Im Interview: Andreas Kestler über sein Regensburger Haus und die Krankenhausreform

Der Geschäftsführer des größten katholischen Krankenhauses in Deutschland, Dr. Andreas Kestler, spricht über sein Regensburger Haus, die Krankenhausreform und die Folgen für die Kliniklandschaft. Seine Kernthese: Mit dem neuen Gesetz werden kränkelnde Häuser noch über Jahre am Tropf – und damit am Leben gehalten.
Er ist seit 2006 Geschäftsführer der Barmherzigen Brüder in Regensburg, dem größten katholischen Krankenhaus Deutschlands: Dr. Andreas Kestler. Der Mediziner hat als Chirurg am Krankenhaus Burglengenfeld und in Regensburg in St. Josef gearbeitet, bevor er dort sowie in Kelheim und Mainburg die Krankenhäuser managte und dann die Barmherzigen bis heute leitete. Wir sprachen mit ihm über die Krankenhausreform und was er für Patienten und Kliniken erwartet.
Wir stecken jedes Jahr fast 500 Milliarden Euro in das Gesundheitssystem. Widersprechen Sie mir bei der Aussage, dass wir das beste Gesundheitssystem der Welt haben?
Andreas Kestler: Ja, da widerspreche ich. Wir haben aber sicher eines der teuersten. Für dieses viele Geld könnte man eigentlich auch mehr erwarten.
Wie könnte das System effizienter werden?
Kestler: Effizienter wird das System nur, wenn wir Digitalisierung und Deregulierung zusammendenken. Heute binden unzählige Vorschriften und Dokumentationspflichten enorme Kräfte – von Personaluntergrenzen bis zu Zentrumsrichtlinien. Diese Bürokratie kostet enorm viel Zeit, die wir dringend für die Patienten brauchen, zumal künftig mehr Menschen versorgt werden müssen, während gleichzeitig weniger Personal zur Verfügung steht.
Von den knapp 500 Milliarden Euro im Gesundheitssystem gehen etwa 90 Milliarden an die Krankenhäuser. Müsste dieser Anteil steigen?
Kestler: Wichtiger als die Frage nach mehr Geld ist eine klare Struktur. Wir sollten uns auf Landesebene genau überlegen, wie die Krankenhauslandschaft in zehn Jahren aussehen soll. Die demografischen Daten liegen vor, man kann ziemlich genau berechnen, welche Krankheitsbilder in welcher Region auftreten werden. Und dann muss man sinnvoll entscheiden, wo komplexere Angebote wie Herzkatheter gut erreichbar angesiedelt sind.
Was bedeutet das neue Krankenhausversorgungsverbesserungsgesetz konkret für die Region?
Kestler: Nach den Kriterien braucht ein Krankenhaus beispielsweise für die Zulassung für Herzkathetereingriffe mindestens fünf Kardiologen, die viele kleine Krankenhäuser in Ostbayern nicht haben und die Leistung deshalb nicht mehr erbringen dürfen. Gleichzeitig macht es das Gesetz aber auch den größeren Häusern schwer, diese zu übernehmen, weil Mehrleistungen erst einmal nicht angemessen vergütet werden. Schon mit dem Reformgesetz von Karl Lauterbach war eine mittelfristige Erlösabschätzung und Investitionsplanung unmöglich. Das geplante Anpassungsgesetz wird wohl weiter das Bürokratieungetüm „Vorhaltefinanzierung“ beinhalten und so wissen wir überhaupt nicht, worauf wir uns mittel- und langfristig verlassen können. Statt einem echten Neustart wird Kosmetik betrieben. Mit dieser Unsicherheit lebt natürlich auch jedes Krankenhaus der Region.
Droht ein Krankenhaus-Sterben?
Kestler: Allen Beteiligten im Gesundheitswesen ist klar, dass wir in Zukunft weniger Krankenhäuser haben werden. Wegen der seit Jahren bestehenden Unterfinanzierung mussten schon viele Konkurs anmelden. Die ganz große Gefahr ist jedoch ein ungeregeltes Krankenhaussterben, bei dem vorzugsweise die Krankenhäuser überleben, deren Träger noch einen Defizitausgleich aus ihren Steuertöpfen bewerkstelligen können. Wir müssen verhindern, dass wir in zehn Jahren eine heruntergewirtschaftete Krankenhauslandschaft haben – wie heute schon in der Infrastruktur bei Brücken oder der Bahn.
Brauchen wir also mehr Geld im System – oder wird es schlicht falsch eingesetzt?
Kestler: Vieles dient nicht einem langfristigen Zweck. Es werden Krankenhäuser künstlich am Leben erhalten, die weder in dieser Form vor Ort notwendig sind noch eine echte Zukunftsperspektive haben. Das verschlingt Steuermittel, ohne dass die Versorgung davon profitiert.
