Sensation: Archäologen finden bei Sengkofen Schätze aus der Jungsteinzeit

Von Thomas Kreissl · 9. September 2025 um 11:30

Monatelang waren die Grabungsteams bei Sengkofen (Landkreis Regensburg) im Einsatz, um die Funde zu bergen und zu sichern. - Foto: Thomas Kreissl

Vor 40 Jahren war Dieter Heyse erstmals bei einer Ausgrabung mit dabei. Superlative hat der Archäologe in diesen vier Jahrzehnten höchst selten benutzt. Für Sengkofen im Landkreis Regensburg macht er jetzt eine Ausnahme: Das, was ein Ausgrabungsteam dort auf der Trasse des Südostlinks im Landkreis Regensburg zu Tage gefördert hat, „kann man absolut als Sensation bezeichnen“, sagt Heyse.

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Seit Monaten sind die Grabungsteams auf dem Feld bei Sengkofen auf der Suche nach den Spuren Jahrtausende alter Kulturen. Das Areal ist Teil eines rund 270 Kilometer langen Schnitts durch die Vergangenheit im Freistaat, „der größten bodendenkmalpflegerischen Herausforderung in Bayern“, erklärt der örtliche Grabungsleiter Thomas Kozik.

So nehmen jedenfalls Archäologen die Trasse des Südostlinks wahr – diese mehr als 40 Meter breite Schneise in der Landschaft, in der die Kabel der mancherorts umstrittenen unterirdischen Stromautobahn nach Bayern verlegt werden. Für Wissenschaftler die mithilfe der Hinterlassenschaften früherer Kulturen, die Vergangenheit zu erklären versuchen, ist diese Schneise ein Glücksfall.

Viele Planung und Abstimmung ist nötig

Einer, der freilich lange und penibel vorher geplant wurde. „Vor mehr als zehn Jahren habe ich bei der Planfeststellung schon die ersten Gutachten geschrieben“, berichtet Landeskonservatorin Dr. Stefanie Berg vom Landesamt für Denkmalpflege beim Besuch auf dem Grabungsfeld. Denn von Anfang an sei klar gewesen, dass die Bauarbeiten archäologisch begleitet werden müssen. Dazu braucht es viel Planung und Abstimmung zwischen dem Landesamt und der Firma Tennet, die die Grabungsarbeiten finanziert. „Es muss gelingen, im Rahmen des Bauverfahrens Archäologie durchzuführen, ohne dass es zu einem Bauverzug kommt“, formuliert Berg das gemeinsame Ziel.

Grabungstechniker bei der Feinarbeit - Foto: Thomas Kreissl

Dass im Bereich zwischen Donau und Landshut einiges an Arbeit auf sie zukommt, hatten die Archäologen von Anfang an vermutet. Nicht nur heute, auch früher waren die Ebenen südlich der Donau fruchtbar und deshalb ein idealer Ort, um Siedlungen zu gründen. „Der Boden ist hier rappelvoll“, umschreibt das Dieter Heyse, der für die Firma Tennet die Ausgrabungen im Abschnitt D3a zwischen Pfatter und der Autobahn A92 koordiniert. Ohne die Stromtrasse wäre bei Sengkofen allerdings wohl nicht gegraben worden.

Erster Eindruck war wenig vielversprechend

Letztlich rückten die Bagger Anfang des Jahres an und gruben zunächst etwa 40 Zentimeter Oberboden ab. Der erste Eindruck war allerdings alles andere als vielversprechend. „Man hat kaum etwas Auffallendes gesehen“, erinnert sich Kozik. Dabei waren vorab durchaus Siedlungsfunde erwartet worden, was rund 300 bis 400 Pfostenlöcher bestätigten. Auf diesen Pfosten, von denen heute nicht viel mehr als Flecken im Erdreich geblieben sind, standen einst die Langhäuser der Menschen.

