Barfuß zur Danziger Freiheit: Josef Mös ist Ehrensiedler in Regensburg

Über das Siedlerfest in der Konradsiedlung, Leiterwagerl von früher und die Nachkriegsjahre - darüber schreibt MZ-Autor Helmut Wanner im neuen Teil seiner Serie Wanners Welt. Im Mittelpunkt steht der Regensburger Josef Mös.
Grün und Weiß, das sind die Lieblingsfarben von Josef Mös. Das Motto der Siedler- und Eigenheimervereinigung Konradsiedlung „Sich regen bringt Segen“ liegt ihm im Blut. Solange er denken kann, zieht der traditionelle Leiterwagen-Umzug der Siedler unter dem 4,50 Meter hohen Spalier aus grün-weißen Girlanden an seinem Haus vorbei. Die Metzer Straße 40, seine Adresse, liegt im Herzen der Siedlung, zwischen Konradschule und Danziger Freiheit. An diesem letzten Juli-Wochenende wird die „Freiheit“ wieder zum Festplatz. Doch Josef Mös` Wahlspruch „Hab Sonne im Herzen“ leuchtet ganzjährig aus dem riesigen Rosenbogen in seinem Garten.
Als Kind habe er sich Wochen und Monate gefreut auf den Umzug. Das erste Siedlerfest, an das er sich erinnern kann, war 1950. Josef Mös war elf Jahre alt und hatte seinen Vater wieder. Im Biergarten von „Schloss Tirol“ blühten die Linden. Nicht zu Pferde ging´s zum Festplatz, sondern auf Schusters Rappen. Siedlerkinder zogen die metallbereiften Leiterwägen. „Mehr haben wir ja nicht gehabt.“ Den Leiterwagen hat er als Bub regelmäßig Richtung Reinhausen gezogen, beladen mit Äpfeln, Birnen, Kopfsalat und Kohlrabi aus Mutters Garten. Aber beim Siedlerfest ging es nicht um Mark und Pfennig. Das Leiterwagerl war geschmückt mit Girlanden aus Sommerblumen und allem, was der Garten seiner Mutter hergab. Der schönste Wagen wurde prämiert.
Knackwurst als Honorar
Josef Mös war schon alles in seinem Leben: Betriebsleiter bei der Gießerei Wolf, Betriebsratsvorsitzender, Ehrenvorsitzender des Seniorenbeirats, Ritter Wolf von Wolfsegg beim Falkensteiner Ritterbund. Und was er alles schon getan hat: Der Ehrensiedler hat die berühmten Siedlerreisen eingeführt. Als Vorsitzender hat er für die Siedler „die harte Nuss Thanhof ausgenommen“. Aber: „Ich war nie der Hansl.“ Hänsel und Gretl, die Hauptpersonen des ewigen Siedlertheaters, hatten es gut. Sie bekamen jeden Tag eine Knackwurst vom Metzger Dietl als Honorar.
Drei Mal so schön wie heute hat Mös das Hexenhäusl in Erinnerung. „Immer dein“ stand auf dem Lebkuchen am Spitzgiebel. „Der Rudi vom Stadttheater war die Siedlerhex.“ Der Schulhof hatte sich in ein Schlaraffenland verwandelt. Ein Gabentisch, „gut zehn Meter lang“, bog sich unter der Last der Lebkuchen „von Häberlein“, unter Bergen von Schokolade und Bonbons. Georg Schindler gab den Kinderonkel. Er trug einen dunklen Anzug mit Krawatte und hatte eine Sonnenblume am Revers. Auf dem Kopf saß ein Zylinder. Das Kinderkarussell drehte sich. Auf der Bühne spielte die Blaskapelle Ruhmannsfelden auf zum Schäfflertanz. Es tanzte die Kindergruppe des Trachtenvereins Stamm. Was es da alles zu sehen gab auf der Bühne: Boxkämpfe, ein Radball-Turnier… In den Schulzimmern ging es weiter. „Nähmaschinen, Räder, Hüte, Möbel, alles gab es zu sehen – wie später dann bei der Donau-Ausstellung.“
Die ersten Nachkriegsjahre waren auch in Regensburg reizarm. „Ich brauche keine Millionen“ schmetterte Marika Rökk aus dem Röhrenradio. Da hatte das Siedlerfest eine Strahlkraft bis in die Stadt hinein. „Der romantische Lampion-Umzug am Samstag bei Anbruch der Dunkelheit“ war Magie. Seinem Zauber bin auch ich erlegen. Obwohl ich noch keinen erlebt habe. Mein Vater schwärmte zwar jedes Jahr davon, aber die Mutter hielt konsequent dagegen. Das sei nur wieder „so eine Sauferei“. So ging er, wenn er ging, alleine. „78 Hektoliter Fürstliches haben wir an drei Tagen ausgeschenkt, nur Bier“, sagt Josef Mös, Jahrzehnte der Motor des Siedlerfestes.
