Wieviel Haus verträgt die Stadt Cham? - Der Stadtrat lässt die Probleme der Verdichtung prüfen

Von Johannes Schiedermeier · 12. September 2025 um 15:08

Zu Widerstand bei den Anliegern hat das Bauvorhaben eines Mehrfamilienwohnhauses auf einem unbebauten Grundstück in der Pfarrer-Lukas-Straße in Cham geführt. Es soll 24 Wohnungen haben und zwölf Stellplätze. Der Stadtrat fordert nun dafür einen neuen Bebauungsplan, um festzustellen, ob das Bauvorhaben in das Stadtbild eingefügt werden kann.

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Der Bebauungsplan „Bei den Gymnasien“ der das Planungsgebiet mit umfasst hat, ist 2022 aufgehoben worden. „Die Anwohner sind besorgt und wir haben ihre Anliegen mit aufgenommen und wollen Sicherheit darüber haben, was in diesem Bereich künftig möglich ist“, begründete Bürgermeister Martin Stoiber das Vorgehen. Bei der Grundschule Cham sei man in einem ähnlich gelagerten Fall genauso vorgegangen.

Erst die Probleme abklären

Konsequenterweise hat der Stadtrat eine Veränderungssperre erlassen. Die Wirkung erläuterte Bauverwaltungsleiter Michael Bücherl: Die Stadt verhindere damit, dass Bauvorhaben verwirklicht werden, die den Voraussetzungen widersprechen, die in dem neuen Bebauungsplan festgelegt werden. Die Sperre dauere zunächst zwei Jahre und könne verlängert werden. Die Veränderungssperre gelte nicht für Bauvorhaben, die den geltenden Richtlinien entsprechen.

Der Stadtrat beschloss dieses Vorgehen einstimmig. Er gab eine Untersuchung in Auftrag über die Auswirkungen der neuen Pläne, welche Probleme auftreten, und wie die Stadt gegensteuern kann. Auch das befürwortete der Stadtrat einstimmig.

„Das Problem wird uns begleiten“

Stadtrat Andreas Geiling fand das Vorgehen richtig und wichtig. Dadurch erledige man eventuell im Vorgriff die Entstehung einer Bürgerinitiative und der Stadtrat setze auch ein Zeichen für Stadtteile, die von ähnlichen Plänen betroffen seien.

Bürgermeister Martin Stoiber gab ihm Recht und verwies auf die Probleme mit Großvorhaben von Investoren. „Das ist kein einfaches Thema, weil es keine Verhinderungsplanung geben darf, sondern nur eine positive. Der Wohnungsbau-Booster, der nun kommt, macht uns das sicher nicht einfacher. Das Gesetz ist noch nicht fertig. Aber es weckt Begehrlichkeiten nach höheren Bauten.“ Das sei für große Städte mit gut ausgebautem ÖPNV sicher weniger problematisch als in kleineren Städten. Hier seien oft schon Art und Maß der umliegenden Gebäude als Maßstab für eine Genehmigung problematisch. „Dieses Thema wird uns in den nächsten Jahren viel mehr begleiten, als es uns lieb ist“, so Stoiber.

Parallelen weist da auch der Neubau eines Mehrfamilienhauses in der Weinbergstraße 11 auf. Er wurde wegen der Bedenken der Stadt auf Wunsch des Planers von der Tagesordnung des Bauausschusses im September 2024 abgesetzt. Nun hatte es der Stadtrat auf dem Tisch.

Die Bedenken bleiben

Die angepasste Planung, die nun eingegangen ist, enthielt nach Ansicht von Bauverwaltung und Stadtrat aber recht kleine Anpassungen. Die Maße des Baukörpers sind nach Ansicht der Bauverwaltung kaum reduziert, nur die Höhe verringerte sich von 12,11 Meter auf 11,26 Meter. Das Haus bleibt viergeschossig. Das Grundstück werde fast komplett versiegelt. „Das fügt sich vom Maß der baulichen Nutzung nicht in das Stadtbild ein“, so Bauverwaltungsleiter Michael Bücherl. Die Zufahrt für die Müllabfuhr sei nicht möglich und es gebe keinen Stauraum für die Bereitstellung der Tonnen.

„Unsere Bedenken sind nicht ausgeräumt“, so Bücherl. Diese Ansicht bekräftigte auch der Bürgermeister. Der Stadtrat folgte dem, und lehnte das Bauvorhaben ab. Stadtrat Stefan Schönberger verwies noch auf die Spielplatzverordnung und fragte, ob bei dem Projekt ein Spielplatz vorgesehen sei. Bürgermeister Martin Stoiber erklärte, das sei gar nicht mehr geprüft worden, weil ohnehin eine Ablehnung vorgeschlagen sei.

Kommentar

Das Mittelmaß aller Dinge

Von Johannes Schiedermeier

Eigentlich ist es ein Problem, das wir gerne hätten: Es soll gebaut werden in Cham. – Aber wie? Der Stadt wachsen die Baupläne über den Kopf. Und ihren Bürgern auch. Immer höher und immer größer werden die Ideen der Investoren. Vier, fünf, sechs Stockwerke hoch soll der Neubau sein und gut gefördert.

Daneben stehen fassungslos die benachbarten Bewohner von Einfamilienhäusern und sehen ihre Zukunft zugeparkt, mit zu kleinen Kanälen und zuviel Verkehr für die Straße, deren Breite geplant wurde, als der Golf noch kein SUV war und noch nicht jeder Schüler ein 45 kmh-Wagerl kutschierte.

Dabei ist es wichtig, die Stadt nachzuverdichten, um den ungehemmten Grundverbrauch einzudämmen. Doch es ist im wahrsten Sinne des Wortes schwer geworden, hier ein Maß zu finden. Denn plötzlich ploppen wirklich gewagte Ideen auf: Ist der First der benachbarten Kirche das Maß aller künftigen Planungen? Oder der Frey, den man von der Baulücke im Tal aus noch sehen kann? Das ist keine abwegige Überlegung. Das sind reale Debatten, die bitterbös-baurechtlich in der Stadt Cham schon geführt worden sind.

Früher hat die Stadt ihre Gewerbegebiete an die Wohngebiete grenzen lassen und sich damit Prozesse ins Haus geholt. Nun drohen in Wohngebieten mit Einfamilien-Bebauungsplänen riesige Investorenbauten. Gelockt wird mit Wohnraum, gedacht wird an die Rendite.

Das ist grundsätzlich nicht verwerflich, aber wird es sich am Ende wirklich rechnen? Schon sitzen die ersten Investoren mit hochfliegenden Plänen auf dem Trockenen, weil die Stadt mehrere Veränderungssperren verhängt hat. Dann geht nichts mehr für jeden, der größer bauen will als vorgesehen. Und zwar mindestens zwei Jahre lang.

Bis dahin checkt die Stadt – zurecht – über Gutachten die Problemlage ab: Parkplätze, Kanal, Grünflächen, Verkehr, Oberflächenversiegelung... Und ein hohes Gut wird dabei gerne übersehen: Frieden in der Nachbarschaft. Schön, wenn die Debatte dorthin führen würde, wo mancher so ungern hin will: ins Mittelmaß.