Lilli aus Regensburg und ihr Vater, der wie aus dem Himmel kam

Von Helmut Wanner · 27. September 2025 um 19:00

Die Tochter erzählt über den „Tate“, der die Hölle von Auschwitz durchgemacht hatte. Sie selbst hat davon erst als Schulkind erfahren. Über die Familiengeschichte schreibt MZ-Autor Helmut Wanner im neuen Teil seiner Serie Wanners Welt. Im Mittelpunkt stehen die Regensburgerin Lilli und ihr Vater Heinrich Bielawski .

Lilli klingt fröhlich und liebenswert. Der Name passt zu der quirligen Person, die da vor mir sitzt. Spontan ist sie. Am Morgen rief ich an, noch am selben Tag hatte sie Zeit für unser Gespräch. „Erlejdigt is erlejdigt, war ein Spruch von meinem Vater.“ Die Regensburgerin wirft immer wieder jiddische Sätze ein.

Lilli ist mit viel Liebe aufgewachsen. Bis in die vierte Klasse Volksschule lebte Lilli im Paradies der Unbeschwertheit. „Mein Vater war der erste Mann im Dorf, der einen Kinderwagen schob. Er war glücklich.“

Was sie lange nicht wusste: Es war Vaters zweites Leben. Am 23. April 1945 um 2 Uhr nachts war der KZ-Häftling am 23. Tag eines Todesmarsches geflohen. Ausgerechnet hinter der Tür des dritten Hauses, an dem der ausgemergelte Mann klopfte und um Wasser zum Waschen bat, wohnte sie – Lillis zukünftige Mutter. Heinrich Bielawski heiratete die junge Frau noch im Oktober. Es war für beide Liebe auf den ersten Blick.

Nach Ende des 1000-jährigen Reiches war diese Liebe ein Skandal im Dorf. Ihr Vater erzählte später, in der Straße hätten sich die Stores bewegt, wenn er an den Häusern den Kinderwagen vorbeischob. Er sang dabei vor sich hin. Lilli erinnert sich an sein Lieblingslied, „Die Julischka aus Budapest. Er hatte so eine schöne helle Tenorstimme, voller Gefühl.“ Dass man nachts in das Fenster der Wohnung der Bielawskis einen Ziegelstein geworfen hatte, „genau ins Zimmer, wo mein Bettchen stand“, hat Lilli erst erfahren, als sie schon in Regensburg lebten.

„Judenkind! Judenkind!“

Lilli ging in die St.-Klara-Schule. „Warum meine Schulfreundin, die mich auf dem Nachhauseweg immer begleitete, plötzlich weglief und Judenkind! Judenkind!, schrie, weiß ich nicht.“ Ohne Zweifel brach für Lilli damals der Ernst des Lebens an. „Erst in der vierten Klasse habe ich erfahren, dass mein Vater Jude ist. Zu Hause habe ich ihn gefragt: Was ist das, ein Judenkind? Da hat mein Vater erstmals darüber gesprochen. Er hat geschluckt. Lillile, deine Großeltern hat man umgebracht.“

Bis dahin hatte Lilli geglaubt, es sei normal, dass Kinder nur ein Großelternpaar haben. Lilli hat nicht einmal ein Foto von ihrer Großmutter. „Aber wenn ich wissen will, wie meine Oma Golde ausgesehen hat, muss ich nur in den Spiegel gucken.“ Lilli hat dafür den besten Zeugen, ihren Onkel. „Oi, das Mädel sieht aus wie Golde, hat er gesagt, als er mich sah.“ Nathan Bielawski aus Lemberg war ihr einziger Verwandter der Vaterseite. Ihr Vater schien für Lilli, elternlos wie er war, direkt aus dem Himmel gekommen zu sein.

„Meine Mutter hat das vorhergesehen. Mit zehn Jahren hat sie schon gesagt, dass sie einmal einen Mann heiraten wird, dessen Namen man nicht richtig aussprechen kann.“ In Polen nannte man ihren Liebsten Heniek, das ist die Koseform von Henryk. Er ist „der Hölle entronnen“. So ist der Titel der markerschütternden Lebenserinnerungen Heinrich Bielawskis.

Das Buch ist längst vergriffen. Deren 150 Seiten hat Lilli wohl an die 100 Mal gelesen. Aber als sie dann im November 2022 die Regensburger Ausstellung „Vergesst Sie nicht!“ besuchte, erst da fiel es ihr wie Schuppen von den Augen. „Diese Berge von Schuhen. Dieses Eingeschlossensein. Ich hab in diesem Moment so gespürt, wie sich das für meinen Vater angefühlt hat.“

„Ich habe alles überlebt und alles verloren“

Fünf Jahre war Heinrich Bielawski in Konzentrationslagern eingesperrt. Sie hießen „Stadion“, Leimnitz, Finkenherd, Auschwitz, Oranienburg, Sachsenhausen und Ohrdruf. Nüchtern bilanzierte er im Buch: „Ich habe alles überlebt und alles verloren.“

Erst als Rentner hatte er sich das Trauma von der Seele geschrieben. Denn nach dem Überleben kam für die Opfer der normale Lebenskampf. Der Schneidermeister arbeitete bis 1950 einen 14-Stunden-Tag. Bielawski war so erfolgreich, sagt Lilli, dass der Dorfschneider um seine Aufträge bangte. Um dem Neid im Dorf zu entgehen, zog die Familie nach Regensburg. Bielawski wechselte den Beruf. Er hatte in der Jüdischen Gemeinde einen Herrn Finkelstein getroffen. Der engagierte ihn für seine Firma „Penna“ in Neutraubling.

