Wilderei im Landkreis Kelheim: Hetzjagd im Licht von Auto-Scheinwerfern

Von Martin Rutrecht · 1. Oktober 2025 um 19:00

Es waren grausige Funde: zwei abgetrennte Rehschädel, daneben sieben -beine. In der Region Schwandorf machte Wilderei in diesem Sommer Schlagzeilen. Im Landkreis Kelheim kam es in den vergangenen Jahren zu Einzelfällen, sagt die Polizei. Und es gab schon bizarre Hetzjagden auf Waldtiere, berichtet Kelheims Jägerchef.

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Eine Wildkamera hält einen Mann mit Rucksack und Stirnlampe nahe des Fundorts fest, einem Jungjäger fallen zwei Autos mit niederländischem Kennzeichen auf, in denen Jagdutensilien liegen. Die Begleitumstände der entdeckten Rehkörperteile bei Teunz im Raum Schwandorf deuten auf eine gezielte Tat hin. „Das sieht nicht so aus, als wenn da jemand mal spontan in den Wald wäre“, sagt auch Albert Limmer, Vorsitzender des Kreisjagdverbands Kelheim.

„Heute jagt niemand mehr ein Wild aus Hunger, wie es vielleicht früher war“, setzt der Mainburger hinzu. Er ordnet es als „Jux und Gaudi“ ein – oder als „Lust am Töten“. „Manche fühlen sich wie Rambo, wenn sie eine Waffe in der Hand haben“, so der 72-Jährige, der seit über vier Jahrzehnten im Jagdwesen aktiv ist. „Glücklicherweise“ blieb Wilderei in jüngerer Vergangenheit im Landkreis aus, sagt er. Auch eine Abfrage bei allen sechs Hegegemeinschaftsleitern im Kreis ergab keine Hinweise auf mögliche aktuelle Fälle.

Verdächtige Schüsse und Autos im Wald

„Eine niedrige zweistellige Anzahl an Vorfällen“ ging bei der Polizei in Kelheim seit 2020 ein. „Tote Tiere und teilweise verwertete Rehe wurden aufgefunden“, sagt Polizeikommissar Steffen Heppenheimer, Pressesprecher der PI Kelheim. Großteils verläuft die Suche nach Tätern schwierig. „Die Anzeigen werden meist gegen Unbekannt geführt.“ Bei den Beamten wurden auch verdächtige Fahrzeuge und Schüsse gemeldet. Von illegal aufgestellten Fallen haben die Polizeiinspektionen Kelheim und auch Mainburg keine Kenntnis.

Die Polizei Mainburg registrierte in den letzten fünf Jahren „zwei Verdachtsfälle, bei denen jeweils abgetrennte Körperteile von Rehen aufgefunden wurden“, erklärt Dienststellenleiter Martin Wuchterl auf Anfrage. Der Verdacht auf Jagdwilderei habe sich aber in beiden Fällen nicht bestätigt. Limmer erklärt denn auch: „Abgetrennte Rehköpfe und Tierknochen müssen nicht zwingend Hinweise auf Wilderei sein.“

Albert Limmer legte sich schon selbst auf die Lauer, um Wilderer zu stellen. - Foto: Limmer

Jäger Limmer hat sich selbst schon auf die Lauer gelegt, um mögliche Täter zu erwischen. Zuletzt vor einem Jahr bei einem Vorfall an der Landkreisgrenze in Richtung Freising: „Da wurden Autos beobachtet und Schüsse in der Dunkelheit abgegeben.“ Er selbst fuhr eines Nachts raus. „Es ließ sich aber nicht sagen, ob einfach in die Luft geballert wurde.“ Bei Au in der Hallertau wäre ein verdächtiges Auto aufgetaucht, beschreibt er ein weiteres Vorkommnis. Die Polizei wurde informiert, konnte aber kein Fahrzeug mehr feststellen.

