„Regensburg war größer als Paris“: Neues Mammut-Werk über die Stadtgeschichte

Von Christian Eckl · 29. September 2025 um 05:00

Der Leiter der Staatlichen Bibliothek Regensburg, Bernhard Lübbers, hat eine neue Stadtgeschichte geschrieben. 650 Seiten handeln von Aufstieg und Abstieg einer Stadt über die Jahrhunderte und die Frage: Stehen wir heute wieder vor dem Abgrund?

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Wie kamen Sie auf die Idee, ein Werk über die Geschichte Regensburgs zu schreiben?

Bernhard Lübbers: Der Regensburger Verleger Fritz Pustet hat mich seit 2014 immer wieder darauf angesprochen. Also habe ich geschaut, was es schon gibt. Es gibt rund 38 000 Publikationen über Regensburg, darunter ungezählte Bücher. Ein Mensch kann übrigens etwa 5000 Bücher im Leben lesen, wenn das Leben lang und erfüllt ist.

Was unterscheidet Ihr Werk von den bisherigen?

Lübbers: Es gibt Klassiker wie den Großen Bauer. Ein großartiges Werk, keine Frage – aber ohne eine einzige Fußnote. Wer wissen will, woher er etwas hat, muss sich mühsam durch die Literaturverzeichnisse wühlen. Ähnlich bei der „Kleinen Regensburger Stadtgeschichte“ von Matthias Freitag: sehr gut geschrieben, keine Frage, aber eben nur ein Überblick.

Besonders spannend fand ich einen Fund aus den 1970er Jahren: Bei der Renovierung der Kirche am Keilberg stellte sich heraus, dass dort ein Lagerplatz des Homo sapiens war. Das ist eine bedeutende Fundstelle, vergleichbar, wenn auch nicht so reich an Kunstfunden, mit der Schwäbischen Alb.

Bernhard Lübbers, Autor

Wo fangen Sie an?

Lübbers: In der Steinzeit. Regensburg war schon sehr früh besiedelt – sowohl Neandertaler als auch Homo sapiens lassen sich hier nachweisen. Besonders spannend fand ich einen Fund aus den 1970er Jahren: Bei der Renovierung der Kirche am Keilberg stellte sich heraus, dass dort ein Lagerplatz des Homo sapiens war. Das ist eine bedeutende Fundstelle, vergleichbar, wenn auch nicht so reich an Kunstfunden, mit der Schwäbischen Alb.

Ab wann kann man von „Regensburg“ sprechen? Ist das die berühmte Gründung des Castra Regina durch die Römer?

Lübbers: Ja, dem habe ich ein eigenes Kapitel gewidmet. Castra Regina ist der römische Name, nach dem das Legionslager benannt wurde. Aber man muss sehen: Solche Kastelle gab es viele – entlang des Rheins, in Wien, überall. Regensburg unterscheidet sich nur dadurch, dass es in Stein gebaut wurde.

Und was passierte nach dem Abzug der Römer?

Lübbers: Dann kamen Männer aus Boio, also etwa aus Böhmen, die man später Bajuwaren, Männer aus Boio, nannte. Es waren wahrscheinlich nur einige Hundert oder gar nur Dutzende. Sie setzten sich hier fest, weil das römische Legionskastell ummauert war. Vorher gab es Kohortenkastelle: Neben dem Kastell am heutigen Arnulfsplatz gab es gleichzeitig ein Kastell in Kumpfmühl. Beide sind zur selben Zeit zerstört worden, durch die Markomannen. Wer die Quellen kennt, weiß das. Insofern ist Kumpfmühl nicht älter als die anderen frühen Siedlungskerne – und damit auch nicht Regensburgs ältester Stadtteil, wie gerne behauptet wird.

Gab es besondere Funde aus der Römerzeit in Regensburg?

Lübbers: Ja, einige. In Kumpfmühl hat man beschriftete Fässer gefunden – etwas sehr Seltenes. Und es gibt noch ältere Straßenspuren als die aus der Römerzeit, etwa die Trasse beim Weißgerbergraben. Sie stammt noch aus vorrömischer Zeit.

Und wie entwickelte sich Regensburg in der Spätantike?

Lübbers: Man hat das römische Legionslager teilweise verkleinert und abgetrennt, weil statt 6000 Legionären irgendwann nur noch rund 1000 Soldaten hier waren. In die frei gewordenen Bereiche zog die Zivilbevölkerung ein, weil es draußen unsicher war. Spuren von Gewaltfunden, etwa in Harting, zeigen, wie gefährlich das Umland war.

Das Jahrzehnt zwischen 536 und 545 gilt nach heutigen Forschungen als das kälteste der letzten zweitausend Jahre. Vulkanausbrüche oder vielleicht sogar ein Meteoriteneinschlag führten zu einer globalen Abkühlung. Missernten und Hungersnöte folgten.

Warum schrumpften die Siedlungen dann so drastisch?

Lübbers: Es war ein Zusammenspiel vieler Faktoren, nie eine einzelne Ursache. Mit dem Niedergang der römischen Macht zerfielen Verwaltungs- und Versorgungsstrukturen. Zugleich überrollte die Völkerwanderung Mitteleuropa: Ostgoten, Westgoten, Hunnen – immer neue Gruppen bestimmten für eine Zeit das Geschehen. Hinzu kamen dramatische Naturereignisse: Das Jahrzehnt zwischen 536 und 545 gilt nach heutigen Forschungen als das kälteste der letzten zweitausend Jahre. Vulkanausbrüche oder vielleicht sogar ein Meteoriteneinschlag führten zu einer globalen Abkühlung. Missernten und Hungersnöte folgten. Und schließlich brach die Justinianische Pest aus, die auch in Bayern archäologisch nachweisbar ist. Seuchen, Klimawandel, politische Instabilität – all das führte dazu, dass ganze Städte einbrachen, die Bevölkerung schrumpfte und das Niveau römischer Zivilisation rapide verfiel.

