Kopflos verliebt: Regensburg bringt opulentes Opernspektakel auf die Bühne

„The Ghosts of Versailles“: Das Theater Regensburg wagt einen wuchtigen Aufschlag zum Start der Saison. Es wird ergreifend, lustig, verrückt. Zur Premiere setzt sich der Oscar-Preisträger John Corigliano aus New York ins Flugzeug.
1,5 Millionen Dollar ließ die Met angeblich für die märchenhafte Inszenierung von „The Ghosts of Versailles“ springen. Die Oper war ein Auftrag zum 100. Geburtstag des New Yorker Schlachtschiffs. John Corigliano und Librettist William M. Hoffman brauchten allerdings sieben Jahre für das Spektakel, dafür war es ab der Uraufführung 1991 mit James Levine am Pult sofort ausverkauft und Fans bettelten um Karten. 1999 kamen die „Ghosts“ in Hannover auf die Bühne, 2019 in Versailles, im Privattheater Marie Antoinettes, aufgezeichnet für Arte. Nun richten sich die Geister in Regensburg ein. Der Komponist (87) wird ins Flugzeug steigen und höchstpersönlich eine Einführung geben.

Die Oper spielt während der Revolution 1793 und im Jetzt. Geister schwirren durch Versailles, darunter die geköpfte Marie Antoinette und Pierre-Augustin Caron de Beaumarchais, Autor von „Der Barbier von Sevilla“ (1775) und „Die Hochzeit des Figaro“ (1784) – und unsterblich verliebt in die Enthauptete. Er will die Geschichte umschreiben, die Königin vor der Guillotine retten und mit Theater aufheitern. Eine Oper in der Oper in der Oper entrollt sich. Um alle Aspekte aufzudröseln (sogar die Halsbandaffäre und die angebliche Phimose von Louis XVI. sind angedeutet), bräuchte es ein Proseminar, sagt Dramaturg Ronny Scholz am Sonntag bei der Matinee im Neuhaussaal über diese Grand Opera Buffa, die Tiefgang mit Komödiantischem verbindet.
Maximale Stilvielfalt
Bedrohlich und unheimlich klingt die Geisterwelt (erstmals waren 1991 in der Met Synthesizer eingesetzt), schrill wie feuchte Fingerkuppen, die Glas reiben, aber auch Mozart, Rossini, Richard Strauß, Wagner sind zitiert. Filmmusik-Komponist Corigliano hat keine Scheu vor Populärem. „Ich habe keinen Stil“, soll er gesagt haben, er wolle auch keinen Zwölf-Ton-Figaro schreiben. Schwebend nennt Generalmusikdirektor Stefan Veselka die Musik, stilistisch vielfältig, mit frei gestalteten Passagen und vielen Tonspuren, wie eine Collage. „Das macht’s kompliziert.“
Wie schmelzend das klingen kann, lassen Theodora Varga (Rosina), Rahel Brede (Cherubino), Seymur Karimov (Beaumarchais) und Iida Antola (Marie Antoinette) im fein abgestimmten Doppel-Duett hören. Die finnische Sängerin Antola, groß und sehr präsent, will die Königin mit ihrem dunklen Sopran selbstbewusst verkörpern. „Nicht als Opfer“, sagt sie über ihre Rolle, eine „Mörderpartie“, aber „wie ein Lottogewinn für mich“. Später reißt Benedikt Eder den Saal mit, in Höllentempo singt und spielt er Figaro, zeigt ihn in einer langen Arie zornig, zupackend, und in der nächsten Sekunde sehnsüchtig.
Wie in einem Wimmelbild
Regensburg wagt mit „Ghosts“, dem anspruchsvollen Werk eines hierzulande recht unbekannten Komponisten, einen wuchtigen Aufschlag als künftiges Staatstheater. 19 Solisten, Chor, Tanzkompanie und Orchester stemmen die XXL-Produktion. Von „ultravirtuoser Oper“ spricht Regisseur Sebastian Ritschel. „Es lohnt, diesen Komponisten zu entdecken.“ Die Proben seien schon weit gediehen, trotz des krass komplizierten Plots und der Riesen-Besetzung. Als Ausstatter hat das Theater Christophe Ouvrard ans Haus geholt. Der Franzose entwirft zwei Welten, eine im 18. Jahrhundert, die andere im Jetzt angesiedelt.
„Ein Clash der Universen“ schwebt ihm vor, in dem alles miteinander verbunden ist. Im Hintergrund entfaltet sich Barock-Ambiente schwarz-weiß und flach, wie eine Klappkarte aus Papier. UV-Licht spuckt Blut auf verschnörkelte Draperien und imaginiert die Tötungsmaschinerie der Revolution. Den vorderen Bühnenraum nimmt ein knallig buntes Retro-Kino ein, das an die 1980er und Las Vegas erinnert und in dem die Geister auf den hereinrollenden Sesseln Platz nehmen.
Die vielen Figuren von damals und heute, die über die Bühne wimmeln, sind ähnlich ausstaffiert wie die Menschen am Hof von Ludwig XVI., in ausladenden Roben, die aber Anleihe nehmen bei Luxus-Designern wie Dolce & Gabbana oder Alexander McQueen und verrückten Details gespickt sind. Die Eindrücke bei der Matinee jedenfalls versprechen ein Fest auch für die Augen.
John Corigliano in Regensburg
John Corigliano zählt zu den großen US-Komponisten der Zeit. Er erhielt 1999 einen Oscar, 2001 den Pulitzer-Preis und insgesamt fünf Grammys, einen davon für die Sinfonie Nr. 1, seine Aids-Sinfonie, die Gustavo Dudamel diese Woche in New York dirigiert. Die Grand Opera Buffa „The Ghosts of Versailles“ wurde bisher erst ein Mal in Deutschland inszeniert: 1999 ihn Hannover. In Regensburg führt Intendant Sebastian Ritschel Regie, am Pult: Stefan Veselka. Premiere ist am 27. September (19.30 Uhr), vorab gibt John Corigliano eine Einführung.