An den Ufern der Sehnsucht: Warum eine kleine Bank an der Mattinger Fähre der schönste Platz der Welt ist

Von Helmut Wanner · 22. März 2025 um 15:00

Im neuen Teil unserer Serie „Wanners Welt“ schwelgt unser Autor in Erinnerungen – und stellt fest: Die Donau verbindet Menschen aller Nationen und Generationen, tot oder lebendig. Sie begleitet Menschen ein Leben lang. So kann auch eine kleine Sitzbank an der Fähre bei Matting zum Sehnsuchtsort werden.

Wenn mir mein Vater nichts hinterlassen hätte, als diese Bank! Sie ist doch mein immaterielles Erbteil, Sitz der Erinnerung. Wenn er da an der Mattinger Fähre saß, sagte er regelmäßig den Satz: „Das ist der schönste Platz auf dera Welt.“ Hier hatte er seinen philosophischen Moment: „Alles, was da kreucht und fleucht, kommt und vergeht, kommt und vergeht.“ Die Worte sprach er immer hochdeutsch aus.

Die Donau ist die Verbindung zur Welt und auch zu uns selbst. Zehn Länder liegen an ihren Ufern. Bei Matting ist der Strom noch klein. Aber dieses unscheinbare Stück ab Regensburg bis Riedenburg gilt bei Donau-Kapitänen als ihr schönstes. Ob in Matting oder Bratislava: Wo sie auch leben, verbinden Menschen ihre besten Gefühle mit dem Fluss. Man braucht nur einmal bei einer Flusskreuzfahrt an der Reling eines Kabinenschiffs zu stehen: Man sieht überall an den Flussufern Menschen träumerisch in ihre fließenden Wasser schauen.

Das beständige „Dahoam“

Das Gurgeln der Donau ist Musik. In Herzensangelegenheiten der Slawen spielt sie die erste Geige. Lieder ihr zu Ehren gibt es in allen slawischen Sprachen, ja sogar auf Polnisch. Die Donau ist das Wort für den Fluss schlechthin, schrieb der Philologe Vatroslav Jagic 1876 in einem Aufsatz über die Dunav/Dunai in der slawischen Volkspoesie. Die weiße und die stille Donau wird sie genannt. Junge Helden durchschwimmen sie. Junge Frauen sitzen an ihrem Ufer, schicken Leid und Wehmut mit ihr fort.

In Regensburg leben Menschen aus verschiedenen Nationen mit ganz persönlichen Donaugeschichten. Mich als Regensburger hat die Donau Vertrauen gelehrt. Ein Kind der Angst, das ich war, habe ich mit 22 Jahren meine erste Urlaubsfahrt in gelben Gummistiefeln angetreten. Ein Kommilitone hatte mir eingeredet, im Osten gebe es gefährliche Schlangen und Skorpione. Im saharagelben Skoda S 100 mit Heckmotor fuhr ich 1977 mit meiner Freundin einfach los, bis hinunter ans Schwarze Meer. Ich hatte Vertrauen in meine Donau, ihre Ufer waren mein Geländer auf dem Weg. Da war ein ständiges Gemurmel von „Ètterem“ bis „Zapzarap“. Aber die Stimme der Donau war mir vertraut. Sind ihre Wasser nicht auch diesen Weg geflossen? Die Donau war im sozialistischen Ausland mein beständiges „Dahoam“.

Weil ich an der Donau aufgewachsen bin, in Hafennähe, kannte ich die Menschen des Ostens von Kindesbeinen an. Sie lebten am Südufer gegenüber der Schwabelweiser Kirche auf Schleppkähnen, die geheimnisvolle Frachten und abenteuerliche Namen trugen, manche wurden in kyrillischen Buchstaben geschrieben. Die Schleppkähne waren an „Büffeln“ vertäut. Aus den Küchen roch es nach Fett und Paprika. Die Mutter mahnte bei den Sonntagsspaziergängen zur Vorsicht, das seien Russen und die nähmen Fahrräder mit – und Kinder.

Pfiff einer Schiffssirene als Ruf des Lebens

Hannes Heiduk (78) hat ähnliche Eindrücke nahezu gleichzeitig am nördlichen Ufer der Donau gesammelt. Im Oktober 1955 zogen seine Eltern, Flüchtlinge aus dem Sudetenland, nach Schwabelweis. Als Hannes aus dem Möbelwagen stieg, hörte er den Pfiff einer Schiffssirene. Für den Achtjährigen war es der Ruf des Lebens. „Der Ton ging mir durch und durch. Ich stürmte in die neue Wohnung, schaute aus dem Fenster, da sah ich durch die Lücke zwischen zwei Hausdächern ein Schubschiff vorbeifahren. Es hieß MS Donau.“ Die Donau hat ihn die tiefere Bedeutung seines Vater-Namens gelehrt. Heiduk steht in den südslawischen Ländern für Donaurebell. Vertreter der Heiducken wurden von den Slawen wie Robin Hood verehrt und gehasst von den Osmanen.

