Ein Bus fahrender Domspatz im Regensburger Linienverkehr

Die Domspatzen, das Busfahren und einen Nebenjob bei der Mittelbayerischen – darüber schreibt MZ-Autor Helmut Wanner im neuen Teil seiner Serie Wanners Welt. Im Mittelpunkt steht der Regensburger Christof Hartmann.
Christof Hartmanns Abdankung als Manager des weltberühmten Knabenchors hatte 2018 selbst am Heiligen Stuhl eine leichte Erschütterung ausgelöst, wie er heute mit glänzenden Augen erzählt. „Es war bei der Ministranten-Wallfahrt nach Rom. Besuch im Kloster Mater Ecclesiae. Da kommt der Heilige Vater rein. Seine ersten Worte: Herr Hartmann, Sie wollen die Domspatzen verlassen!“ Was der Papst em. nicht wusste: Hartmann hatte an der Reise nach Rom bereits in seiner zukünftigen Funktion teilgenommen – als dritter Busfahrer.
Christof Hartmann galt als Fleisch vom Fleische der Domspatzen. Über 50 Jahre war er Teil der Domspatzen-Gemeinschaft, erst als Tagesschüler, zweiter Sopran und zweiter Tenor, dann als Chorpräfekt, schließlich als Chormanager. Die Liebe ging so weit, dass er 1979 dort auch die Frau und Mutter seines Sohnes gefunden hat. Auf seine rechte Schulter hat sich Hartmann das Domspatzen-Logo tätowieren lassen. Drei Sängerknaben und die Domspitzen im offenen schwarzen Quadrat sind sein einziges Tattoo. „Wollen Sie es sehen?“ Er zieht dafür seine neue „Uniform“ aus – das weiße T-Shirt mit der Aufschrift „Laschinger Omnibus“.
Hartmann hat auch das ererbte Elternhaus in der Wassergasse verlassen und wohnt jetzt am Regenufer in Reinhausen in einer schönen Eigentumswohnung. Der Kopf des lachenden Verkündigungsengels im Regal erinnert ihn an sein früheres Leben. Vom Essplatz aus kann er die Glocken von St. Cäcilia hören, lange Zeit seine Institutskirche.
„Mein Spitzname war Hase“
Ob Mutter Kirche oder Omnibus-Unternehmen: Hinsichtlich der Verantwortung für Menschen macht das für ihn keinen Unterschied. Den Gedanken, dass Busfahren ein Kinderspiel für Erwachsene sei, lässt er gar nicht erst aufkommen. „Bei jeder Fahrt habe ich einen Riesen-Respekt vor der Leistung meiner Kollegen, die das täglich im Schichtdienst machen müssen. Ich selbst sitze ja nur dreimal die Woche am Steuer.“ Die Linie 41 nach Schwandorf ist seine Lieblingsstrecke. Er hat schon Komplimente gehört. Eine Dame sagte: „Sie sind gut gefahren, vielen Dank.“ Eine andere Stimme meinte: „Sie versteht man wenigstens.“Kunststück. Christof Hartmann ist ein waschechter Stadtamhofer, freundlich, mit klaren Ansagen und fester Stimme. 1959 ist er als letztes von vier Kindern eines Kinderarztes und einer Säuglingsschwester geboren worden. „Mein Vater war der einzige Kinderarzt nördlich der Donau.“ Das Reporter-Original Werner A. Widmann hat über die Kinderarztpraxis des Dr. Ludwig Hartmann in der Wassergasse einen Beitrag für den BR gemacht. Hartmann war nämlich ein typischer Domspatzen-Vater. Christof war sein letztes Sänger-Geschenk für den bald 1050-jährigen Domchor.
Der junge Christof hatte den Spitznamen „Hase“. Den Namen habe er, „weil ich mich halt immer gekümmert habe“. Ab der 10. Klasse war er für die Kultur unterwegs, hat den Gitarrenkoffer für Hannes Wader geschleppt, für James Last die Bühne aufgebaut, bei Hörtnagel Karten abgerissen, für seine eigene Konzertagentur Plakate geklebt, mit dem kleinen Meier Bürgerfeste organisiert und „nebenbei“ noch ein „Einser-Abitur“ geschrieben.
Ein Mann der Tat
Bis zum Abitur ist Christof Hartmann mit dem Mofa zu den Bauern in Eibrunn und Kareth gefahren, um in den großen Ferien bei der Ernte zu helfen. Die Kinder der Landwirte waren Patienten seines Vaters. Am liebsten aber wäre er in den Ferien weiter in die Schule gegangen. „Ich bin ein sehr anhänglicher Typ“, gesteht Hartmann. Von der Wassergasse ist er ins Kaff geradelt und hat dem Hausmeister beim Rasenmähen geholfen. Mit Florian Brandl durfte er deswegen auch mit in die Bus-Werkstatt. „Brandl war bei den Domspatzen Hausmeister und Busfahrer in Personalunion. Unvorstellbar heute.“ Der hauseigene Kaffbomber zu allen Konzertreisen wurde für Hartmann ein Vehikel für Heimatgefühle.
