Wie der Moschn Xare in den Himmel kam

Von Helmut Wanner · 4. Januar 2023 um 10:00

Franz-Xaver Schmid kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken: Er war Allgemeinarzt und Psychologe, Gründungsmitglied der Grünen und 68er. MZ-Autor Helmut Wanner hat den 75-Jährigen für die Serie „Wanners Welt“ in Obertraubling besucht.

Wenn der 68er-Großvater erzählt… - ja wie Franz-Xaver Schmid stellt man sich einen Opa vor: Gewelltes weißes Haar, Schnauzer, quellende Augenbrauen und eine gutmütige altbairische Stimme. Wenn er redet, langsam, vollkommen ruhig und harmlos, hat man den Eindruck, hier sitzt der Moschn Xare vor seinem Bauernhof und blickt auf ein Leben wie aus dem Bilderbuch. Der am 19. Februar 1947 Geborene ist in Dießen am Ammersee auf den Namen Franz Xaver getauft worden und schon mit knapp fünf Monaten in den Himmel gekommen.

Den Haus-Namen Moschn Xare hatte er nach seinem Geburtsort, dem Moschhof, einem uralten Klosterhof der Mönche von Wessobrunn. Der Hof liegt fünf Kilometer südlich vom Ammersee neben der Kirche St. Remigius. Xaver konnte noch nicht sprechen, da hat ihn der Kirchenmaler Karl Manninger (1912 bis 2002) im Rokoko-Himmel der Kirche in Raisting verewigt. „Ich lag im Juli 1947 im Kinderwagen unter einem Baum und der Maler, der gerade das Deckenfresko im Langhaus ersetzte, hat mich offenbar dort liegen sehen.“

Xaver wurde Manninger mit seiner Tante zum Modell. Im ersten Stock des Kirchengerüstes saßen sie und wurden von Künstlerhand verwandelt in das Flüchtlingskind im Arm einer Flüchtlingsfrau, die die Hand nach Brot ausstreckt. Auf diese Art weist F. X. Schmid seit 75 Jahren auf eines der sieben Werke der Barmherzigkeit hin, Hungernde zu speisen, obwohl er als Bauernbub nie Hunger gelitten hat.

Ghandi neben der Madonna

Fiktion und Wirklichkeit, sie klaffen oft weit auseinander. Schmid ist heute der deutschlandweite Seelenarzt der Piusbrüder. Er kann nicht anders. Wie Obelix in den Zaubertrank, so ist er als Kind, bildlich gesprochen, in den Weihwasserkessel gefallen. Freilich hat dieses pastorale Bild von Anfang an einen Riss, sonst wäre der „Moschn Xare“ Hoferbe geworden und nicht Arzt der Seele und des Leibes, Gründungsmitglied der Grünen, Friedensaktivist, Atomgegner und Strahlenexperte zu Tschernobyl Zeiten. Der Opa hat ihn aufgezogen. Den Vater hat er nie gesehen. Er war ein Mensch, der alle Kriterien eines natürlichen Feinds der Bayern erfüllte. Er war Preuße, evangelisch und hatte einen Namen, der ein Omen war: Tarron (deutsch: Donner).

Der Sturm des Krieges wehte diesen Tarron auf den Hof. Zwischen der ältesten Tochter des Bauern und dem Soldaten hat es gefunkt. Da eine Heirat mit einem Nicht-Landwirt und „Preißn“ nicht infrage kam, zog der Vater wieder zurück in den Osten, hinter den Eisernen Vorhang und heiratete dort. Erst 2009 nahm Schmid Kontakt zu seinen Halbgeschwistern in Mecklenburg auf.

Erinnerungen an „dortmals“

In seinem Reihenhaus in Obertraubling nimmt Raisting viel Platz ein. Schwarzweiß-Bilder von „dortmals“ hängen an den Wänden. Kornmandln, Dreschmaschinen. Das Luftbild vom Bauernhof zeigt, dass er auf einen Betrieb mit 300 Tagwerk ausgelegt war, mit viel Gesinde. In seiner Gebetsecke hängt ein alter Silber-Rosenkranz. Der ist ihm mit zwölf Jahren entgegengefallen, als er beim Stöbern auf dem Dachboden den Dienstbotenschrank einer verstorbenen Magd aufmachte. „Da hängen viele Tränen dran. Kinder, die im 19. Jahrhundert früh an Diphterie gestorben sind und solche Sachen.“ Dieser Rosenkranz ist ihm heilig. Kulturell und kirchlich lebt Schmid heute aus der Vergangenheit. Aber ein Idol seiner Jugend ist zeitlos: Mahatma Ghandi, friedfertig und hartnäckig, vor allem einsam. Sein Bildnis steht auf dem Schrank neben dem der Muttergottes.

Schmid hat den Krieg noch unter der Haut. Xaver war, neben dem Großvater, das einzige männliche Wesen auf dem Hof. Der Opa hatte seine beiden Söhne verloren. Im Dreieck Hof, Kirche und Schule verlief sein Leben. Natur und Technik hatten es ihm angetan. Er durfte die Dreschmaschine bedienen. Zu Weihnachten bekam er „den Elektromann“, ein Kosmos-Spielzeug von 1959. Er schaltete seine selbstgebaute Klingel mit einem Taster ein. Alle im Dorf dachten: „Aus dem Buben wird ein Elektroingenieur.“ Der Opa schüttelte den Kopf: „Der übernimmt den Hof.“ F.X. Schmid musste alle enttäuschen. Er wurde Allgemeinarzt und Psychologe.