Bielawski fuhr in seinem hellbraunen Opel-Rekord-P2-Kombi über die Dörfer und kaufte bei den Bauern Gänsefedern auf. Jede Nacht suchte ihn im Schlaf das Grauen heim. Lilli erinnert sich: „Jede Nacht hat er geweint und geschrien. Meine Mutter musste ihn wecken.“ Lilli gab ihm den Rat: „Schreib das auf, alles was du erlebt hast.“ „Eines Tages besuchte ich ihn, da rief er: Lillile, guck, ich schreib schon.“

Einsatz an der Rampe

Wie einen Schatz zeigt Lilli die Kopie des Originalmanuskripts. Alles hatte der fast 70-Jährige mit Kugelschreiber aufgeschrieben, Seite für Seite auf linierten Einzelblättern. Lilli hat ihm die Blätter abgenommen und nach und nach getippt. „Ich habe nur manchmal die Satzstellung verändert. Denn Tate hat alles auf jiddische Art geschrieben.“

Lilli schreibt mir eine Widmung in ein Exemplar „Der Hölle entronnen“. Ich habe es zu Hause in einem Zug durchgelesen. Aber kann ich jetzt wirklich verstehen, was dieser Mann mitgemacht hat? Permanenter Hunger, Kälte, Ruhr und Typhus, Schläge, Einsamkeit und immer Todesangst. Das alles ohne Pause, fünf Jahre lang, 1825 Tage und Nächte. Bielawski transportierte Leichen, klopfte Steine, leerte Kloaken. Aber der Einsatz an der Rampe von Auschwitz war der Gipfel des SS-Zynismus. Wie kann man das einem Menschen antun?

Lilli ehrt das Andenken ihres Vaters. - Foto: Helmut Wanner

Bielawski musste den ungarischen Juden bei der Selektion an der Rampe ihre Habseligkeiten abnehmen. Er schreibt: „Mir fiel eine blutjunge Frau auf, die einen Säugling im Arm hielt. Ich flüsterte ihr zu: Bitte gib dein Kind irgendeiner alten Frau und du bist gerettet.“ Denn er wusste: Mütter mit Kindern schickten sie sofort nach der Ankunft ins Gas. Die Antwort der Mutter gellte ihm in den Ohren: „Ein Jude willst du sein?“ Dabei war Bielawski in derselben Situation. Der junge Vater hatte seine erste Familie verloren: Seine Frau Bascha und sein Kind Motek wurden getötet. Und konnte er sicher sein, dass ihn die SS nicht auch ins Gas schicken würde, um die Spuren des Massenmords zu verwischen?

Kaum einer kennt Bielawski so gut wie der Abbacher Mittelschulrektor Heiner Bruckmüller. Der Freund schildert Heinrich Bielawski als sehr belesen und äußerst bescheiden. Dieser Mann wäre heute vielleicht Professor geworden. Er hatte in jungen Jahren alles an Weltliteratur gelesen, was ins Jiddische übersetzt war. Aber Bielawski war arm und wurde Schneider. Sein Handwerk hat ihm im Lager das Leben gerettet.

Bildung des Herzens

Die Bildung des Herzens und des Geistes spricht aus jeder Zeile seiner Erinnerungen. Aber Bielawski war kein Autor, er war nur der kleine Bettfedern-Aufkäufer von „Penna“. Wer sollte sein Buch drucken? Ein Klein-Verlag in Worms tat es gegen Druckkostenbeteiligung. Die Ausgabe ist vergriffen. Einige Exemplare dürften noch bei Absolventen der Angrüner Mittelschule stehen. Heiner Bruckmüller setzte Bielawski im Unterricht als Zeugen des Holocaust ein. Er sagt: „Diese Stunden waren meine stillsten.“

Das ist jetzt 30 Jahre her. Nun freut sich seine Älteste, Lilli, dass der Freundeskreis der Jüdischen Gemeinde öffentlich an ihren Tate (Vater) erinnern wird. Am Montag darf sie in der Synagoge aus seinen Erinnerungen lesen.

Heinrich Bielawski lebte als Jude und er starb als Jude. Nur aus Liebe liegt er in einem katholischen Friedhof. Er wollte im Tod nicht getrennt sein von der ersten Deutschen, die ihm Zuneigung entgegengebracht hatte. Bruckmüller war an jenem Februartag 1997 bei der Beerdigung dabei. „Es waren nicht mehr als 30 Menschen, darunter auch Gemeindevorstand Otto Schwerdt. Was ich nie vergessen werde: Am Schluss kniete Lilli am Grab nieder und sang.“ Sie sang für ihren Vater das „Hevenu Shalom alechem“.

Lesung am Montag:

Termin: Am Montag um 19 Uhr wird aus den neu entdeckten Erinnerungen des Regensburger Holocaust-Überlebenden Heinrich Bielawski gelesen. In seinem Buch „Der Hölle entronnen“ hatte Bielawski Zeugnis gegeben über sein Leben in sieben Konzentrationslagern, die er in fünf Jahren durchlitten hat. Unter anderem hatte er an der Rampe von Auschwitz arbeiten müssen.

Teilnehmer: Aus dem nahezu unbekannten Werk des 1997 verstorbenen Zeitzeugen lesen in der Jüdischen Gemeinde am Brixner Hof seine Tochter Lilli, sein Freund Heinrich Bruckmüller, Schulleiter der Angrüner Mittelschule Bad Abbach und der Vorsitzende des Freundeskreises der jüdischen Gemeinde, Dr. Walter Koschmal.