Aussteigen ist kein Ponyhof: Freiheitsliebender Oberpfälzer Wolfgang Clemens im Kino

Film über den Weltumsegler Wolfgang Clemens „Aussteigen ist kein Ponyhof“: Die Brüder Julian und Thomas Wittmann haben das Original aus Roding (Landkreis Cham) mit der Kamera begleitet - bis nach West-Papua. Die Reise hielt einige Herausforderungen bereit.
Wellenrauschen, exotisches Vogelgeschrei, im Hintergrund gleiten Delfine durchs Wasser – die ersten Filmsekunden von „Ausgsting“ versprechen genau das, was man sich unter einem geglückten Aussteigerleben vorstellt: eine nie endende Reise zu paradiesischen Stränden und einsamen Inseln. Einblende: tickende Uhren, hektische Menschenströme. „Willkommen im Hamsterrad“ heißt es aus dem Off. Oder vielmehr „Uff“, denn da steigt der Puls. Wieder Schnitt und der Zuschauer findet sich unter Wasser wieder. Es ist friedlich, der Herzschlag beruhigt sich, durchatmen.
Gleich zu Beginn des Films der Wittmann-Brüder Julian (Regie) und Thomas (Produktion) wird klar: „Ausgsting“ ist keine Anleitung zum Glücklichsein in der Ferne, liefert keine To-do-Liste für Aussteiger à la „Goodbye Deutschland!“. Aussteigen ist kein Ponyhof und Filme drehen auch nicht. Über ein gewisses Abenteurer-Gen müssen die Wittmann-Brüder durchaus verfügen. Beim Kinodebüt 2020 „Ausgrissn!“ fuhren sie auf alten Zündapps von Erding nach Las Vegas.
Bei „Ausgsting“ begleitet Julian Wittmann mit seiner Crew drei Monate lang den Prototyp eines Aussteigers, Wolfgang „Gangerl“ Clemens auf der Suche nach der Freiheit. Und der muss sie doch kennen, die wahre Freiheit. Das Original aus Roding in der Oberpfalz mit Wurzeln im Kreis Kelheim ist heute über 80 Jahre und hat bereits vor vier Jahrzehnten alles hinter sich gelassen. Seitdem ist seine Heimat die hohe See, die einsame Bucht, ein kleiner Hafen irgendwo am Ende der Welt. Sein erstes Boot, die 15 Meter lange „King of Bavaria“, hat der Kunstschmied eigenhändig erbaut
Anfangs mit Freundin und Hund
Anfangs noch mit Freundin Renate und Hund Sherry stieß er in See und kam nie mehr zurück. Während für Frau und Hund das Glück doch nicht auf den Weltmeeren zu finden war, fühlt sich der Gangerl auf dem Wasser sauwohl. Julian Wittmann nicht. Schon nach 65 Seemeilen streckt ihn die Seekrankheit darnieder. Der römische Philosoph Seneca behält recht: „Wie glücklich man an Land war, merkt man erst wenn das Schiff untergeht“ – und dazu muss das Schiff nicht einmal sinken.
„Die schönste Corona-Quarantäne der Welt“ titelte die Bild-Zeitung zu Pandemiezeiten und zeigte einen bärtigen, braun gebrannten Mann auf einer einsamen Insel in Malaysia. „Da wurden wir das erste Mal auf den Gangerl aufmerksam“, erinnert sich Julian Wittmann. Als der Aussteiger auf Heimatbesuch war, trifft man sich und „leert einen Kasten Bier zusammen. Wir waren uns gleich sympathisch“, lacht Thomas Wittmann. Das war der Anfang des Filmprojekts, das auf Bali in die konkrete Umsetzungsphase ging.
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Doch dort packen den Gangerl die Zweifel. „Und dann war er weg, samt der Bavaria“, erinnert sich Julian, der drei bange Tage auf Bali verbrachte, bevor der Gangerl zurück kam, um seine selbstgewählte Einsamkeit mit den fünf Filmjungs zu teilen. „Weil ich’s versprochen habe und die jungen Leute dann doch nicht hängen lassen wollte.“ Ziel: Irian Jaya auf West-Papua. Noch nie gehört? Kein Wunder, das ist sogar nach Gangerls Definition „ziemlich weit weg“, 200 Seemeilen offenes Meer liegen vor den Filmemachern und den Zuschauern.
Die Technik streikt, Sturm zieht auf
Ihnen begegnen auf dem Weg Herausforderungen zwischenmenschlicher, aber auch ganz praktischer Art. Probleme mit der Technik, Kontrollen der Wasserschutzpolizei, Besuche in Dörfern, die fern jeder Touristenroute liegen. Wenn Stürme aufkamen, bangte Thomas Wittmann zuhause im kalten Deutschland um Bruder, Crew und Gangerl: „Kurzzeitig dachte ich wirklich einmal, jetzt sind sie untergegangen. Kein GPS Signal, kein Lebenszeichen.“
Ist sie das, die viel gepriesene Freiheit? Julian formuliert es treffend: „Am Arsch der Welt kam uns die Erkenntnis, dass Freiheit für jeden anders ausschaut.“ Vor der Verantwortung, seine eigene Freiheit zu leben, darf man sich aber nicht drücken.
„Ausgsting“ läuft ab 28. August in den Kinos.