„Ich weiß nicht, wer ich bin“: Dieser Mann sucht in Regensburg nach seiner Identität

Von Christian Eckl · 18. Juli 2025 um 05:00

Ein Mann aus Regensburg behauptet, aus Russland zu stammen, wohin er als Kind mit seinen Eltern ausgewandert sei. Nach einem Unfall, bei dem seine Eltern gestorben sein sollen, könne er sich an wenig erinnern - auch nicht mehr, woher er eigentlich kommt. Der Fall eines in Regensburg lebenden Obdachlosen stellt die Behörden vor ein Rätsel.

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Wenn er seinen Kopf senkt, dann sieht man Wunden und verheilte Verletzungen. Der junge Mann zeigt auf die tiefen Schrammen, die von schweren Verletzungen zeugen. Wenn er den Kopf wieder hebt, blicken tiefe blaue Augen fragend scheinbar in die Leere.

Der junge Mann sagt leise: „Ich bin Anton Kamp. Aber wo ich geboren wurde, weiß ich nicht.“ Diese Geschichte erzählt von einem Mann, der als Obdachloser in Bayern umherirrte, in Regensburg landete, hier nun in einer Obdachlosenunterkunft lebt und in einer Einrichtung für arme Menschen arbeitet. Und der behauptet, nicht zu wissen, wer er ist. Was geschieht mit Menschen, deren Identität ungeklärt ist? Eine Spurensuche.

Ein Leben ohne Erinnerung und Herkunft

Die Geschichte, die Anton Kamp erzählt, ist simpel. Bei einem tragischen Autounfall in Russland, sagt er, hat er seine Eltern verloren. Sechs Monate habe er im Krankenhaus gelegen. Das war 2022. Den größten Teil seines Gedächtnisses will er dabei verloren haben. Die russischen Ärzte haben ihn sechs Monate lang versorgt.

Er erinnerte sich an das Gesicht seiner Eltern. Und daran, eigentlich aus Deutschland zu stammen. Sein Vater, so sagt er es, sei aus Russland gekommen, seine Mutter aber Deutsche. Er sei in Bayern geboren worden. „Ich glaube, wir haben an der Donau gewohnt. Ich erinnere mich, als Kind und Jugendlicher dort gewesen zu sein.“ Ein Bekannter habe ihn nach Deutschland mitgenommen.

Das war vergangenes Jahr. Er lebte als Obdachloser auf der Straße. „Ein hartes Leben. Man hungert“, sagt Kamp heute. Dabei drückt er sich gewählt aus. Er spricht perfekt Deutsch, ohne Fehler. Nur ein ganz leichter Akzent in der Stimme verrät, dass er lange Jahre über Russisch gesprochen hat. Das beherrscht er ebenso perfekt.

Behördliche Spurensuche und Hoffnung auf Klärung

„Ich wollte nach Bayern, weil ich glaube, dass ich hier geboren wurde“, sagt der junge Mann. Da blickt er wieder traurig und fragend mit seinen blauen Augen in die Leere. Er sucht, das spürt man, wenn man sich mit ihm unterhält, Antworten auf seine vielen Fragen. Antworten suchen derzeit auch die Behörden. Kamp sagt, sein Pass sei ihm auf der Straße gestohlen worden. Doch er kennt seinen Namen und sein Geburtsdatum. Wo er aber genau geboren ist, weiß er nicht.

Der Anton ist ein guter Mensch. Wir wollen ihm helfen, das alles aufzuklären und auf die Beine zu kommen.

Arno Birkenfelder, Rengschburger Herzen

Mit dem Rad nach Bayern

Sicher ist, dass Kamp vergangenes Jahr in Norddeutschland landete und sich dann nach Bayern durchschlug. Als Obdachloser und mit einem Fahrrad. Er versuchte es zunächst in Passau, dann kam er nach Regensburg. Hier lebt er in einer Obdachlosenunterkunft der Caritas. Und arbeitet beim Verein Rengschburger Herzen, der sich um Bedürftige kümmert.

Das Gespräch mit der Mediengruppe Bayern findet in deren Räumen statt. Der Vereinsvorsitzende Arno Birkefelder sagt: „Der Anton ist ein guter Mensch. Wir wollen ihm helfen, das alles aufzuklären und auf die Beine zu kommen.“

Kamp hat Unterstützung vom Regensburger Anwalt Philipp Pruy. „Der Fall Anton Kamp ist derart außergewöhnlich, dass hier keiner Behörde ein Vorwurf zu machen ist“, sagt der Anwalt. Pruy ist auf Ausländerrecht spezialisiert. Er kennt zahlreiche Fälle, in denen Asylbewerber ihre Identität nicht preisgeben, weil sie angeblich ihre Pässe verloren haben.