„Heiduk, mein Familienname hat viel mit mir zu tun. Weil es mich immer zu den Slawen hinzieht, in der Mehrheit sind es Bulgaren.“ Wie ein slawischer Robin Hood hatte Hannes Heiduk Freude am Geben. Nach jedem Arbeitstag bei Pustet ist der Drucker auf der Kaimauer in den Hafen gestrampelt. „Auf dem Gepäckträger hatte ich Mitbringsel. Oft waren es Versandhauskataloge. Die waren sehr beliebt in Zeiten des Kommunismus. Da sahen die Leute, was es im Westen zu kaufen gibt.“ Später fuhr er kostenlose Fernsehzeitschriften aus, die er sich am MZ-Schalter „erbettelte“. Zum Dank gab es an Bord der Schiffer ein Stamperl Slivovitz. Bis heute hat Heiduk ein Auge auf die Seinen – unter dem Nemen „Hafenspion“ auf der Homepage „Binnenschifferforum“.

Heiduk wohnt seit langem in Tegernheim, einen Katzensprung von der Donau entfernt. An ihrem Ufer baute sich bei ihm eine innere Verbindung auf, zu allen Donauschiffern bis hinunter auf Flusskilometer 0. In seinen 20er Jahren fasste sich Hannes Heiduk ein Herz und richtete an einen Donauschiffer seine erste Freundschaftsbitte. Es war der Bulgare Wesselin Spassow. Dessen Schleppkahn mit der Nummer „910 010“ lag schon länger im Westhafen. „Bei Pustet habe ich mir ein Wörterbuch Bulgarisch-Deutsch besorgt und dann in kyrillischen Buchstaben diesen Satz auf einen Zettel geschrieben: Dobur den! Guten Tag! Ich wünsche mir eine deutsch-bulgarische Freundschaft. Der Schiffer antwortete überraschenderweise auf Deutsch: Freut mich. Mir geht es auch so.“ Für einen Ukrainer, der im Hohen Kreuz hängenblieb, hatte die Donau eine ganz besondere Bedeutung. Sie war ein Band des Herzens in die Heimat, die er als „Kollaborateur“ nicht mehr sehen durfte. In der Grundschule Hohes Kreuz saß ich mit seinem Sohn in einer Klasse. Ich konnte nicht ahnen, welches Familientrauma dieser Junge neben mir mit sich trug. Sein Vater, geboren 1926 nahe Ismail, Flusskilometer 79, war von den Nazis als 15-Jähriger zur Zwangsarbeit nach Regensburg verschleppt worden.

Die Donau ist ein Freund

Der Junge starb bei Messerschmitt fast an Heimweh und beschloss, zu Fuß nach Hause zu gehen. Er wusste ja, es ging immer entlang der Donau, da konnte er sich nicht verlaufen. Zwischen Regensburg und Straubing war seine Heimreise zu Ende. Er wurde aufgegriffen. Das KZ Flossenbürg überlebte er mit furchtbaren Bildern im Kopf. Nach der Befreiung kam er in die Ganghofersiedlung, die bekanntlich mit 5000 Displaced Persons aus Kleinrussland für fünf Jahre zur kleinen Ukraine wurde.

Am Fuß des Ziegetsbergs lernte er seine Frau kennen. In die USA auswandern wollte er nicht, er bezog lieber eine Wohnung in der Plattlingerstraße, in Hafennähe. Sein Brot verdiente er als Kranführer, baute Gemüse in seinem Schrebergarten an, zog zwei Kinder groß. Seine Tochter offenbarte mir kürzlich: „Wenn es ihm schlecht ging, setzte er sich ins Auto, fuhr an die Donau und dachte an daheim.“

Die Donau ist ein Freund, sie begleitet Menschen ein Leben lang. So kann auch eine kleine Sitzbank an der Fähre bei Matting zum Sehnsuchtsort werden. Wenn ich im Sommer an der Badebucht in Matting in die Donau steige und ihre Kühle fühle, ist dies fast ein heiliger Akt. Ich fühle mich verbunden. Die Donau verbindet Menschen aller Nationen und Generationen, tot oder lebendig. Mein Vater saß 30 Meter flussabwärts vom Badeplatz auf diesem Bankerl und fühlte sich verbunden, mit sich und der Menschheit. Für ihn war’s der schönste Platz der Welt.

Historischer Donaublick, entstanden am 9. Mai 1959 von einem Schlafzimmer in der Frobenius-Forster-Straße in Schwabelweis Foto: Hannes Heiduk