Alle trugen lange Haare, Hartmann trug Trachtenhut. Dass er wegen einer Gehirnhautentzündung ständig Kopfbedeckung tragen musste, wussten die wenigsten. Christof Hartmann ging in den wilden 70ern nicht auf die Straße. Es gibt auch kein Foto, wie Hartmann dem Wachs einer Lavalampe beim Steigen und Fallen zuschaut. Er war immer ein Mann der Tat. Von 1978 bis 1980 war Hartmann als Chorpräfekt die rechte Hand von Georg Ratzinger, dem „Schef“. Nebenbei hat er BWL studiert. Seine Diplomarbeit war einschlägig: „Die Entwicklung der Konzertagenturen in der Bundesrepublik Deutschland“.
Nach 50 Jahren – der Cut
2018 hat Christof Hartmann nach 50 Jahren Domspatzen, davon 20 Jahre als Chormanager „einen Cut gemacht“. Die Folgen des Missbrauchs-Skandals veränderten am Kaff einiges, er wollte mit 60 „frischen Kräften Platz machen.“ Er hat damit auch alle Ämter im Kulturbereich niedergelegt - außer dem Vorsitz der Heinrich Simbriger-Stiftung, in dieses Amt ist er dem Komponisten Dr. Thomas Emmerig (1948 bis 2022) nachgefolgt.
Wo er nicht überall Leitungsfunktion ausübte! Im Liederverein Stadtamhof, im Pfarrgemeinderat St. Magn, im Verein Freunde der Regensburger Domspatzen. Hartmann saß auch im Kuratorium der Stiftung. Von Prof. Dr. Ernst Emmerig (1916 bis 1999) hatte Hartmann die Geschäftsführung des Regensburger Musikvereins übernommen. Und nicht zu vergessen: Mit seinem Bruder Ludwig Hartmann und Stephan Schmid hat er 1984 die „Tage Alter Musik“ ins Leben gerufen.
Und jetzt: Busfahrer. Anfahren und stoppen. Türe auf, Türe zu. Rausgeben beim Fahrgeld. Die Routine des Linienverkehrs scheint für Christof Hartmann heilsam zu sein, ein Akt persönlicher Freiheit. Viele Rentner kommen aus ihrer Nummer nie raus, Hartmann hat konsequent umgesteuert. Bereits drei Jahre vor seinem Domspatzen-Abschied hat Hartmann den Busführerschein gemacht. Mit ihm zusammen legte der Sohn der Busunternehmerin Ute Laschinger-Schuierer die Prüfung ab. Klar, dass der ehemalige Kulturmanager heute exklusiv für die Chefin und ihr Unternehmen fährt.
Urlaub ist nichts für ihn
Jede berufliche Entscheidung beruhte bei Christof Hartmann auf einer persönlichen Beziehung. 1985 hatte ihn der Leiter der Kirchenmusikschule Franz Fleckenstein (1922 bis 1996) als Verwaltungsleiter an die HfKM geholt. „Er hat mich auf der Steinernen Brücke angesprochen. Er kannte mich als Mesner von St. Magn.“ 1998 holte ihn Domkapellmeister Roland Büchner als Chormanager. „Wir kannten uns von der Kirchenmusikschule.“
Auch seinen zweiten Nebenjob verdankt er einem persönlichen Anruf beim ehemaligen Chefredakteur der Mittelbayerischen Zeitung. Seit drei Jahren redigiert Christof Hartmann zweimal pro Woche die Sortiermeldungen. „Sängerverein Wörth, Mittwoch, 19.30 Uhr, Chorprobe.“ Für ihn ist das herrlich. „Ich komm unter Menschen und kann mit den Kolleginnen von der Kulturredaktion über Musik reden.“
Die Redaktionssekretärin kann sicher sein, dass sie ein wahrer Kümmerer im Urlaub vertritt. Urlaub, den braucht Hartmann nicht. Ihm reicht ein Spaziergang mit seiner Frau im Alleengürtel, ein gutes Buch auf der Couch und ein Konzertbesuch. Wetten? Wenn man Christof Hartmann fragen würde, was er jetzt im Moment lieber täte, eine Kreuzfahrt in die Karibik antreten oder Busfahren im Linienverkehr, er entschiede sich stets für letzteres.
