer mit, der Plan. „Angedeutet wurde es vor ein paar Monaten schon. Jetzt wurden wir kürzlich informiert, dass es endgültig ist“, sagt er. Die Bahn selbst möchte sich auf Nachfrage nicht äußern. Zwar erschien auf der Bahn-Website ein großer Vorbericht zur baldigen Sanierung – vom Bahnhof Beratzhausen war dort aber keine Rede. „Bzgl. des leerstehenden Bahnhofsgebäudes, dem Südost-Anbau und der Bahnhofsausstattung bitten wir um Verständnis, dass wir zum aktuellen Zeitpunkt noch keine konkreten Details zu den einzelnen Maßnahmen oder zur Zukunft des Hauptbahnhofsgebäudes bekanntgeben“, teilt die Bahn auf Nachfrage mit.
Beratzhausens Bürgermeister sieht Chance für Zukunft
Dabei seien die Gründe für den Abriss durchaus verständlich, sagt Bürgermeister Beer. „Wir haben der Bahn Vorschläge für alternative Nutzungen gegeben. Aber bei aller Emotion sind die Argumente der Bahn schon auch schlüssig“, sagt er. Mit einer Erhöhung der Bahnsteige würde das Gebäude quasi einen halben Meter im Boden versinken. Außerdem sei es so nahe an den Gleisen, dass Sicherheitsabstände nicht eingehalten werden können und man theoretisch schon allein zum Fensterputzen und für Dacharbeiten aus Sicherheitsgründen die Strecke sperren müsste. Auch jede noch so schöne Nachnutzung hätte daran nichts ändern können.

Obwohl er es wahnsinnig schade um das alte Gebäude finde, sehe er auch einen Lichtblick. Nur das Hauptgebäude, nicht der längliche Anbau wird abgerissen. „Es ist ein Konzept geplant, das einen deutlichen Mehrwert für Pendler und Bürger bieten wird“, verrät Beer – Details will er aber noch nicht nennen. Und schließlich ist der frühere öffentliche Wartebereich seit vielen Jahren zu, und das Gebäude hat bis auf sein graziles historisches Äußeres keinen wirklichen Mehrwert für irgendjemanden außer die Spatzen, die manchmal auf der Regenrinne sitzen. In der Hinsicht freut sich Beer auf eine zukünftige Nutzung. „Und dafür bin ich der Bahn auch wirklich dankbar.“
Die Geschichte des Beratzhausener Bahnhofs
Am 1. Juli 1873 wurde die Bahnstrecke Regensburg – Nürnberg mit der Einweihung der Beratzhausener Eisenbahnbrücke über dem Tal der Schwarzen Laber offiziell eröffnet. Schon rund zwei Jahre vor diesem Datum war der Bahnhof fertig, genutzt zunächst als Poststelle, von der aus vier Zusteller arbeiteten. Auch eine Bahnhofswirtschaft gab es dort. Überliefert in einem Reisebericht aus dem Jahr 1877 ist die tragische Anekdote, dass ein Jahr zuvor der Müllers-Sohn Joseph Betz nach einem Besuch des Lokals mit Freunden „leichten Blutes, ohne Laterne“ heimging und auf dem Weg die Böschung der neuen Gleise hinabstürzte. Zwei Unfälle am Haltepunkt 2009, einer davon tödlich, erschütterten die Menschen in Beratzhausen.

Bis vor Kurzem war die Wohnung im Obergeschoss des Bahnhofsgebäudes noch bewohnt, doch auch diese ist inzwischen verlassen, wie das öffentliche Untergeschoss es schon seit vielen Jahren ist. Schon vor zehn Jahren stand das Gebäude zum Verkauf, so wie Hunderte Bahnhofsgebäude in Deutschland. 2019 dann legte die Bahn die Bremse ein und entschied, ihre Bahnhöfe doch zu behalten.
Bereits in den vergangenen Jahren standen leerstehende Bahnhofsgebäude immer wieder im Fadenkreuz – mit unterschiedlichem Ausgang. Der alte Bahnhof Matting wurde im Dezember 2015 abgebrochen, nachdem jedoch schon seit 1991 dort kein Zug mehr gehalten hatte. Anders war es beim großen Bahnhofsgebäude in Maxhütte-Haidhof, das sogar noch älter ist als das in Beratzhausen. 2012 sollte es abgerissen werden, doch ein „Historischer Arbeitskreis“ gründete sich umgehend und kämpfte für den Erhalt. Mit Erfolg. Am Ende ist eine Nutzung immer auch eine Frage des Geldes, wie die Bewohner von Wiesau in der Nordoberpfalz wissen, deren „Kulturbahnhof“ einen zweistelligen Millionenbetrag kostet. Für Beratzhausen jedoch scheint das Ende nun besiegelt – wenn auch diesem Ende, wie es doch so oft ist, auch ein neuer Anfang innewohnt.