Betrugsversuche im Sog der Paypal-Probleme: Chamer Sparkassen-Chef Wittmann warnt

„Ihre Bank hat mitgeteilt, dass Ihr Konto nicht gedeckt ist.“ — Da schaut er, der geneigte Sparkassenkunde aus Cham, der vor fünf Minuten noch den vierstelligen Betrag auf seinem Konto gesehen hat. Wie jetzt? Doch dieser Versuch des US-Onlinebezahldienstes Paypal, seine Probleme auf die örtliche Bank zu schieben, ist erst der Anfang...
Denn ganz offensichtlich haben Internetbetrüger über ein Sicherheits-Leck bei Paypal Konten und Adressen erbeutet. Eine Überweisung von 18,50 Euro ist nicht möglich, weil das Konto laut ihrer Bank nicht gedeckt ist, hatte Paypal mitgeteilt. „Das ist natürlich Blödsinn“, sagt Chams Sparkassen-Chef dazu, als er mit der Paypal-Behauptung konfrontiert wird. Das Konto erweist sich als gedeckt.
Zweiter Versuch: Bingo!
Dann siegt die redaktionelle Neugier: Einen Tag später ein zweiter Versuch zur Überweisung von 18,50 Euro. Und Bingo. Es kommt eine waschechte Betrugsmail zurück. Der Redakteur wird aufgefordert, seine Kontodetails zu bestätigen – „vor dem Hintergrund der aktuellen Probleme“ – und sein Konto zu verifizieren. Originalton: „Melden Sie sich an wie bei ihrer Bank.“ Übersetzt: Geben Sie uns Zugangsdaten und Sicherheitsnummern...

Auf Anfrage gibt der Chamer Sparkassen-Chef Franz Wittmann ein Interview. Das ist schon deshalb interessant, weil er stellvertretender bayerischer Landesobmann ist und deswegen über das gesammelte bayerische Schwarmwissen der Sparkassen verfügt.
Auch im Landkreis Cham hat das Paypal-Problem seine Spuren hinterlassen. Eine Millionensumme an Lastschriften ist am Montag zurückgeholt worden und war am Dienstag wieder auf den Konten. „Das ist bei so einer Summe auch ein Verlust“, sagt Wittmann und verweist auf entgangene Zinsen.
„Absolut ein Betrugsversuch“
Was ihm aber weit mehr Kopfzerbrechen bereitet, ist der Rattenschwanz an Folgen, der den Sicherheitsproblemen von Paypal folgt. „Absolut ein Betrugsversuch“, sagt Wittmann beim Blick auf die E-Mail (siehe oben). Das alles garniert mit der original wirkenden Paypal-Signatur und den richtigen Endziffern des Sparkassen-Kontos...
Mal ganz abgesehen davon, dass viele Banker es schon nicht amüsant gefunden haben, dass Paypal seine Probleme auf sie abgeschoben hat: „Ihre Bank hat die Überweisung abgelehnt...“ Wittmann warnt nun vor den Betrugsmaschen und verweist auf die Tipps, die an die Kunden hinausgegangen sind.
Woran man Betrugsmaschen erkennt
• Anrufer setzen den Kunden unter Druck und verlangen eine schnelle Reaktion
• Es werden persönliche Daten oder TANs zur angeblichen Korrektur von Paypal-Zahlungen gefordert
• Die angezeigten Telefonnummern wirken täuschend echt
Als richtige Reaktion empfiehlt Wittmann
• Geben Sie niemals PIN, TAN oder Passwörter weiter
• Beenden Sie das Gespräch oder die Online-Kommunikation sofort
• Kontaktieren sie ihre Bank oder Sparkasse über offizielle Kanäle
• Falls Sie Daten weitergegeben haben: Sperren sie ihr Konto sofort über die Notrufnummer 116 116 oder die dreimalige Eingabe einer falschen PIN im Online-Banking
• Wichtig: Weder ihre Bank noch Paypal rufen bei ihnen an und fordern vertrauliche Daten
Was sind die Folgen?
Was passiert jetzt, nachdem die Tragweite klar geworden ist? Rund 30 Millionen Bundesbürger nutzen den Online-Bezahldienst Paypal regelmäßig. Inzwischen machen die US-Amerikaner einen Umsatz von rund einem Drittel des gesamten Onlinehandels – eine gewaltige Marktmacht.

Wittmann räumt ein, dass es hier Versäumnisse gegeben hat und man in den letzten Jahren nicht in der Lage war, ein europäisches Pendant zu installieren zu den US-Bezahldienstleistern. Er verweist darauf, dass derzeit die sogenannte European Payment Initiative (EPI) im Anlaufen ist und in Zusammenarbeit aller Sparkassen und etlicher Banken ein europäischer Bezahldienst namens „Wero“ entstehen soll.
Außerdem arbeiten die Sparkassen nach PIN und TAN noch an einem dritten Sicherheitsfaktor. Werden diese Planungen Wirklichkeit, dann muss bei hohen Überweisungen – auf Wunsch des Kunden – der Ehepartner oder eine andere zweite Vertrauensperson des Kunden zustimmen. „Wenn noch eine weitere Person draufschaut, dann wird auch verhindert, dass in Stresssituationen unter Druck an irgendwelche Betrüger überwiesen wird“, sagt Wittmann.
Ein Kommentar zum Thema von Johannes Schiedermeier
Sorglos sind wir geworden. Überlegen sie mal: Wer hat aller ihr Geburtsdatum? Wer kennt ihre Kontonummer? Wer hat ihre Adresse? Ihre Telefonnummer?
Meistens die Amis. Facebook, Insta- und Telegram. Und Paypal natürlich. Im Grunde ist es da schon egal, ob ihr Zahnarzt aus ihrer elektronischen Krankenakte irgendwann mal auch weiß, dass sie psychische Probleme haben. Vielleicht bohrt er dann vorsichtiger...
Spaß beiseite. Dem Datenkraken wachsen täglich neue Arme und wir werfen uns rein. Die Betrüger spielen von den Bahamas aus Hase und Igel mit den Banken, dem Staat, den Strafverfolgern. Wir haben uns über unsere Daten irgendwelchen amerikanischen Milliardären ausgeliefert. Die machen nun, was sie wollen. Und sie entscheiden am Ende, welche Meinung über undurchsichtige Algorithmen nach ihrem Gutdünken gelesen werden können oder welche ihren Vorstellungen nicht entsprechen.
Auch hier hinken die Europäer hinterher mit eigenen Angeboten, die sich an die geltenden Regeln halten müssten. Stattdessen werden uns Lügen als Meinungsfreiheit aufgedrückt.
Wir sind erpressbar geworden.
Was können wir tun, wenn es um unsere Daten geht? – Weniger! – Denn weniger ist in diesem Fall tatsächlich mehr.