Weltenbummler Gangerl feiert „Premiere dahoam“ in der Chamer Cineworld

Von Ferdinand Schönberger · 1. September 2025 um 05:00

Weltpremiere auf dem Münchner Filmfest, Kinostart am Donnerstag, am Freitag „Premiere dahoam“ in der im Chamer „Cineworld“: Der Weltenbummler Gangerl aus Roding ist grade ein gefragter Mann.

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„Wie glücklich man am Lande war, merkt man erst, wenn das Schiff untergeht.“ Dieses Zitat des römischen Philosophen Seneca auf einer der Schrifttafeln im Film „Ausgsting“ will zum Nachdenken über Träume und eigene Alltagszwänge anregen. Die Erdinger Filmemacher und Brüder Julian (Regisseur) und Thomas Wittmann (Produzent) wollten aufzeigen, wie ein geglücktes Aussteigerleben gelingt und glaubten, im fast 84-jährigen Wolfgang „Gangerl“ Clemens ihren Filmhelden entdeckt zu haben. Der hatte 1988 seinen Wohnort Roding verlassen, war mit seinem selbst erbauten Segelschiff von Regensburg donauabwärts gefahren und legte seither über 100 000 Seemeilen auf dem Wasser der Weltmeere zurück.

Frei ausverkaufte Kinosäle am Premierenabend

Nach der Weltpremiere auf dem Münchner Filmfest am 4. Juli erfolgte am letzten Donnerstag der Kinostart und am Tag darauf in der Chamer „Cineworld“ die „Premiere dahoam“: in drei ausverkauften Kinosälen und mit den Wittmann-Brüdern, etlichen Ehrengästen und dem Gangerl.

Filmreifer Auftritt: Gangerl fährt mit Regisseur Julian Wittmann im Bugatti vor. - Foto: Ferdinand Schönberger

Schon der Empfang beeindruckte, als er kurz nach halb sieben Uhr mit Julian im offenen weiß-beigen Bugatti, Baujahr 1928, unter Applaus einiger 100 Besucher auf den Parkplatz einfuhr. Der „harte Kern“ der Blaskapelle Josef Menzl aus dem Raum Regensburg spielte dazu den berühmten „Sonnenaufgang“ von Richard Strauss' „Also sprach Zarathustra“. Manager Rainier Ramisch von „styx media“ moderierte die Begrüßung und die „Spätehre in späten Tagen“ für einen Menschen, der den Drang habe, Abenteuer auszuleben.

Seit 2023 ist er Ehrenmitglied der Segler

Rodings Bürgermeisterin Alexandra Riedl zeigte sich stolz, dass jemand aus ihrer Stadt in die Welt hinausgeschickt wurde. Viele seien da, um sich über seine Leistung zu freuen. Zum Segeln angeregt worden war Gangerl bei einem Kurzurlaub vor Jahrzehnten am Neubäuer See mit damaliger Frau und den beiden kleinen Kindern. Seit 2023 ist er Ehrenmitglied beim dortigen Segler-Club, der mit Vereinsfahne und einer großen Abordnung erschienen war. Präsident Gerald Schäffer betonte: „Wer in Neubäu das Segeln gelernt hat, kann überall auf der Welt segeln. Wir haben nämlich massiv drehende Winde und dazu braucht man Reaktionsvermögen, Konzentration, Kraft und Ausdauer.“ Er überreichte ihm – „wennsda amal richtig greisle äigeht“ – eine Flasche selbstgemachten Johannisbeer-Gin.

Auch die Rodinger Bürgermeisterin Alexandra Riedl spricht Grußworte an Gangerl (Bildmitte: Manager Rainier Ramisch), - Foto: Ferdinand Schönberger

Auch der Burschenverein Roding hatte für sein einstiges Mitglied ein Geschenk dabei: Vorsitzender Michael Heuberger bot Gangerl mit einer gerahmten Urkunde die erneute Mitgliedschaft an. Dieser gab zu, als Zivilisationsflüchtling schon Angst vor diesen Momenten gehabt zu haben. Bereits vor der Münchner Filmpremiere habe er heimlich mit seinem Schiff nach den Philippinen verschwinden wollen. Doch wieder einmal habe der liebe Gott sich eingeschaltet: Der Motor verreckte und in Singapur wurden die falschen Ersatzteile angeliefert. „Dann fahrst halt doch aaf Deutschland“, habe er gedacht und jetzt sei er hier jeden Tag unterwegs: „Ihr werdses net glaubm, i bin froh, dase da bin!“

