Kino-Film mit 83: Aussteiger Gangerl segelt ins Rampenlicht – und zurück zu den Menschen

Von Beate Weigert · 19. August 2025 um 19:00

Der Ex-Siegenburger (Landkreis Kelheim) segelt seit fast 40 Jahren um die Welt. Nun ließ er eine Film-Crew an Bord. Kommende Woche feiert die Doku „Ausgsting“ Deutschland-Premiere in Abensberg. Gabi Röhrl ist Co-Produzentin.

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Orte mit vielen Menschen sind für Aussteiger Wolfgang „Gangerl“ Clemens eigentlich der größte Graus. Andererseits ist der Weltumsegler nun ganz bewusst zurück in der alten Heimat. Der Grund: Er ist Haupt-Akteur im Film „Ausgsting“. Kommende Woche feiert dieser in Abensberg Deutschland-Premiere.

Mit den Wittmann-Brüdern, die zwischen Bali und West-Papua den Film über ihn drehten, und Co-Produzentin Gabi Röhrl trafen wir den Ex-Siegenburger am tourististischen Hot-Spot der Region, dem Kloster Weltenburg, zur Zillenfahrt – damit er auch beim Termin mit der MZ „in seinem Element“ ist.

Zuletzt als Schulkind da

Zuletzt war er als Kind bei einem Schulausflug hier, sagt Gangerl. Die Weltenburger Enge aber habe er noch nie gesehen. Und weil gerade Niedrigwasser ist, fahren Kelheims „Kreuzfahrtschiffe“ nicht so oft. Das ist ganz nach dem Geschmack des 83-Jährigen.

Mit Peter Markl ging es in der Zille durch die Weltenburger Enge. Was Aussteiger Gangerl durchaus gefiel. Mit dabei „Ausgsting“-Regisseur Julian Wittmann (2.v.li.) und Co-Produzentin Gabi Röhrl <?ZE?> - Foto: Beate Weigert

132 Länder hat der „Paradies-Jäger“, wie er sich selbst nennt, bereist und mehr als 100.000 Seemeilen hat er „auf dem Buckel“. Drei Monate und 2000 Seemeilen schipperte Gangerl im Winter 2024 mit der Film-Crew von Julian und Thomas Wittmann durch den West-Pazifik. Wenn man sich die Gespräche am Weltenburger Kiesstrand und in der Zille so anhört, war dies vielleicht Gangerls bislang speziellstes Abenteuer.

Er, der Regeln und Vorgaben nie ausstehen konnte und deshalb 1988 Deutschland den Rücken kehrte, sollte sich in einen Drehplan fügen, Szenen wiederholen. Das war eine ganz schöne Grenzerfahrung, erzählt Gangerl frei von der Leber weg.

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Denn ein wortkarger und verschlossener Typ ist er nicht. Ein Eigenbrötler, ein „Fremdling in der Gesellschaft“, der er einst bewusst den Rücken kehrte, wohl. Dass Gangerl aber immer gern alleine ist, kann man sich gar nicht vorstellen, denn in Weltenburg erzählt er gerne – ohne Punkt und Komma und wirkt recht gesellig. Er erinnert sich, wie er als vierjähriger Bub aus Breslau mit der Mutter nach Mühlhausen kam, wie sie Kartoffeln klaubten, und Hopfen zupften. Später zogen sie nach Siegenburg, wo Gangerl aufwuchs.

Acht Mal ist er um die Welt gesegelt. Auf allen sieben Weltmeeren war er unterwegs. Doch es gibt noch viele Flecken, die er noch nicht kennt – Japan oder Alaska etwa. In einem Alter, wo Leute mit einem sogenannten geregelten Leben, seit Langem im Ruhestand sind, schmiedet Gangerl die nächsten großen Pläne. Für die Reparatur seiner „Bavaria II“ und wann es zurück zu ihr ans andere Ende der Welt, nach West-Papua, geht.

Unzertrennbar: Wolfgang „Gangerl“ Clemens und seine „Bavaria“ - Foto: ©Majestic /Rainier Ramisch

Viel hat der Gangerl erlebt und überlebt. Einen Jahrhundertsturm etwa. Fünfmal saß er im Gefängnis. Und ums Haar wäre er in Swasiland erschossen worden, „weil sie mich für einen Autodieb hielten“, sagt er. Ja, Glück hatte er schon oft im Leben, sagt Gangerl. Nach all den Erfahrungen hat ihn aber nie Angst von seinem nächsten Abenteuer abgehalten.

Zum Glücklich-Sein braucht er nicht viel. Eigentlich nur sein (zweites) Schiff, die „Bavaria II“. Sie ist seine „größte Freiheit“ und vielleicht auch die einzige große Liebe. „Ein Haus, eine Familie“ wollte er nie, sondern immer weitersegeln können, wenn ihm danach ist. Und eines ist für den Gangerl klar, sagt er, während er kurz selbst die Zille über die Donau lenkt. Weitersegeln will er „bis zum Ende“, sagt der 83-Jährige.