Die Gäber werden exakt vermessen und dokumentiert - Foto: Thomas Kreissl

Abgesehen davon zeigten sich nicht weit davon entfernt aber nur ein paar diffuse Verfärbungen des Erdreichs, die nicht unbedingt Erfolg versprachen. Eine dieser Stellen weckte dann aber doch das Interesse der Archäologen und brachte in kaum fünf Zentimeter Tiefe Gewissheit. Dort lag ein menschlicher Schädel – das erste von 23 Gräbern, die die Grabungsteams seitdem geöffnet haben.

Ein Doppelgrab gibt noch Rätsel auf

„Es ist definitiv eines der größten Gräberfelder der Glockenbecher-Kultur in Bayern“, sagt Heyse. Das heißt: Die Menschen, auf deren Gebeine die Archäologen bei Sengkofen gestoßen sind, haben irgendwann zwischen 2600 und 2200 vor Christus hier gelebt – dem Übergang von der späten Jungsteinzeit zur frühen Bronzezeit. Ein ums andere ihrer Gräber wurde in den vergangenen Monaten geöffnet, darunter sogar ein Doppelgrab, in dem zwei Personen bestattet wurden. Gerade dieses Grab gibt den Forschern noch Rätsel auf.

Fast komplett ausgegraben ist dieses Skelett. - Foto: Thomas Kreissl

Exakt datiert sind die Gebeine noch nicht. Die Einordnung in die Glockenbecher-Kultur gilt aber als gesichert. Ein Hinweis darauf ist unter anderem die sogenannte Hockerbestattung der Menschen in den Gräbern, eine Form der Beisetzung mit angewinkelten Armen und Beinen. Auch Beigaben wie Keramikgefäße oder Pfeilspitzen lassen darauf schließen. „Eine komplette Neuheit“ sind nach den Worten von Thomas Kozik Armschutzschienen aus Stein, die damals Bogenschützen verwendet haben.

Kreisrunde Verfärbung entpuppt sich als „Jackpot“

Und dann ist da noch der Brunnen. „Jackpot“ nennt Kozik das, wofür Dieter Heyse ausnahmsweise das Wort „Sensation“ auspackt. Zunächst war es nur als kreisrunde Verfärbung auf dem Baufeld jenseits der Kreisstraße zu erkennen. Vor 5500 Jahren trieben die Menschen dafür eine Grube ins Erdreich, in die ein hohler Baumstamm gestellt wurde, der als Brunnenschacht diente.

Das Bauwerk, vom dem es in Europa wohl nur gut 30 vergleichbare gibt, überraschte das Grabungsteam gleich doppelt. Denn der Brunnen war nicht nur in einem einzigartigen Zustand, sondern barg in sich auch noch einen besonderen archäologischen Schatz, der sich erst tief unten offenbarte. Drei vollständig erhaltene Gefäße lagen im Brunnen, dazu Samen und Fruchtreste – all das, was Rückschlüsse auf das Leben der Menschen zulässt, die die Archäologen der Altheimer-Kultur zuordnen.

Ein Blick in die Vorgeschichte

Letztlich sind es Grabungsfelder wie bei Sengkofen, die einen kleinen Blick darauf zulassen, wie die Menschen in der Vorgeschichte gelebt haben, findet die Landeskonservatorin. Schließlich sei nur der kleinste Teil von damals bis heute erhalten geblieben. Stefanie Berg schätzt, dass maximal ein bis zwei Prozent der Gebäude aus vorgeschichtlicher Zeit bis heute überdauert haben.

550 Jahre alt ist der Brunnen aus der Altheimer-Kultur: Das Bild zeigt eines der heute noch voll erhaltenen Gefäße im Brunnen. - Foto: Markus Hirnich, NKS

Der Teil, der jetzt im südlichen Landkreis bei Sengkofen gefunden wurde, ist mittlerweile vollständig ausgegraben, dokumentiert und gesichert. Denn ansonsten wären die Funde bei den Tiefbaumaßnahmen für die Stromtrasse zerstört worden.