Die Filmcrew begleitete Gangerl mehrere Wochen bei seiner Bootsreise über 2000 Seemeilen von Bali nach Westpapua. Sie wollte ermitteln, wie man Freiheit findet und glücklich lebt. In ihren Reisebericht verschachtelt sind Videoauszüge aus Gangerls Biografie und Video Calls zwischen Julian, der zudem als Erzähler seine Gedanken und Gefühle einbringt, und Thomas, der von Deutschland aus koordinierte. Kameramann Markus Schindler lieferte berauschende Bilder: von fernen Ozeanen, Traumstränden und einsamen Inseln, von Sonnenuntergängen und Wolkenbildern, von zum Fischfang abgerichteten Kormoranen – alles aus verschiedensten Perspektiven und immer wieder poetisch angehaucht gefilmt.

Thomas (Produzent) und Julian Wittmann (Regisseur) mit Abenteurer Gangerl bei der Fragenrunde - Foto: Ferdinand Schönberger

Der Abenteurer schwimmt mit Delphinen, taucht, umgeben von bunten Quallen, besucht indigene Stämme wie die als See-Nomaden in Booten oder Stelzenhäusern lebenden Bajau. Er kommt mit Stürmen ebenso zurecht wie mit technischen Problemen. So zieht er nach Propellerverlust sein fünf Tonnen schweres Boot an den Strand einer unbewohnten Insel, legt es um und repariert es. Das erinnert an Werner Herzogs „Fitzcarraldo“, nur mit umgekehrtem Vorzeichen und ohne einem so exzentrischen Darsteller wie Klaus Kinski.

Filmemacher plagen Stürme und Seekrankheit

Allerdings hatte der Regisseur neben den Stürmen und der Seekrankheit auch weitere Probleme. Erst verschwand Gangerl spurlos für drei Tage, weil ihm das „Kameragraffl und die Grünlinge auf See“ auf die Nerven gingen. Dann verweigerte er den Bericht über die Gründe für das Aussteigen. Dabei schien das zu Beginn des nach Reisetagen gegliederten Films klar zu sein: Clips zeigen die hektische Alltagswelt in einer Zivilisation, der man entfliehen will. Gangerl muss nicht – wie viele andere Abenteurer, etwa Extrembergsteiger – immer wieder mit Superlativen aufs Neue seine Existenz beweisen. Er will einfach in der Natur sein einsames Leben leben. Das hat aber seinen Preis.

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Gangerl passte eine Zivilisation voller Neid und Hass nicht. Nach der Flucht im 2. Weltkrieg war er kein Teil der Gemeinschaft und wollte zeigen, dass er dazu gehört. So war der Ausstieg für ihn die einzige Möglichkeit, wirklich frei zu sein.

Gerald Schäffer, Präsident des Segler-Clubs Neubäu, bei der Geschenkübergabe an das Ehrenmitglied Gangerl - Foto: Ferdinand Schönberger

Die Filmemacher mussten erkennen: Sie gingen mit falschen Erwartungen und Illusionen an das Projekt heran und polten um: Das Aussteigerporträt wurde zur eigenen Selbstreflexion. Die Freiheit schaut für jeden anders aus. Für Julian heißt sie, Verantwortung zu übernehmen für die, die er lieb hat. Das habe ihm Gangerl aufgezeigt.

Viel Beifall und Begeisterung nach der Premiere

Begeisterungsrufe und langer Beifall erklangen zu Recht nach Filmende, die noch stärker aufbrandeten, als die Wittmann-Brüder und Gangerl auf die Bühne traten, um Fragen zu beantworten. Der sehenswerte, abwechslungsreiche Dokumentationsfilm mit viel Herzblut aller und garniert mit etlichen Humorsplittern ist spannender als so mancher Spielfilm. „Ausgsting“ läuft regelmäßig dreimal täglich im „Cine World“. Und wer den Gangerl wieder live sehen will: Er hält am 5. November im Hotel am Regenbogen einen Bildvortrag.

Die Mitgliedsurkunde des Burschenvereins Roding vom 1. Vorstand Michael Heuberger (Mitte) an Gangerl - Foto: Ferdinand Schönberger