Die Hexe passt mit ihrem „Knusper, knusper, knäuschen“ zum Siedlerfest wie die Glocke in den Kirchturm von St. Konrad. Süße Lockung und Verderben, Segen und Fluch liegen hier geschichtlich nah beieinander. Die Siedlung wurde als Dorf Schottenheim gebaut, um kinderreiche Regensburger Familien „aus dunklen Altstadtgassen an Sonne und Luft“ zu bringen. Doch das Siedlerglück war teuer erkauft – mit Tyrannei, Krieg und totalem Zusammenbruch. Die Folgen dieses menschenverachtenden Systems sitzen uns noch heute im Genick – wie die Siedlerhex.
Josef Mös sieht es in einem milderen Licht. Als „local hero“ kennt er nur bestimmte Straßenzüge an. „Die Berliner Straße ist zwar Stadtnorden, aber wir zählen sie nicht zu uns.“ Konradsiedler zu sein, ist für ihn mehr als eine Adresse, es ist Schicksal. Seine Augen schimmern, wenn er sagt: „Ich will nirgends anders wohnen.“
„Genau da bin ich geboren“, sagt er und deutet im alten Kern des Siedlerhäuschens auf das Sofa. Josef Mös sitzt 86 Jahre und fünf Monate nach seiner Geburt tatsächlich auf dem Kopfteil des imaginierten Ehebettes seiner Eltern. Das war das Schlafzimmer von Josef und Therese Mös. Der kleine Josef war der Stammhalter, das letzte von drei Kindern eines Kalkmüllers. Das war ein Knochenjob im Kalkwerk. Doch Vaters Geburtstagsdaten waren Harmonie pur: „ 2. 2. 02.“
Die erste „Zwo“ hat Josef Mös geerbt. Er ist am 2. März 1939 geboren. Er steht unter Schutz: An diesem Tag wurde Eugenio Pacelli zum Papst gewählt. Es ist noch nicht lange her, da hat man Mös wegen einer Foto-Ausstellung als „Weißwäscher von Otto Schottenheim“ in eine bestimmte Ecke stellen wollen. In der hat er sich aber nie gesehen. Denn er ist seit 72 Jahren Mitglied der IG Metall, dazu ein Schwarzer durch und durch. Zu seinen Häupten hängt die berühmte Schutzmantel-Madonna. „Wo ist das Original?“, fragt Josef Mös. „In der Dominikanerkirche. Überm linken Seitenaltar.“ – „Respekt!“ Mös streckt mir seine rechte Hand entgegen.
„Ich kam als Hausgeburt, nicht durch Kaiserschnitt“, sagt Mös. Die Hebamme hatte es nicht weit. Sie wohnte an der Danziger Freiheit. Aber beinahe hat er die ersten Jahre nicht überlebt. „Ich hatte alle Krankheiten, die es gibt, Diph-terie und Scharlach eingeschlossen.“ Das ist auch der Grund für seinen ganz speziellen Blick auf Regensburgs einzigen braunen Oberbürgermeister. Unter dem ist er geboren und erst einmal vaterlos aufgewachsen. „Dreimal war der Dr. Schottenheim bei meiner Mutter und hat Medikamente für mich gebracht. Ohne ihn würde ich wahrscheinlich nicht mehr dasitzen.“ Josef Mös sieht in Schottenheim seinen Lebensretter. Dabei steht der Arzt und ranghohe SS-Mann in den Geschichtsbüchern für ein Regime, das 15 Millionen Menschenleben forderte, davon 100 000 Euthanasie-Opfer.
Erinnerung an Tiefflieger
Mir Spätgeborenem geht dieser Satz aus „Der große Gatsby“ von F. Scott Fitzgerald durch den Kopf: „Wenn du an jemandem etwas auszusetzen hast, bedenke, dass die meisten Menschen es im Leben nicht so leicht hatten wie du.“ Als Kriegskind geht Josef Mös mit anderen Augen durch die Straßen seiner Siedlung, seiner Welt. Vor seinem inneren Auge verschwimmen Vergangenheit und Gegenwart. Wenn er am Kellerabgang seines Siedlerhauses steht, kommt die Erinnerung an Tiefflieger. Das Elternhaus selbst wurde verschont, aber die Druckwelle schleuderte das Kindergartenkind die Kellertreppen hinunter. Seinen Vater sah er erstmals mit neun, im Frühling 1948. „Nachts um halba zehne klopft es ans Fenster. Die Mutter hat gesagt: Vater, bist es du? Ich sehe ihn wie heute: Haut und Knochen, die Gamaschen mit Draht angebunden, Wasser in den Füßen.“
Josef Mös senior ist trotzdem 87 Jahre alt geworden. Nach seinem Tod hat sich sein Sohn dreieinhalb Wochen Urlaub genommen, um von Prag mit dem Zug nach Russland zu reisen. Er hat Stalins Kriegsgefangenlager gefunden. Es war genauso, wie es sein Vater beschrieben hatte. „Ich glaube, wenn ich da nicht hingefahren wäre, dann wäre ich krank geworden.“ Heute erinnern ihn ikonische Fabergé-Eier an diese schlimme vaterlose Zeit. Sie schmücken den Kamin-Aufsatz. Josef Mös versucht sein Leben lang, die Welt positiv zu sehen. Er hat „Sonne im Herzen“.