„Das kam mir wirklich komisch vor“: Regensburgerin enttarnt Pädophilen in Maxhütte

Die Regensburgerin Stephanie Schreiner bemerkte, dass ein Mann aus ihrem Viertel in Maxhütte (Landkreis Schwandorf) kleine Mädchen seltsam anfasste – und schrieb einen Brief an die Polizei. Wie sich herausstellte, fuhr der Mann in ganz Deutschland zu sozial schwachen Familien - und verging sich an den Kindern.
Am Anfang war ein komisches Bauchgefühl. Als die Regensburgerin Stephanie Schreiner mit ihrem Mann mach Maxhütte ins Städtedreieck zieht, stellen sich die beiden natürlich in ihrem Viertel vor. Dabei kam ihr ein Mann komisch vor. „Ich fand es seltsam, dass er seine Hand immer an dem Mädchen hatte, der Tochter seiner Lebensgefährtin.“ So schildert es Stephanie Schreiner heute.
Die Kundenberaterin bei der Rewag hat Menschenkenntnis. Aber noch wusste sie nicht, woher dieses Gefühl kommt. Heute, Jahre nach der ersten Begegnung weiß sie: Der Mann, der ihr so seltsam vorkam, ist ein Pädophiler, also ein Mensch, der sexuelle Neigungen für Kinder empfindet. Nur ihrer Hartnäckigkeit ist es zu verdanken, dass er heute in einer psychiatrischen Klinik sitzt. Deshalb bekam sie kürzlich auch vom Bayerischen Innenminister auch einen Preis verliehen für Courage. „Nicht wegschauen“, das ist ihre Devise.
Wie es soweit kam, schildert sie im Gespräch mit dieser Zeitung. „Das Mädchen, das der Mann so seltsam angefasst hat, war damals elf Jahre alt“, sagt Schreiner heute. Das seltsame Gefühl bestätigte sich, als beide auf eine Geburtstagsparty für das Mädchen in den Garten eingeladen wurden. „Da war nichts vorbereitet, nicht einmal die Biergarnitur war aufgestellt“, erinnert sich Schreiner. „Mein Mann und ich schmissen die Party, er grillte, ich versorgte alle mit Getränken.“ Was war das nur für ein seltsames Paar, das sich nicht um Gäste kümmerte? Doch noch seltsamer: „Er hatte sich drei Kinder aus einer Familie in Baden-Württemberg geholt, die mitfeierten. Das jüngste Kind war vier Jahre alt.“ Am Ende des seltsamen Abends aber, wieder zuhause, fiel dem Paar etwas auf. Der Nachbar war urplötzlich verschwunden, mit dabei die Vierjährige. „Das ist doch komisch, wenn ein Mann sich nicht um seine Gäste kümmert und dann mit einer Vierjährigen nach oben in den Schlafbereich verschwindet.“
Er verschwand mit Kind
Für Schreiner undenkbar sei schon gewesen, wie Eltern auf die Idee gekommen sein konnten, dem Mann ihre drei Kinder von Baden-Württemberg nach Bayern mitzugeben. „Ich würde niemals mein Kind irgendjemandem mitgeben“, sagt sie heute.
Jene seltsame Party sollte dem Ehepaar Schreiner nicht mehr aus dem Kopf gehen. Die Seltsamkeiten des Mannes häuften sich. Da erzählte seine Partnerin, sie würden in einer Art Wohngemeinschaft leben mit getrennten Schlafzimmern. Die Frau erzählte auch, dass ihr Partner mit dem vierjährigen Mädchen mit ihm im Schlafzimmer zum „Kuscheln“ gegangen sei. Er biete ein Haus mit Garten, sie würde dafür den Haushalt erledigen, so nahmen es die Nachbarn wahr. „Er fuhr in der ganzen Republik mit seinem Wohnmobil herum und besuchte Kinder, vorwiegend aus sozial schwachen Familien“, erzählt die Regensburgerin heute. Dabei verschenkte er Badeanzüge, wenn ein Kind, das der Mann kannte, das Seepferdchen bestanden hatte. „Das ist doch kein Universitätsabschluss“, sagt Schreiner heute. Ihr sei das alles sehr komisch vorgekommen.
Es dauerte eine Weile, bis Schreiner sich entschloss, die Vorfälle bei der Polizei zu melden. Zusammen mit ihrem Mann schreibt sie einen Brief, den sie an das Landeskriminalamt und an das Polizeipräsidium Oberpfalz schickt. Darin schildern sie, was sie beobachtet haben. Mit Details. Natürlich plagen sie Zweifel. „Mein Mann ist Lehrer, wir können gut abschätzen, wie dramatisch ein solcher falscher Vorwurf wäre.“ Und: „Ich habe das natürlich nie live gesehen, wie der sich an einem Kind vergeht. So dumm war er natürlich nicht.“ Aber die Schreiners wussten auch, dass vieles darauf hindeutete, dass der Mann sich an Kindern verging. Als er einmal beispielsweise von einer seiner Reisen mit dem Wohnmobil zurückkehrte, hatte er sich bei einem Kind Läuse geholt. „Das geschieht normalerweise nicht, wenn man sich den Kindern nicht auf eine ganz bestimmte Weise nähert“, sagt Schreiner.
