Neumarkterin rettete zwei Menschen aus Auto – und muss um Schmerzensgeld kämpfen

Im Sommer 2019 hat die Neumarkterin Jana Kaksch zwei Menschen aus einem brennenden Auto gezogen – für ihren selbstlosen Einsatz erhielt sie die Bayerische Rettungsmedaille. Jedoch: Seither kämpft die 48-Jährige mit schwer wiegenden gesundheitlichen Problemen – und zugleich um Schmerzensgeld. Zahlen soll das die Versicherung des Mannes, der den Unfall verursacht hat und gerettet wurde. Am Montag startete ein Zivilprozess vor dem Landgericht Nürnberg-Fürth.
Grundsätzlich gilt: Wer anderen Menschen hilft und sich dabei selbst in Gefahr bringt oder verletzt, ist über die deutsche Sozialversicherung gesetzlich unfallversichert – versichert ist man automatisch, ohne aktiv eine Versicherung abschließen zu müssen.
Anders sieht es jedoch beim Thema Schmerzensgeld aus – das muss eingefordert werden. Und genau das versucht Jana Kaksch seit Jahren. 50 000 Euro sehen Kaksch und ihr Anwalt Daniel König als gerechtfertigt an. Die beklagte Versicherung wollte bisher allerdings maximal 7000 Euro zahlen, was auch dem Gericht „definitiv viel zu niedrig“ erschien.
Leidenschaftliche Musikerin in mehreren Neumarkter Bands
Dass die Versicherung einen vergleichsweise niedrigen Betrag in Aussicht stellt, hängt damit zusammen, dass angezweifelt wird, ob alle gesundheitlichen Probleme, mit denen Kaksch zu kämpfen hat, von dem Unfall herrühren. Zu Teilen ist die Ursache für die Beschwerden unstrittig, zu Teilen eben aber auch nicht.
Vor Gericht schilderte die 48-Jährige, dass sich ihr Leben seit dem Unfall „komplett verändert“ habe. Musik sei bis Juli 2019 ihr Leben gewesen, sie habe leidenschaftlich Saxophon und Posaune gespielt, war Sängerin in mehreren Bands, sang in verschiedenen Chören und leitete die Neumarkter Saxophoniker. In all diesen Konstellationen trat sie regelmäßig auf, in den Sommermonaten wöchentlich. Und all das geht nun nicht mehr.
Schon normales Reden ist für die gelernte Krankenschwester kaum möglich. „Die Schmerzen sind ständig da, sie fühlen sich wie Messerstiche an“, sagte Kaksch. Je länger sie spreche, desto schmerzhafter sei es. Zweimal sei sie bereits operiert worden, Arztbesuche sind für sie Routine. Einmal pro Woche muss sie zur Logopädie, einmal pro Monat zum HNO, einmal im Jahr in die Uniklinik Regensburg. Mindestens zweimal im Jahr muss sie Antibiotika und Cortison nehmen, weil sie aufgrund der chronischen Entzündung anfälliger für Krankheiten ist. In dieser Zeit könne sie über Wochen gar nicht reden, verständige sich dann hauptsächlich über Zettel, etwa wenn sie beim Bäcker Brot kauft.

Ihre Arbeit – Kaksch arbeitete in einer forensischen Klinik – habe sie aufgrund ihrer stimmlichen Einschränkung nicht mehr ausführen können, jetzt leite sie einen Wohnbereich einer psychiatrischen Einrichtung.
Auch das Privatleben der 48-Jährigen hat sich geändert. Sie habe immer gern mit vielen Menschen zu tun gehabt, jetzt versteht man sie nicht mehr, wenn nur drei, vier Leute an einem Tisch sitzen. Mit ihrem Hund sei sie früher viele Kilometer gelaufen, auch das sei nun nicht mehr möglich. Hinzu kommen nächtliche Flashbacks, teilweise laufe sie stundenlang durch die Wohnung, spüre den Rauchgeschmack.
Gericht ordnet Gutachten bei HNO-Experten in Erlangen an
Ein Punkt in dem Verfahren ist, ob die Beschwerden möglicherweise vom Rauchen kommen. Auf Nachfrage des Gerichts erklärte Kaksch, sie sei bis zu dem Unfall Gelegenheitsraucherin gewesen, habe nach den Auftritten „hie und da eine Zigarette geraucht“. Kehlkopfentzündungen oder ähnliche Beschwerden habe sie bis dahin nie gehabt. „Dass man nach vier Stunden Auftritt mal heiser war: Ja, das war so, aber das war am nächsten Tag immer wieder in Ordnung“, so Kaksch.
Für die Richterin war nach der Anhörung klar, dass Kaksch „stimmlich sehr belastet“ sei. Da die beklagte Versicherung aber bereits vor dem Gerichtstermin angedeutet hatte, ihr Angebot nicht nach oben schrauben zu wollen, steht jetzt ein Gutachter-Termin an. Das Gericht wird Kaksch zu einem unabhängigen HNO-Experten an die Uniklinik Erlangen schicken – danach wird es weitergehen.
Kakschs Anwalt König monierte vor Gericht, dass die Versicherung bisher keinen Cent gezahlt habe, im Gegenteil habe diese erklärt, wenn man die 7000 Euro nicht nehme, werde erst einmal nichts gezahlt.
Der Rechtsanwalt der Versicherung, Roland Klaus, erklärte am Montag, es handle sich dabei nicht um ein „typisches Geschäftsgebahren“ seines Mandanten. Er selbst habe zwölf Jahre als Rettungssanitäter gearbeitet und das Verhalten von Kaksch verdiene absoluten Respekt. Auch von ihren eindrücklichen Schilderungen werde er seinen Eindruck weitergeben. Jedoch sei unabhängig davon ungeklärt, ob alle gesundheitlichen Beschwerden von dem Unfal stammten. „Ohne Gutachten werden wir hier nicht weiterkommen“, so Klaus.
Dass alles soweit kommen musste, ist für Kaksch enttäuschend. „Ich habe mein Leben aufs Spiel gesetzt und dafür sogar eine Medaille bekommen und jetzt muss ich so lange kämpfen, dass ich zu meinem Recht komme.“
Der Unfall am Wolfstein und seine Folgen:
• Juli 2019: Der Unfall passierte im Juli 2019 an der Kreuzung der Wolfsteinstraße mit der Pelchenhofener Straße. Ein 69-jähriger Mann missachtete dort die Vorfahrt eines 56-jährigen Manns, der stadtauswärts unterwegs war, wie die Polizei damals mitteilte. Die Wucht des Aufpralls war so groß, dass eines der beiden Autos gegen ein drittes geschleudert wurde. Dabei geriet das Fahrzeug des 69-Jährigen in Brand.
• Rettung: Jana Kaksch war mit ihrem Auto zufällig dort unterwegs, hielt sofort an und zog gemeinsam mit Markus Haubner, der mit seinem Lastwagen an der Unfallstelle vorbeikam, den 69-Jährigen und dessen Frau aus dem brennenden Auto. Haubner, damals Vorsitzender der Feuerwehr Bachhausen, blieb unverletzt, Kaksch zog sich eine schwere Rauchgasvergiftung zu.
• Auszeichnung: Für die Rettung zweier Menschenleben wurden Kaksch und Haubner im Dezember 2020 mit der Bayerischen Rettungsmedaille geehrt.