Vor allem, einsame Atolle in der Südsee haben es ihm angetan, „da geht mir das Herz auf“. Da könne er tagelang schnorcheln und tauchen. „Ich liebe die Einsamkeit“, sagt Gangerl.

Früher wollte er in Bayern „dazugehören“ und auch mit Geld habe er „ordentlich rumgehauen“, sagt der 84-Jährige. Doch schon lange brauche er den „ganzen Zivilisations-Schnickschnack“ nicht mehr.

Regisseur Julian Wittmann wollte in seinem Film herausfinden, was Gangerls Glück ausmacht und begab sich auf die Suche nach der „wahren Freiheit“. Der 32-Jährige rechnet es dem Weltumsegler hoch an, dass er zustimmte, „auf engen fünf Quadratmetern ständig eine fette Kamera vor der Nase zu haben“ und ungeschönt sein Leben zu zeigen. Umso mehr freut es ihn, „dass Gangerl der fertige Film gefällt“.

Aussteigen? Bloß nicht!

Dieser ist eine Dokumentation, „keine Show“, sagt Wittmann. Für ihn stellte sich beim Dreh schnell heraus: „So paradiesisch ist Gangerls Leben gar nicht“. Vor Drehbeginn plagte den Aussteiger eine Entzündung im Rücken. „Da ist es heiß, da geht was am Schiff kaputt, da kommt eine Sturmfront“. Würde er selbst aussteigen wollen? „Auf gar keinen Fall.“

Vieles wurde ihm vielleicht deswegen so bewusst, weil er für den Dreh seinen sechs Monate alten Sohn Leo und seine Frau zurückließ, sagt er. „Freiheit und Glück entstehen im Kopf – und sie sind für jeden etwas anderes“, sagt der „Ausgsting“-Regisseur. Auch wenn man ab und an genervt von anderen sei und mal „raus will“. Sein Leben mit anderen zu teilen, gehört für ihn zu seinem Glück. „Wie schön ist es, dass wir hier zusammensitzen und miteinander lachen“, sagt Wittmann im Biergarten der Klosterschenke. Auch Gangerl scheint Spaß zu haben. Wenig zuvor bekannte er: „Der Film führt mich zurück in die Gesellschaft. Ganz so scheiße sind die Menschen doch nicht.“

Anschließend ging es zum Mittagessen in den Biergarten der Klosterschenke. Dort ließen sich (v.re.n.li.) Produzent Thomas Wittmann (re.), Gangerl, Alexander und Gerda Kroiß vom Roxy-Kino und Gabi Röhrl eine Halbe Dunkles schmecken. - Foto: Beate Weigert

Deutschland-Premiere ist im Roxy-Kino in Abensberg

• Als 2020 Deutschlands große Boulevardzeitung mit den vier Buchstaben ein Foto vom „Gangerl“ aus Malaysia abdruckte und titelte „Die vielleicht schönste Quarantäne der Welt: Segler sitzen auf einsamer Insel fest“. Da wurden die Wittmann-Brüder Julian und Thomas auf den Abenteurer aufmerksam. Kommende Woche feiert ihr Film „Ausgsting“ über ihn Deutschland-Premiere im Roxy-Kino in Abensberg.

• Dass sie hier stattfindet, war die einzige Bedingung der Co-Produzentin. Die ist im Landkreis keine Unbekannte. Gabi Röhrl tourte vor Kurzem selbst mit ihrem Film „Nur die Füße tun mir leid“ über den Jakobsweg erfolgreich durch die Kinos im deutschsprachigen Raum. Für den Erfolgsfilm hatte sie im Nachhinein von der Filmförderungsanstalt Geld bekommen. Dieses stecke sie nun sehr gerne in „Ausgsting“, sagt Gabi Röhrl beim Termin mit der MZ in Weltenburg. „Weil nicht die Bully Herbigs der Filmwelt Förderungen brauchen, sondern talentierte junge Leute wie ihr.“ Was Gangerl und Julian „gemacht haben, würde ich mich nie trauen“, sagt Röhrl. Ihre Wanderungen über den Camino seien im Gegensatz dazu nur ein kurzes Raus aus dem Alltag gewesen.

• Von Januar bis April 2024 drehten Julian und sein Bruder Thomas mit zehnköpfiger Crew ihren neuesten Film. „Mit so viel Equipment, dass man damit den ,Fluch der Karibik‘ hätte drehen können, feixt Gangerl.

• Dem Ex-Siegenburger entfuhr beim Dreh schon mal ein lauter Fluch, wenn es ihm zu viel wurde. Nun ist er für die Kinotour zurück in der Region. „Ausgsting“ gefällt ihm gut. Genauso sei sein Leben, sagt er. Aber auch die vollen Kinosäle bei den Vorpremieren gefielen ihm. Und dass ihn die Leute „nicht gehen lassen und ihm ein Loch in den Bauch“ fragen.

• So dürfte es auch bei der Premiere am 28. August (19/19.30 Uhr) im Roxy-Kino werden. Abensberg kennt der Aussteiger von früher. Als junger Mann arbeitete er einige Zeit bei der Firma Glatt.