Es sollte auch nicht lange dauern, bis die Anonymität des Briefes aufflog. Die Polizei handelte nämlich – und befragte den Mann und seine Lebensgefährtin. Weil in dem Brief Details standen, die sie selbst der Nachbarin erzählt hatte, stand sie nun vor der Tür der Schreiners. „Sie hat mich runtergebuttert. Und hat dann aber auch gesagt, als ich sie mit den seltsamen Vorgängen konfrontierte: All das interessiere sie nicht, solange ihr Lebensgefährte ihre Kinder in Ruhe lassen würde.“ Ein Eingeständnis also, dass die Frau wusste, was ihr Lebensgefährte mit Kindern macht. Schon bald nahm die Polizei auch das Haus im Städtedreieck ins Visier. „Die trugen Kistenweise irgendwelche Datenträger aus dem Haus“, erinnert sich die Regensburgerin. Es habe ein halbes Jahr gedauert, bis eine Spezialfirma die verschlüsselten Daten knacken konnte.
Daten waren verschlüsselt
Doch als es dem Mann zu heiß wurde und die Polizei ihm auf die Schliche kam, wollte er umziehen. „Das Umzugsunternehmer hat bei uns geklingelt, weil bei denen drüben keiner aufgemacht hat“, schildert Schreiner. Sie gibt es an die Polizei weiter und erfährt von dem Umzugsunternehmen auch, wohin er gezogen wäre: In die Nähe von Regensburg. Und nicht nur das: „Der wäre für sich ja im persönlichen Paradies gewesen, direkt gegenüber von einem Kindergarten.“
Für die Polizei und die Staatsanwaltschaft begründet das eine Fluchtgefahr. Der Mann wird in Untersuchungshaft genommen. 2024 wird ihm dann der Prozess gemacht.
Anfang Januar fiel dann das Urteil. Der Mann wurde wegen Erstellens kinderpornographischer Inhalte, sexuellem Missbrauch von Kindern, schwerem sexuellem Missbrauch von Kindern und Vergewaltigung vom Landgericht Amberg zu sechs Jahren Haft verurteilt. Doch schon während der Untersuchungshaft wurde der Mann ins Bezirksklinikum gebracht, wo er bis heute behandelt wird.
Mehr als 20 Übergriffe waren es, die das Landgericht dem Mann nachwies und die er auch gestand. Die mehr als 20 Übergriffe ereigneten sich in seinen Wohnungen, in Hotels, auf Campingplätzen oder in einem Wohnwagen. Über die Jahre sammelte der Mann zahllose Bilddateien. Zum Zeitpunkt der Übergriffe waren die Mädchen zwischen vier und zwölf Jahre alt. Heute sagt Schreiner, sie würde es jederzeit wieder tun. „Man möchte natürlich niemanden ungerechtfertigt verdächtigen, das will man ja auf gar keinen Fall“, sagt sie.
Aber was, wenn man nur ein Kind davor bewahren könnte, so etwas schlimmes wie einen Missbrauch zu erleben? Schreiners Antwort ist da eindeutig. Was sie bedauert: Dem Täter wird jetzt geholfen. Aber den Opfern nicht.
Infokasten: Das sagte der Minister
Auszeichnung: Der Innenminister dankte Stephanie Schreiner in einem Festakt am 15. September neben zahlreichen anderen engagierten Bürgern für das, was sie getan hat. Wörtlich sagte Innenminister Joachim Herrmann, „durch die Ermittlungen konnten insgesamt drei Fälle des schweren sexuellen Missbrauchs von Kindern sowie in 24 Fällen der Besitz kinderpornographischer Inhalte aufgeklärt werden. Und nicht zuletzt wurde durch Ihr beherztes und selbstloses Handeln verhindert, dass dem Täter die von ihm bereits beantragte Pflegschaft für ein kleines Mädchen übertragen wird“. Sie habe entscheidend dazu beigetragen, weiteres Leid zu verhindern.
Bedauerlich: Was Schreiner aber bedauerlich fand: „Bei dem Festakt war die tolle, engagierte Kriminalkommissarin nicht dabei, die den Fall maßgeblich aufgeklärt hat.“ Stattdessen schickte das Präsidium den Polizeipräsidenten. „Ich hätte mir gewünscht, dass die Frau von der Kripo auch eine Auszeichnung bekommt“, so Schreiner.