Es ist bereits nicht klar, ob Herr Kamp noch deutscher Staatsangehöriger ist oder seine Staatsangehörigkeit durch Annahme der russischen Staatsangehörigkeit verloren hat

Philipp Pruy, Anwalt des Mannes

Doch dieser Fall ist anders. „Es ist bereits nicht klar, ob Herr Kamp noch deutscher Staatsangehöriger ist oder seine Staatsangehörigkeit durch Annahme der russischen Staatsangehörigkeit verloren hat“, sagt der Anwalt. „An diesem Fall sieht man anschaulich, wie sinnvoll es sein kann, dass biometrische Daten wie Fingerabdrücke bei Behörden hinterlegt sind. Dass Fingerabdrücke im Personalausweis gespeichert werden, ist erst seit etwa vier Jahren verpflichtend.“

Spezieller Status

Bei Asylbewerbern gibt es häufig Fälle, bei denen die Identität als ungeklärt gilt, in selten Fällen auch tatsächlich vollständig ungeklärt ist, teilweise über Jahrzehnte hinweg. Solche Personen erhalten einen speziellen Status: Duldung für Personen mit ungeklärter Identität.

In den meisten Fällen liegen jedoch zumindest ein paar Unterlagen vor, zum Beispiel eine Geburtsurkunde oder ein alter Ausweis aus dem Heimatland. So sind meist Rückschlüsse auf die Staatsangehörigkeit möglich. Derzeit leben etwa 94.000 Menschen mit ungeklärter Identität in Deutschland, zumeist Asylbewerber.

Diese Fälle werden beim Bundesamt für Migration und Flüchtlinge (BAMF) behandelt. In Zusammenarbeit mit den Sicherheitsbehörden wird die Identität geklärt, auch wenn kein Pass vorliegt. Doch in diesem Fall ist das BAMF nicht zuständig. Kamp hat keinen Asylantrag gestellt.

Wie Behörden mit Menschen ohne Papiere umgehen

„Die Anzahl von Personen mit ungeklärter Identität ist verschwindend gering“, sagt eine Sprecherin der Stadt Regensburg. Bei der Stadt sei in den vergangenen 30 Jahren nur ein Fall bekanntgeworden. „Mit Hilfe abgenommener Fingerabdrücke könnte die Identität jedoch geklärt werden“, heißt es von der Stadt. Ob das auch bei Anton Kamp möglich ist, ist offen.

Auch die Polizei ist involviert. „Das Polizeipräsidium Oberpfalz sieht sich hin und wieder mit Fällen konfrontiert, in denen die Identität einer Person ungeklärt ist“, sagt eine Sprecherin . Sie nennt Beispiele wie Personen ohne Ausweisdokumente oder Menschen, die widersprüchliche Angaben zu ihrer Herkunft machen. Auch Fälle mit Verdacht auf Identitätsverschleierung oder -verlust gehören dazu.

Wenn die Polizei um Amtshilfe gebeten wird, etwa von der Ausländerbehörde, um ein Personenfeststellungsverfahren durchzuführen, stellt eine erkennungsdienstliche Behandlung die Datengrundlage dar. Dabei werden zunächst Fingerabdruckdaten und biometrische Bilddaten mit dem nationalen polizeilichen Bestand abgeglichen.

In einem zweiten Schritt erfolgt meist eine bundesweite Steuerung von Bildern. „Vereinfacht ausgedrückt wird jeder Polizeidienststelle in Deutschland ein Foto der unbekannten Person mit der Fragestellung vorgelegt: Ist diese Person bei Ihnen bekannt?“

Oft ergeben sich Hinweise auf die mögliche Herkunft einer Person auch durch Sprache oder Aussehen. In diesen Fällen werden dann konkret an diese Länder Anfragen gerichtet. Kamp kam vergangenes Jahr zur Polizeidienststelle Süd in Regensburg und schilderte seinen Fall.

Die Beamten haben daraufhin verschiedene Maßnahmen ergriffen, sagt die Sprecherin, um seine Identität zu klären, darunter eine erkennungsdienstliche Behandlung und die Prüfung von Vermisstenfällen. Trotz dieser Bemühungen konnte die Identität des Mannes nicht festgestellt werden.

Frage an russische Botschaft

Kamps Anwalt Pruy sagt, man werde sich auch an die russische Botschaft wenden, um dort zu erfragen, was die Behörden über ihn gespeichert haben. Und man habe eine Duldung beantragt, so lange nicht klar ist, ob er überhaupt die deutsche Staatsangehörigkeit hat. Kamp selbst sagt, er habe das allermeiste aus seinem früheren Leben vergessen.

Nur den Namen und das Gesicht seiner Eltern nicht: „Auch wenn ich nachts aufwache und vom Unfall träume: Ich weiß, dass ich Anton Kamp bin und irgendwo in Bayern geboren wurde.“

Mehr weiß er nicht mehr.