Wann ist die Versorgung mit Kliniken wichtig?
Kestler: Ganz wichtig ist sie im akuten, lebensbedrohlichen Notfall – bei Schlaganfall, Herzinfarkt, Hirnblutung oder einem schweren Unfall. Dann zählt jede Minute, aber da können auch nur Häuser mit entsprechender Ausstattung helfen. Alles andere, ob Blinddarm oder Gallenstein, lässt sich auch mit etwas Vorlauf behandeln. Viele Patienten scheuen ohnehin auch heute schon keine weiten Strecken, um sich in spezialisierten Zentren operieren zu lassen.
Viele Bürger im ländlichen Raum fürchten: „Jetzt nehmen sie uns auch noch das Krankenhaus.“ Hätte man Spitzenmedizin in den Zentren bündeln und die Grundversorgung auf dem Land sichern können?
Kestler: Dieses Stufensystem gibt es längst – von der Grund- und Regelversorgung bis zu Maximalversorgern und Unikliniken. Mit dem neuen Gesetz ändern sich vor allem die Kriterien, nach denen Häuser künftig eingestuft werden und welche Leistungen sie künftig erbringen dürfen.
Was heißt das konkret?
Kestler: Bisher definierte der Krankenhausplan recht grob, was etwa ein Grundversorger oder ein Maximalversorger leisten muss. Künftig gibt es 61 Leistungsgruppen mit detaillierten Vorgaben – von Personal über operative Ausstattung bis hin zu begleitenden Fachabteilungen. Wer zum Beispiel komplexe Gefäßkrankheiten operieren will, sollte auch eine Nephrologie haben.
Das müsste für ein großes Haus wie die Barmherzigen doch ein Vorteil sein.
Kestler: Regensburg wird medizinisch gut versorgt bleiben, das steht außer Frage. Aber es geht um die Feinsteuerung: Kleinere Häuser verlieren Leistungen, Fälle werden gebündelt. Und die Staatsregierung überlässt die Umsetzung weitgehend Regionalkonferenzen, in denen Träger mit oft sehr unterschiedlichen Eigeninteressen am Tisch sitzen. Ob daraus wirklich tragfähige Lösungen entstehen, ist offen.
Ist zu viel Politik im System?
Kestler: Möglicherweise auch zu wenig. Kommunalpolitiker kämpfen naturgemäß für ihr Krankenhaus – ob in Mainburg, Tirschenreuth oder Roding. Ein Verlust gilt als Niederlage. Nordrhein-Westfalen hat vorgemacht, wie es anders geht: Dort hat man mit öffentlich einsehbaren Zahlen und Fakten sehr transparent und gut kommuniziert eine Krankenhausplanung entwickelt, die sich am künftigen Bedarf orientiert. Das scheint der Landesregierung aus Sicht der Wähler auch nicht geschadet zu haben.
Sie haben eingangs widersprochen, dass Deutschland das beste Gesundheitssystem der Welt hat. Warum?
Kestler: Es gibt Länder, die mit weniger Kosten eine längere Lebenserwartung und höhere Lebensqualität erreichen. Aber: Bei uns bekommt jeder, ob Kassenpatient oder Millionär, eine Herz- oder Lungentransplantation, wenn sie medizinisch notwendig ist. Das ist ein großer gesellschaftlicher Wert, das muss man natürlich sehr hoch schätzen.
Was könnte man schnell verbessern?
Kestler: Ärzte und Pflegekräfte dokumentieren nach Auswertungen der Krankenhausgesellschaft im Schnitt drei Stunden am Tag, nötig wären anderthalb. Würde man das halbieren, ließen sich fünf Milliarden Euro sparen.
Was fehlt den Krankenhäusern am dringendsten?
Kestler: Planungssicherheit. Wir wissen nicht, wie wir 2027 oder 2030 dastehen. Wir investieren in Geräte, die Millionen kosten, wissen aber nicht, ob wir die Refinanzierung in angemessener Zeit schaffen. Ohne klare Perspektive ist das kaum zu verantworten.
Ihre Kernkritik an dem neuen Gesetz ist also?
Kestler: Man hat fälschlicherweise ein sinnvolles Planungsinstrument zum untauglichen, bürokratischen Finanzierungsinstrument gemacht. Es wird immer noch in Häuser investiert, die in zehn Jahren nicht mehr gebraucht werden. Stattdessen müsste man ehrlich sagen: Im echten Notfall helfen nur entsprechend ausgestattete und personell besetzte Kliniken und das kann auch mit längeren Wegen gut organisiert werden. Die Politik müsste mit Mut, Ehrlichkeit und Transparenz die Krankenhausversorgung der Zukunft ordnen.