Mit zehn Jahren wurde er aus seinem Paradies Mosch-Hof vertrieben. Er sah ihn nur noch in den Großen Ferien. Die Mutter heiratete einen Fahrhauer aus dem Kohlenbergwerk in Penzberg. Die Stadt Penzberg war für ihn eine neue Welt. Der Heranwachsende registrierte, wie die Menschen im Wirtschaftswunder ihre Seele aufgaben. Der 14-Jährige blieb auf dem Schulweg an der Auslage einer Buchhandlung hängen. Dort lag „Der Mensch ohne Ich“ von Dr. med. Joachim Bodamer. Das Werk über die geistige Verödung der Industrie-Gesellschaft prägte sein Leben.

WG mit Student Nummer 1

Mit seinem Abiturschnitt (1,3) konnte er sich den Studienort wählen. Er entschied sich für Regensburg. Als er sich im Wintersemester 1967/68 im Fach Psychologie immatrikulierte, stand in seinem Studentenausweis die Nummer 226. In seiner ersten WG teilte er die Wohnung mit den Matrikelnummern 1 und 2. Nummer 1 war Kurienkardinal Hans Schwemmer (1945 bis 2001), der apostolische Nuntius in Papua Neuguinea. Nummer 2 war Andreas März vom gleichnamigen Rosenheimer Getränke- und Nahrungsmittelkonzerns. März und Schmid sind Freunde bis heute.

Franz Xaver Schmid war das, vor dem er heute warnt: ein 68er. „Unter den Talaren, der Muff aus 1000 Jahren“ … er hat ihn vertrieben. Seine Frau, Sekretärin bei Rektor Franz Mayer, lernte er 1969 auf dem ersten „Mao-Ball“ in der Unimensa kennen. Aber der katholische Grundton seines Lebens blieb. Die beiden heirateten 1970 in Notre Dame von Paris. Franz-Xaver beichtete auf Französisch. Das Brautexamen war in Latein.

Rebellische Zeiten

Nach dem Studium dauerten die rebellischen Zeiten an: Das Jahr 1979 sah den Arzt und Psychologen hinter einem Infotisch auf dem Haidplatz. Das Gründungsmitglied der Grünen trommelte gegen Atom, für Basisdemokratie und Frieden. Auf einem Foto steht er am Haidplatz-Brunnen neben der Grünen-Legende Petra Kelly (1947 bis 1992), Ikone der Friedensbewegung. Schmid stellt fest, dass er sich, im Gegensatz zu den heutigen Ampel-Grünen, von den damaligen Positionen nicht entfernt habe.

Seine Glanzzeit war 1986. Schmid arbeitete am Lehrstuhl für psychologische Medizin an der Uni Regensburg, als am 26. April in Tschernobyl die Nuklearkatastrophe passierte. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich der Name F. X. Schmid. Der technikaffine Aktivist stand im Ruf, mit seinen Messgeräten stets die genauesten Werte zu haben. Er gab Interviews. „Auf meinem Anrufbeantworter gingen täglich bis zu 700 Anrufe ein.“ Im Kampf gegen die WAA in Wackersdorf zog Schmid die Marterlgemeinde der Bischofskirche vor. 1987 trat er aus Protest gegen die Haltung von Bischof Manfred Müller zur WAA aus der katholischen Kirche aus.

Wiedereintritt in die Kirche

Tschernobyl liegt bald 40 Jahre zurück. Schmid trat 1990 wieder in die Kirche ein. Die Partei der Grünen hat er verlassen und ließ seine Fan-Gemeinde enttäuscht zurück. Der Knackpunkt war die Stellung der Grünen zum § 218. Er war in seiner Psychologenpraxis zu oft mit den seelischen Folgen der Abtreibung konfrontiert. Heute irritiert der streitbare Doktor seine ehemaligen Verehrer mit Aussagen, die dem Zeitgeist zuwiderlaufen.

Der Ukrainekrieg hat den 75-Jährigen vom Betschemel wieder auf die Straße gebracht. Dass die Grünen ins Olivgrüne changierten, hat ihn getriggert. Schmid erweckte die Initiative von Ärzten und Psychologen für Frieden und Abrüstung wieder zum Leben. Damals hatte er vom Plakat „Für das Leben – gegen den Atomtod“ 500 Stück drucken lassen. Die brachte er im Sommer unter die Leute. Vom Almemor-Sockel des Caravan-Denkmals trug er lauthals den Antikriegs-Aufruf von Borchert vor. „Touristen haben mich fotografiert. Von meinen ehemaligen Mitstreitern kam kein einziger.“ Er ist enttäuscht, aber lächelt wie Ghandi. Schmid sieht sich als einsamer Wolf, als letzter Vertreter der Friedensgeneration in Regensburg. Der Platz im Himmel von Raisting ist ihm sowieso nicht mehr zu nehmen.

Der Mosch Hof in Raisting
Mit Petra Kelly stand Franz-Xaver Schmid am Grünen-Infotisch.