Julius Grimm über seinen ersten Spielfilm „Zweigstelle“: „Besser hätt’s kaum laufen können“

Das Jenseits als muffige Behörde voller schrulliger Beamter, die frisch ankommende Gestorbene verwaltet: Die Komödie „Zweigstelle“ zündet beim Publikum. Vor der Premiere im Regina-Kino erzählt der Filmemacher, wie seine Ideen entstehen, warum Stars wie Luise Kinseher für den gesetzlichen Mindestlohn spielten – und wie ihn sein Vater geprägt hat: der Regensburger Künstler Wolfgang Grimm.
Herr Grimm, ich kann kaum glauben, dass „Zweigstelle“ Ihr Spielfilm-Debüt ist. Hat mir größtenteils richtig gut gefallen. Wie kommt man auf die Idee, das Jenseits als angesiffte Behörde zu erfinden, in der vier frisch gestorbene junge Leute landen?
Grimm: Ich sollte im Sommer 2023 für das Lustspielhaus in München ein Theaterstück inszenieren. Das verschob sich. Leiter Till Hofmann meinte: Na, dann dreh’ doch einen Film hier, ich geb’ dir den Schlüssel. Die Idee ließ mich nicht los. Da schlich sich der Gedanke ein: Was wäre, wenn wir nach dem Tod im Theater zu uns kämen? Ich googelte, wie viele Menschen in Deutschland am Tag sterben: 2790. Ganz schön viel. Die können da ja nicht alle auf einmal im Jenseits ankommen. Das muss organisiert werden. Da braucht man eine Behörde.
Wo haben Sie gedreht?
Grimm: In den Filmstudios in Penzing. Das war früher eine Kaserne, mit 250 Meter langen Gängen. Das sieht aus wie eine Behörde, deshalb wollte ich dort unbedingt drehen.

Wie viel Budget hatten Sie? Wie schwer kommt man an Geld?
Grimm: Sehr schwer! Gerade bei einem ersten Film. Die Bayerische Filmförderung deckte 50 Prozent der beantragten Summe ab. Wir klopften überall an, fanden aber kein Geld – und machten den Film letztlich für diese viel zu kleine Summe.
Wie haben Sie dann Ihren wunderbaren Cast bezahlt? Mit tollen Leuten wie Luise Kinseher, Johanna Bittenbinder, Rick Kavanian, Rainer Bock, Abbrunzati Boys, Maxi Schafroth?
Grimm: Wir haben den gesetzlichen Mindestlohn gezahlt, wie jedem im Team: 12,82 Euro waren es, glaub’ ich. Ich bin seit 20 Jahren in der Branche. Es gibt einen Freundeskreis, Leute wie Maxi Schafroth und Simon Pearce kenne ich lange. Andere Darsteller waren klassisch angefragt bei Agenturen.
Solchen Profis muss man als Regisseur gar nichts sagen, oder?
Grimm: So ein Ensemble ist ein Genuss. Ich konnte mich zu jeder Sekunde auf alle verlassen. Trotzdem: Ich hatte bestimmte Vorstellungen im Kopf.

Bei den karikaturhaften Figuren Regie zu führen, ist einfacher. Schwieriger dürfte es sein bei den vier jungen Leuten, die subtiler agieren, oder?
Grimm: Die Vier sind für mich Wahrhaftigkeit, sie kommen aus der Wirklichkeit. Mit denen soll das Publikum mitfühlen. Dafür dürfen alle Figuren in der Behörde so sehr aufdrehen wie sie lustig sind.
Es gibt erste Reaktionen: Wo der Film gegen Ende in Ernsthafte dreht, wird eine Schwachstelle erkannt. Wie sehen Sie das?
Grimm: Wir finden, dieses Ende im Film war die beste Lösung. Ich bin ganz zufrieden.
Ihr Werk erhielt beim Filmfest München den Publikumspreis. Wie groß war die Konkurrenz?
Grimm: Mmh. Weiß ich gar nicht. „Zweigstelle“ trat gegen alle nationalen Filme an. Der Preis war ein schöner Lohn für uns, für alle, die für so wenig Geld so viel in Bewegung setzten. Schon beim Filmfest Premiere zu haben, war phänomenal. Wir hatten zwei ausverkaufte Vorstellungen und eine dritte am Königsplatz in München, vor etwa 800 Menschen. Und dann noch der Preis. Besser hätt’s kaum laufen können.
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Ihre Dialoge haben es mir sehr angetan. „Wenn wir jetzt tot sind, weil du mein Auto ruiniert hast, bring ich dich um!“ So was. Sehr ausgefeilt. Notieren Sie alle Einfälle gleich?
Grimm: Ich gehe gern lang spazieren, um nachzudenken. Für Dialoge laufe ich im Büro im Kreis, ich schlüpfe in die Figuren und plappere vor mich hin. Ich bin ein Mensch, der sehr gern lacht, auch über eigene Witze, und feile so lang rum, bis ich selber lachen muss über das, was ich geschrieben hab’.

