„Wir glauben an uns“: Ermittler sprechen über die Jagd nach dem Todesfahrer von Riekofen

Von Philip Hell · 31. August 2025 um 05:00

Dunkle Wolken hängen über dem Sünchinger Markt. Noch sind die Bierbänke auf dem Volksfest verwaist, nur ein paar Kinder toben auf ihnen herum. Es ist Samstagnachmittag, in wenigen Stunden werden hier Tausende feiern – so wie es Vinzenz L. (24) vergangenes Jahr getan hat. Nur wenige Stunden bevor er auf einer Landstraße zwischen Sünching und Riekofen überrollt wurde. Die Polizei gibt die Hoffnung nicht auf, den Fall noch aufzuklären.

Video ansehen

Auf einem Supermarktparkplatz stehen zwei Polizeibusse. Die Beamten haben einen Pavillon aufgebaut. Auf Stehtischen liegen Fahndungsaufrufe. Ein Mann mit Sporttrikot hat einen ganzen Packen genommen. Er will sie auslegen. „Uns beschäftigt das natürlich schon“, sagt er. „Ich habe mir immer gedacht: Vielleicht war es ein Schausteller? Oder war es doch ein Einheimischer?“ Der Wörther Polizeichef Thomas Wagner und Jürgen Weilhammer von der Verkehrspolizeiinspektion hören aufmerksam zu. „Das haben wir uns auch alles schon überlegt“, sagt Weilhammer.

Vielleicht hat jemand etwas gesehen, das er damals nicht so wichtig fand.

Thomas Wagner, Polizeichef von Wörth an der Donau

Vinzenz L. wurde am 4. September 2024 um 1 Uhr überfahren. Bis heute weiß wohl nur ein Mensch, was in diesen Minuten geschah: der Todesraser von Riekofen. Haben die Beamten überhaupt noch Hoffnung? Polizeichef Wagner überlegt kurz: „Wir glauben an uns, dass wir es noch irgendwie aufklären.“ Es seien noch Spuren offen. Ein Fahrzeug werde derzeit beim Landeskriminalamt untersucht. Vor wenigen Tagen hat die Polizei große Plakate mit dem Konterfei des Verstorbenen am Unfallort aufgestellt. Nun der Infostand. „Damit wollen wir auch ein Jahr danach noch Leute erreichen“, sagt Wagner. „Vielleicht hat jemand etwas gesehen, das er damals nicht so wichtig fand.“

Das Todesrätsel von Riekofen weist eine Lücke auf. „Uns fehlen anderthalb Stunden“, sagt Wagner. Vinzenz wurde zuletzt um 23.30 Uhr im Festzelt gesehen – danach verschwand der 24-Jährige in die Dunkelheit und lief allem Anschein nach in die falsche Richtung. „Vielleicht hat er sich verfranst. Wir wissen es nicht“, sagt Wagner und ballt die Faust. „Aber wir wollen es wissen.“ Vor wenigen Tagen wurde bekannt, dass die Polizei nach einem wichtigen Zeugen sucht, der in der Tatnacht mit einem weißen SUV auf Feldwegen in der Nähe des Unfallorts unterwegs war. Wenn sich solche Spuren auftun, keime natürlich wieder Hoffnung, sagt Wagner.

„Warum musste ich hier sterben?“: Mit diesem Plakat sucht die Polizei an der Unfallstelle zwischen Riekofen und Sünching nach neuen Zeugenhinweisen. - Foto: Philip Hell

Ein Jahr nach dem tödlichen Unfall: Familie von Vinzenz L. leidet

Kurz vor dem Jahrestag ging die Polizei bei der Jagd nach dem Todesfahrer von Sünching in die Offensive. Sie präsentierte erstmals Bilder von Vinzenz, nannte seinen Namen. „Natürlich in Absprache mit der Familie“, betont Wagner und holt tief Luft. „Denen geht es natürlich nicht gut.“ Das merke man bei jedem Kontakt. „Das wirkt schon noch. Vor allem weil es nicht geklärt ist.“

Die Beamten haben ein Bild von Vinzenz an die Einfahrt zum Supermarkt gestellt. Eine Frau hat es schon aus dem Auto gesehen, steigt aus und kommt zielstrebig auf die Polizisten zu. „Gibt es da immer noch nichts Neues?“, will sie vom Wörther Polizei-Chef Thomas Wagner wissen. Der schüttelt den Kopf. „Leider nein.“ Aus der Frau sprudelt es nur so heraus. „Der muss sich doch melden. Natürlich hat der erst einmal einen Schock. Aber dann muss er sich doch melden.“ Wagner nickt verständnisvoll.

Thomas Wagner und Jürgen Weilhammer machten am Samstag mit einem Infostand auf die fieberhafte Suche nach dem Todesraser von Riekofen aufmerksam. - Foto: Philip Hell

Einen Tisch weiter spricht Verkehrspolizist Weilhammer mit einem älteren Ehepaar. Die Frau habe von einer Person gehört, die am Unfallort war, erzählt sie. Ob man die nicht verhört habe? Weilhammer holt Stift und Papier und schreibt auf, was die Frau ihm erzählt.

Dem werde man kommende Woche nachgehen, sagt der Beamte. Das Schwierige an dem Fall: „Wir haben fast keine verwertbaren Hinweise. Mit der Betonung auf fast.“ Nach dem Unfall habe man bei null beginnen müssen. Rund um den Fall ranken sich zahlreiche Gerüchte. „Das macht es natürlich nicht einfacher“, sagt Weilhammer. Für die Beamten ist die Jagd nach dem Todesraser eine besondere Herausforderung. „So einen Fall gibt es vielleicht alle zehn Jahre mal in Deutschland.“ In einem Jahr hätten sich viele Spuren aufgetan – und ebensoviele Spuren wieder zerschlagen. Irgendetwas habe immer nicht gepasst, sagt Weilhammer. „Aber ich bin froh darum, wenn wir Sachen sauber klären – und dann etwas ausschließen können. Das ist trotzdem ein Erfolg.“

Vinzenz L. nur wenige Stunden vor dem Unfall. Das Bild veröffentlichte die Polizei in Absprache mit der Familie. - Foto: privat

„Ganz sachte schleicht die Nacht“: Trauer an der Unfallstelle

Steigt man am Netto-Parkplatz in ein Auto und fährt los, ist man innerhalb von wenigen Minuten am Unfallort. Zu Fuß ist man vielleicht eine halbe Stunde unterwegs. Hier ist es totenstill, bis ein Auto die Ruhe zerfetzt. Seit einem Jahr stehen an der Stelle, an der Vinzenz seine Augen für immer schloss, Kerzen und Blumen. Eine kleine Schieferplatte erinnert an ein Leben, das viel zu früh endete. Darauf steht ein Vers. „S' ist Feierabend, s' ist Feierabend, dei Tagwerk ist vollbracht. Du gehst etz deiner Heimat zu, ganz sachte schleicht die Nacht.“ Durch den Luftzug eines Autos wackeln die Sonnenblumen an der Gedenkstätte. Die Blume steht für Lebensfreude.