Ein Ereignis vor etwa zehn Jahren im Raum Meilenhofen und Elsendorf hat sich bei Limmer eingebrannt. „Da wurden Autos gemeldet, die mit Scheinwerfern durch Wald und Wiese geprescht sind, angeblich waren Pickups darunter.“ Mit Kleinkaliber-Gewehren sei geschossen worden. „Verdächtige wurden nie aufgebracht. Auch erlegtes oder zerteiltes Wild haben wir nie gefunden.“

Jede Wilderei gehört hart bestraft.

Albert Limmer, Kreisjagdsverbands-Vorsitzender

Wilderei aus wirtschaftlichen Gründen schließt Limmer in der hiesigen Region aus. „Alle Wirte, die ich kenne, würden sofort stutzig werden, wenn ihnen ein Fremder Wildfleisch anbieten würde.“ Oft seien Wirtshausbetreiber selbst Revierpächter. „Vielleicht sind einzelne Wilderer auf Trophäen aus“, mutmaßt er zu Beweggründen für illegale Jagd.

Jede Form der Wilderei gehört für Limmer „hart bestraft“. Das Strafgesetzbuch spricht unter Paragraph 292 von Jagdwilderei, wenn jemand unter Verletzung fremden Jagdrechts oder Jagdausübungsrechts „dem Wild nachstellt, es fängt, erlegt oder sich oder einem Dritten zueignet“. Der Strafrahmen reicht bis zu drei Jahren Haft und erhöht sich auf fünf Jahre, wenn die Wilderei „gewerbs- oder gewohnheitsmäßig, zur Nachtzeit, in der Schonzeit, unter Anwendung von Schlingen oder von mehreren mit Schusswaffen ausgerüsteten Beteiligten gemeinschaftlich“ begangen wird.

Auch Fischwilderei gibt es

Im Mai 2024 gab es am Altwasserarm im Bereich des Rennwegs in Kelheim einen Fall von Fischwilderei. Ein Fischereiaufseher hatte „Legeangeln“ entdeckt. Bei ihnen handelt es sich häufig um improvisierte Vorrichtungen, bei denen mit Angelhaken versehene Schnüre unbeaufsichtigt ins Wasser gelassen werden und nur gelegentlich der Fangerfolg kontrolliert werden. Diese Methode wird Schwarzfischern zugerechnet. Ein toter Fisch hing an einer Legeangel. Zwei Monate später wurden zwei Männer von einem Fischereiaufseher gestellt, die keine erforderlichen Dokumente fürs Fischen vorweisen konnten, berichtet die Polizei Kelheim.

Warnende Worte kommen aus den Reihen der Polizei hinsichtlich des Stellens von Wilderern. „Grundsätzlich sollte im Verdachtsfall die Polizei sofort verständigt und kein Verdächtiger vom Bürger oder Jagdpächter selbständig angesprochen werden“, sagt Erster Polizeihauptkommissar Wuchterl. Immerhin seien mögliche Täter bewaffnet. „Man weiß nicht, wie sie reagieren“, unterstreicht auch Kreisjagdverbands-Vorsitzender Limmer.

Jäger und Wild

Waidmänner: Der Kreisjagdverband zählt 635 Mitglieder. Dem Jagdverein Holledau, der auch in den Kreis hineinreicht, gehören 250 Jagdberechtigte an. Insgesamt geht man von 1000 Jagdscheininhabern im Landkreis aus.

Schwarzwild: Im vergangenen Jagdjahr wurde eine Strecke von 1700 Wildsauen erlegt. „In starken Jahren hatten wir 2600 bis 2800“, erklärt Kreisjagdchef Limmer. Der Bestand ist freilich höher.

Niederwild: Laut Unterlagen im Landratsamt wurden im letzten dokumentierten Jagdjahr (März 2023 - März 2024) 5421 Stück Rehwild, 1000 Feldhasen und 1771 Füchse zur Strecke gebracht.