Der Film ist schön ausgestattet: Die Farben bräunlich-vergilbt, die Kostüme köstlich. Wie viel Julius Grimm steckt da drin?
Grimm: Ich hatte ein unfassbar tolles Team. Kamerafrau Lea Dähne, Kostümbildnerin Marlene Jordan, die Szenenbildnerinnen Hannah Nonnast und Ruth Grau... Wir wollten eine Differenz: die Echtwelt kühl, das Jenseits wärmer. Wir wollten sehr statische, grafische Bilder, weil es ja eine Behörde ist, und wir fanden alle die 1970er als Rahmen am schönsten.
Sie zogen mit 17 von Regensburg nach München. Ihr Vater Wolfgang Grimm war einer der wichtigsten Künstler in Ostbayern, geradezu ein Kunstberserker und ein Kulturbeweger. Wie hat Sie das geprägt?
Grimm: Das Künstlerische gaben mir mein Vater und meine Mutter mit; sie malten beide. Ich erinnere eine Familienausstellung, in der auch Bilder von mir zu sehen waren, die ich mit vier gemalt hatte. Mein Vater sagte oft: Werd’ bloß kein Künstler! Aber hätte es nicht diese Prägung gegeben, hätte ich mich nicht so intensiv auf Bild und Film gestürzt.
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Ihr Vater gründete hier 2002 den Kunstverein Graz. 2007, mit 48 Jahren, beendete er sein Leben. Auch „Zweigstelle“ handelt vom Tod. Kein Zufall, oder?
Grimm: Wolfgang ist maßgeblich dafür verantwortlich, dass ich das Thema im Film behandle. Sonst hätte ich nie so darüber nachgedacht, was da alles passiert, wenn man stirbt.
Wolfgang Grimm unterrichtete bei Montessori und engagierte sich ab 2003 in der „Schule der Fantasie“. Waren Sie da auch?
Grimm: Klar! Ich fand es immer wahnsinnig bewundernswert, was er da geschaffen hatte: lauter kleine Kinder, die der Fantasie freien Lauf lassen!
Sie sind mit „Zweigstelle“ auf Kinotour. Gibt’s neue Pläne?
Grimm: Im Idealfall gehen für „Zweigstelle“ ein paar Leute ins Kino. Ich hätte Lust, weiter Komödie zu machen; ein erfolgreicher Film hilft da natürlich. Auch wenn es den wunderbaren Marcus H. Rosenmüller gibt: Ich finde, gute Komödien fehlen, im Verhältnis zur Masse an neuen Filmen im Kino. Ein, zwei gute Komödien im Jahr sind mir zu wenig. Ich lache gern öfter als zwei Mal im Jahr.
Interview: Marianne Sperb
Premiere am 5. Oktober in Regensburg
Julius Grimm, Jahrgang 1987, wuchs in Regensburg als Sohn des Künstlerpaares Sonja und Wolfgang Grimm auf. Er zog mit 17 nach München, machte eine Ausbildung zum Mediengestalter Bild und Ton und studierte Regie an der HFF München. Sein Kurzfilm „Eigenbedarf“ holte einen Demokratiepreis beim Filmzeit Festival. Sein Spielfilm-Debüt „Zweigstelle“ bekam beim Filmfest München 2025 den Publikumspreis. Aktuell ist Julius Grimm mit Gästen auf Kino-Tour. „Zweigstelle“ spielt in einer absurden Behörde im Jenseits, in der schrullige Beamte ankommende Gestorbene verwalten – auch vier junge Freunde. Es geht um verpasste Chancen und die Macht der Bürokratie. Die Rollen sind mit bayerischen Stars besetzt, auch die Kultband Roy Bianco & Die Abbrunzati Boys hat einen Auftritt. Der Film kommt am 9. Oktober ins Kino. In Regensburg hat er am 5. Oktober (20 Uhr) im Regina-Kino Premiere, mit Regisseur Julius Grimm als Gast.