Ein Ausflug in unsere Bibliothek im Kopf mit dem Regensburger Neuromediziner Volker Busch

Der Regensburger Neuromediziner Volker Busch schreibt wissenschaftliche Bestseller, seine Vorträge und Publikationen haben Kult-Status. In „Gute Nacht, Gehirn“ erklärt er, wie wir zur Ruhe kommen – zum Beispiel, um die Stimme unserer Intuition besser zu hören.
Volker Busch läuft am Montag in der Buchhandlung Pustet vor der ersten Zuschauerreihe wie ein Tiger hin und her, den Blick konsequent ins Publikum gerichtet, Ausschau haltend nach Beute – und am Ende packt er sie alle.
Informieren und dabei unterhalten ist sozusagen die Spezialität des vielfach ausgezeichneten Speakers, der eine Menge Dinge jongliert: Vorträge halten, Bücher schreiben, Podcasts produzieren, Patienten behandeln, die Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Bezirksklinikum der Uni Regensburg managen, Folgen von Stress und Schmerz erforschen.
„Ich weiß gar nicht, woher er die Zeit nimmt“, sagt Susanne Borst von Pustet, wo der ziemlich berühmte Autor sein neues Buch vorstellt, und zwar noch bevor es in den Handel kommt. Seine Fans haben schon im Mai, lang im Voraus, ratzfatz alle Tickets für die Premiere reserviert. Über 200 000 seiner Bücher hat der Droemer-Verlag verkauft, vor gut 300 000 Menschen hat Busch schon live gesprochen. Er lässt sich bei seinen mitreißenden Vorträgen vermutlich von seiner Intuition leiten. Dieser wertvollen Begleiterin hat der Wissenschaftler eins der zwölf Kapite l im Buch gewidmet, sie steht auch am Montag im Fokus.
Grenzenloser Speicherplatz
An die 10 000 Entscheidungen trifft der Mensch am Tag. Ohne Intuition wäre das kaum gut zu schaffen, sagt Busch und hat, wie meistens, ein Beispiel parat: Ein Wissenschaftler hatte beim Besuch im Getty Museum Los Angeles vor einer Statue, für 500 000 Dollar gekauft und angeblich antik, das Gefühl: Da stimmt was nicht. Die Steinanalyse ergab: die Figur war gefälscht. Dem Mann hatte sein Schatz an Erfahrung geholfen. Die Gäste bei Pustet schauen mit dem Professor ins Gehirn: Den Hippocampus erklärt er als Raum mit Regalen voller Bücher, voller Erfahrungen. „Diese Bibliothek kennt keine Grenze nach oben“, ist Buschs gute Nachricht. „Der Speicherplatz ist unendlich. Wir löschen nichts.“ Nicht mal bei Alzheimer, das den Zählkatalog schädigt, aber keine Regale räumt.
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Der Erfahrungsschatz ist Gold wert für den Abgleich. Tauchen unbekannte Muster auf, schlägt das Cingulum im Gehirn Alarm. Der Körper meldet das Unbehagen schon früh, zeigt es in Schweiß und aufgestellten Härchen an und weiß noch vor dem Bewusstsein: Da ist was komisch. „Intuition hat nicht immer recht“, sagt Busch. Aber in 70 oder 80 Prozent eben schon. „Das ist ’ne höhere Chance als beim Münzwurf.“
In drei Fällen ist dem Bauchgefühl weniger zu trauen: bei starken Emotionen (Verliebte oder Wütende können eher schief liegen), bei Zufall (Intuition ist im Roulette mitnichten eine sichere Bank) und bei mangelnder Erfahrung. Genau da liegt ein Problem der modernen Gesellschaft. Sie hört weniger auf Intuition als auf KI und Algorithmen. „Wenn wir unser Wissen an Apps auslagern, ersetzt das keine Erfahrung; die verkümmert“, warnt der Wissenschaftler und findet auch hier Worte, die sich einprägen: „Man kann sich die Welt nicht anlesen, man kann sie nur erfahren.“ Auf Grönland etwa ereignen sich seit 2004 mehr Unfälle im Eis – seit der Einführung von GPS. Das Erfahrungswissen der Inuit, über Jahrhunderte aufgebaut, wird laut Schätzungen in vielleicht zwei Generationen verloren sein, sagt Busch und zitiert T.S. Eliot: „Wo ist die Weisheit, die wir in den Informationen verloren haben?“ Der Rat des Professors: Erfahrungen machen, die Umwelt aufmerksam aufnehmen und am Ende des Tages Fehler reflektieren, um die Bücher im Gehirn zu korrigieren.
Intuition liebt die Stille
„Gute Nacht, Gehirn“ verhandelt zwölf Dinge, die wir brauchen wie: Das kleine Glück, den Ausgleich, das Verzeihen, die Zuversicht. „Gedanken, um zur Ruhe zu kommen“ heißt das Buch im Untertitel. Denn auch Intuition braucht Stille; da hört man ihre Stimme am besten. Es spricht aber nichts dagegen, abends in diesem kundigen, äußerst einleuchtenden und flockig geschriebenen Buch zu lesen. Warme Empfehlung!
„Gute Nacht, Gehirn"
„Gute Nacht, Gehirn“ von Professor Volker Busch ist im Verlag Droemer erschienen, hat 256 Seiten, kostet 18 Euro und kommt am 1. Oktober in den Handel. Alle Details zum Autor auf seiner Homepage: drvolkerbusch.de