Das klingt nach einer Übergangszeit zwischen Römern und Bajuwaren.

Lübbers: Genau, es war ein Mischbild. Die Namen der Orte verraten viel: In Thalmassing steckt ein Langobarde, in Prüfening vielleicht ein Römer, Probinus, und bei Kareth streiten die Gelehrten, ob es keltisch oder noch älter ist.

Kann man in der Zeit nach dem römischen Rückzug überhaupt schon von einer Stadt sprechen?

Lübbers: Nein, nicht im eigentlichen Sinn. Was wir in Regensburg haben, sind die Reste einer Befestigung. Die Mauern des Legionslagers standen, doch dahinter verfiel vieles. Gebäude kippten um, statt Steinbauten entstanden einfache Hütten, statt römischer Fußbodenheizungen gab es wieder offene Feuerstellen. Die krummen Gassen, die wir heute noch kennen, erzählen von diesem Niedergang: Man ging einfach um die Trümmer herum. Es war eine Phase zivilisatorischen Abstiegs.

Wann kam wieder Struktur in das Gemeinwesen?

Lübbers: Vermutlich schon im späten siebten Jahrhundert. Herzog Theodo spielte eine Schlüsselrolle: Er rief Gestalten wie Emmeram, Erhard oder Rupert, die halfen, religiöse und politische Strukturen neu aufzubauen.

Der Leiter der Staatlichen Bibliothek, Dr. Bernhard Lübbers, hat eine Geschichte Regensburgs geschrieben. - Foto: Sabine Franzl

Wie entwickelte sich Regensburg dann im Hochmittelalter?

Lübbers: Zwischen 800 und 1200 erreichte die Stadt ihre erste große Blüte. Regensburg war zeitweise größer als Paris, europäisch vernetzt, Handelsplatz und religiöses Zentrum. Die Steinerne Brücke und der Dom bezeugen diesen Anspruch bis heute. In diese Phase fällt auch eine der faszinierendsten Episoden: die sogenannte Dionysius-Fälschung in St. Emmeram. Abt Regenward ließ um 1050 alte Ziegelsteine als Beweisstücke inszenieren, um eine Wallfahrt zu begründen und Regensburg zur Kathedrale des Ostfrankenreichs zu machen. Man wollte eine Herrschergrablege und einen weiteren zentralen Heiligen, neben Emmeram. Man erfand, ergänzte und inszenierte, sehr eindrucksvoll.

Was sagt dieser Griff in die Trickkiste über das Selbstverständnis Regensburgs?

Lübbers: Er zeigt den Anspruch, in der ersten Liga mitzuspielen – als religiöses Zentrum, als Grablege von Königen und Herzögen, als Ort von europäischer Bedeutung. Im Mittelalter zählte weniger die historische Exaktheit als die Wirkung. Wer Heilige, Reliquien und Herrschergräber vorweisen konnte, hatte Rang. Regensburg hatte all das – und wenn etwas fehlte, half man eben nach.

War die Geschichte der Stadt immer ein Auf und Ab?

Lübbers: Genau das ist das Wesen von Geschichte generell. Auf Phasen des Reichtums folgten Krisen: Handelswege verlagerten sich, neue Routen ließen alte Städte zurückfallen. Dann wiederum brachte der Immerwährende Reichstag ab 1663 neue Bedeutung – Regensburg war über Jahrhunderte internationales Zentrum. Die religiösen Auseinandersetzungen dieser Zeit spiegeln sich bis heute: Evangelische und katholische Strömungen existierten parallel, auch Reformierte und Wiedertäufer waren präsent. Manche Gruppen wurden integriert, andere bekämpft – wie eben die Täuferbewegung.

Und die jüdische Geschichte?

Lübbers: Sie gehört unbedingt dazu, auch mit ihren Brüchen. 1519 kam es zum Pogrom und zum Abriss der Synagoge – ein schmerzhaftes Kapitel. Aber man darf nicht vergessen: 1349, als andernorts die Judenverfolgungen tobten, stellten sich die Regensburger schützend vor ihre jüdischen Mitbürger. Eine Urkunde belegt: Wenn jemand unsere Juden antastet, ist er tot. Das zeigt, wie widersprüchlich Geschichte ist. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Juden damals mit der sogenannten Judensau diffamiert wurden.

Wie entwickelte sich Regensburg im 16. und 17. Jahrhundert, in der Zeit des Immerwährenden Reichstags?

Lübbers: Diese Epoche brachte Glanz und Wohlstand. Mit den Reichsständen, den Gesandten und nicht zuletzt dem Haus Thurn und Taxis kamen Geld und Einfluss in die Stadt. Opern- und Ballhäuser entstanden, Feste bestimmten den Alltag, Regensburg wurde zum gesellschaftlichen und politischen Treffpunkt des Reiches. Regensburg spielt in einzelnen Jahrhunderten in der Liga von großen Städten. Daher habe ich das Buch auch Biografie genannt. Ähnliches gibt es über Jerusalem oder Venedig.

Wo sehen Sie Regensburg heute? In einer Blüte – oder schon im Abstieg?

Lübbers: Ich würde sagen: Wir erleben ein Hoch, die Stadt glänzt und wächst. Aber der Abgrund ist nie weit. Geschichte verläuft immer in Wellen, und als Historiker kann man rückwärts treffender urteilen als nach vorn. Sicher ist nur: Alles, was wir jetzt sagen, gehört schon zur Geschichte.Das Interview führte Christian Eckl.