So funktioniert die Nachbarschaft im Regensburger Mehrgenerationenwohnen Allmeind

Von Lisa Steigerwald · 31. August 2025 um 05:00

Viele wohnen Tür an Tür und leben trotzdem allein. In Städten wie Regensburg stapeln sich die Wohnungen, doch das Miteinander bleibt oft außen vor. Jeder wohnt für sich. Jeder mit dem Gefühl: Das ist normal. Doch was, wenn Wohnen mehr sein kann als anonymes Nebeneinanderherleben? Im Mehrgenerationenwohnen Allmeind in Burgweinting wird miteinander gelebt, wenn auch jeder in seiner Wohnung.

Kinder flitzen mit ihren Fahrrädern durch den Garten und eine Katze huscht durchs Gebüsch. Auf der großen Terrasse des Gemeinschaftshauses sitzt der kleine Henri Friedl. Neben ihm Uta Hildt. Sie spielen Lego. Henri und Uta sind nicht verwandt – sie sind Nachbarn. Sie leben im Mehrgenerationenprojekt Allmeind, gemeinsam mit 54 weiteren Menschen und einigen tierischen Mitbewohnern. Anonymität gibt es hier nicht.

Weitere Bewohner finden sich am Tisch ein, es gibt Kaffee und Gebäck. „Ich finde alles gut“, sagt Henri (7). Neben der Spielzeugkiste im Gemeinschaftsraum und dem großen Garten mag er besonders die anderen Mitbewohner im Haus, die man fast immer besuchen kann. Letztens, erzählt Uta Hildt, Vorsitzende des Bewohnervereins, standen drei Jungen vor ihrer Tür – darunter auch Henri. Sie war gerade beschäftigt und verkündete kurzerhand: „Keine Kinderzeit.“ Die Jungs machten lange Gesichter. Außer Henri: Er hob die Hand und sagte: „Leute, folgt mir, ich weiß, wo wir hingehen!“ Und schnurstracks zog die kleine Truppe weiter zur nächsten Nachbarin: Türklingel putzen. Wenn Uta Hildt und ihr Mann Manfred Röhrl Zeit haben, bauen sie gemeinsam mit den Kindern Papierflieger und trinken Kakao. „Zu mir kommen sie zum Uno spielen“, sagt Irmgard Pernpeintner. Bei anderen seien sie auf die Süßigkeitenbox aus.

Das Geschwisterpaar: Henri und Rosa - Foto: Lisa Steigerwald

Und wie sieht es bei den älteren Mitbewohnern aus? Sie sind laut Hildt „extrem darauf bedacht, selbständig zu sein“. „Die Hemmschwelle ist groß, zuzugegeben, dass man nicht mehr ganz auf der Höhe ist“, sagt Heidrun Walter, eine ältere Bewohnerin. Hier kennt man sich und traut sich Hilfe zu holen – auch nachts, ergänzt ihre Tochter Sabine Kirmayer, die ebenfalls im Allmeind wohnt. Denn wenn was ist, sei immer jemand da.

Verantwortung für Mitbewohner übernehmen

Aber das gemeinsame Leben im Wohnprojekt bringt auch Herausforderungen mit: die allgemeine Lärmbelästigung sein ein Thema. Durch die L-Bauweise des Gebäudes komme man sich manchmal vor wie in einem „Amphitheater“, sagt Manfred Röhrl. Schwierig sei es außerdem, den privaten Bereich vom „öffentlichen“ abzugrenzen. „Ein Nein akzeptiert aber jeder“, sagt Sabine Kirmayer. Es sei auch herausfordernd „Ja“ zu sagen und Verantwortung für seine Mitbewohner – zum Beispiel bei Garten- oder Putzdiensten – zu übernehmen. Bei einer Supervision habe die Gruppe gelernt: „Es gibt Probleme, die kann man nicht lösen, die muss man aushalten“, sagt Uta Hildt.

Wie auch in anderen Mietobjekten gibt es eine Fluktuation. Bewegung sei wichtig, da durch eine neue Mischung das System nicht steif wird. „Da sitzen wir jetzt und werden alt“, sagt Uta Hildt mit einem Lächeln über die damalige Illusion, dass alle, die vor 16 Jahren eingezogen sind, für immer bleiben würden. Es sei schmerzhaft gewesen, als die ersten ausgezogen seien.

Neuzugänge würden oft glauben, es gebe eine feste Erwartungshaltung – doch dem sei nicht so, erklären die fünf Bewohner. Bei den regelmäßigen Hausversammlungen stellen sich neue Mitglieder vor, und es werden aktuelle Anliegen und Probleme besprochen. Im Allmeind leben mehr Frauen als Männer. Manfred Röhrl vermutet: Für viele Männer ist das zu persönlich – man muss viel reden und diskutieren. In den Versammlungen werde viel abgestimmt. Er habe oft das Gefühl, er werde immer überstimmt, sagt er und schmunzelt.

„Hier feiert jeder mit, egal wie alt er ist.“

Neben den Versammlungen gibt es im Allmeind weitere Gelegenheiten, gemeinsam Zeit zu verbringen. Am letzten Sonntag im Monat findet ein gemeinsamer Brunch statt – bei dem jeder etwas mitbringt. Wer möchte, startet Sonntage bereits um 9 Uhr mit einer Chi-Gong-Runde im Garten. Auch das Thema Nachhaltigkeit spiele eine Rolle: So ist das Allmeind eine Foodsharing-Abgabestelle. Seit rund eineinhalb Jahren bekommen sie regelmäßig überschüssige Lebensmittel. Diese werden fotografiert und in einer WhatsApp-Gruppe gepostet – einige warten schon gespannt, sagt Hildt. Der „Aktive Freitag“ sorgt zusätzlich für Abwechslung: Dabei zeigt jemand etwas Neues – ob Sushi machen, Karaoke singen oder tanzen, alles ist möglich. Dazu kommen spontane Aktionen wie Grillabende auf der Terrasse. „Feiern können wir sehr gut“, sagt Manfred Röhrl. Und Irmgard Pernpeintner ergänzt: „Hier feiert jeder mit, egal wie alt er ist.“

Uta Hildt schätzt vor allem die Kleinigkeiten, die hier selbstverständlich sind: Kinder sagen „Hallo“ und Nachbarn nehmen vom Postboten Pakete an. Einmal habe sie zufällig ein Gespräch mitgehört, als ein Handwerker im Haus war, er sagte: „Hier klappt alles – die sind sehr gut organisiert, ich komme überall problemlos rein.“ Hildt musste schmunzeln. Alles richtig gemacht, dachte sie sich.