Denkmalpflege mit Funkenflug: Kunstschmiede Simmel erhält Regensburgs altes Eisen

Von Lisa Steigerwald · 19. August 2025 um 09:00

In der Domstadt steckt Geschichte in jedem Stück alten Eisen: ob am Bismarckplatz, am Regensburger Dom, am alten Rathaus oder an den zahlreichen Brunnengittern. Wenn der Zahn der Zeit an Pfosten, Skulpturen und Ornamenten nagt und Regensburg verfällt, ist die Kunstschmiede Simmel zur Stelle. Und sorgt dafür, dass die kunstvollen Metallstücke weiterhin die Stadt schmücken.

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Auf dem Tisch in einer großen Lagerhalle in der Ditthornstraße liegen einige Pfosten vom Bismarckplatz. Im Grunde schauen sie alle gleich aus, doch auch irgendwie nicht: Fehlt dem einen die Kugel an der Spitze, ist ein anderer total verbogen. In der Schmiede werden die Pfosten repariert. „Damit das nächste Auto dagegenfahren kann“, sagt Sebastian Tautz, Metallbauer für Metallgestaltung in der Kunstschmiede Simmel, und lacht. Nun geht es ans Ausrichten, Warmmachen und Geradebiegen, damit sie wieder wie neu aussehen – fehlende Kugeln werden ergänzt. Tautz greift sich einen und spannt ihn in einen Schraubstock.

Er holt ein Schweißgerät, das an zwei Flaschen angeschlossen ist. Gefüllt sind diese mit Sauerstoff und Acetylen. Die Kernflamme des Gemischs erreiche rund 3200 Grad. „Es reicht aus, um Stahl warmzumachen“, sagt Tautz. Gleichzeitig müsse man aber auch aufpassen, dass der Stahl nicht verbrennt. Mit einem lauten Zischen entzündet Tautz das Gemisch. Funken sprühen, als er mit der weißen Flamme das alte Eisen berührt. Das Metall fängt an zu glühen. Mit einer Biegegabel, etwas Kraft und Gefühl richtet Tautz die Spitze des Pfostens wieder gerade. „Das ist ein Aufgabenbereich in der Kunstschmiede Simmel, um einfach historischen Bestand wieder herzustellen, zu ergänzen und aufrecht zu erhalten.“

Da sprühen die Funken: Sebastian Tautz erwärmt mit einem Schweißgerät den Pfosten. - Foto: Lisa Steigerwald
Nun ist das Eisen formbar und kann gerichtet werden. - Foto: Lisa Steigerwald

Denn dort, wo es nach Metall, Schmieröl und harter Arbeit riecht, wo Ruß wie ein feiner Schleier auf den Wänden liegt, wird Denkmalpflege betrieben. Und das bringt Herausforderungen mit: Früher verwendete man den sogenannten Puddelstahl, erklärt Stephan Simmel, Inhaber der Kunstschmiede. Der hatte viele Lunker und Einschlüsse – er war verunreinigt. Dieses Material werde heute nicht mehr produziert, denn moderne Walzwerke liefern Stahl von höherer Qualität. „Der ist zum Teil gar nicht schmiedbar“, sagt Simmel über den Puddelstahl. Alte Stücke werden deshalb nachgebildet und ausgetauscht oder die Reparaturstelle wird vernietet. Auch die Pfosten vom Bismarckplatz sind keine historischen Werke mehr.

Kurioser Auftrag aus Südkorea

Aber auch die Zeit hinterlässt Spuren auf dem alten Eisen: Durch Witterung und Korrosion – besonders, wenn kein schützender Überzug vorhanden war – wird alter Stahl grobkörnig wie ein Schwamm. Genau deshalb darf solches Eisen nicht einfach im Tauchbad feuerverzinkt werden. Es würde die Säure aufsaugen und zerfallen, sagt Simmel. Stattdessen wird zu Alternativen wie dem Spritzverzinken oder Lackieren gegriffen.

Vom Feingefühl bis zum groben Bum-Bum-Bum: Die Bandbreite seines Berufs schätzt der 62-jährige Stephan Simmel. - Foto: Lisa Steigerwald

Hin und wieder kommt es auch zu kuriosen Aufträgen im historischen Bereich. An seinen ausgefallensten erinnert sich Stephan Simmel noch genau: Es ist rund 30 Jahre her, als plötzlich ein südkoreanischer Austauschstudent im Innenhof seiner damaligen kleinen Schmiede in der Lederergasse stand. „Ich bin aus allen Wolken gefallen, was der will“, sagt Simmel schmunzelnd. Der Student war im Auftrag eines Museumsdirektors gekommen, um sich ein Bild von Simmels Arbeit zu machen. Der Direktor hatte das Kriminalmuseum in Rothenburg ob der Tauber besucht und dort Exponate wie einen Morgenstern oder eine Schandflöte entdeckt. Solche historischen Stücke wollte er auch in seinem Museum ausstellen. Aus einem Buch hat er sich 20 bis 25 Exponate ausgesucht, erinnert sich Simmel. Um genau zu arbeiten, fuhr Simmel selbst nach Rothenburg, dokumentierte die Originale und fertigte anschließend präzise Nachbildungen an. Doch nicht jeder verstand den historischen Kontext des Auftrags. Nachdem die Geschichte durch die Presse ging, erreichten die Schmiede „böse Briefe“. „Da wurde uns vorgeworfen, wir würden das Regime da unten mit Folterinstrumenten unterstützen“, sagt Simmel.

Ein „Schmiede-Schnellkurs“ mit Video: So wird ein Blatt geschmiedet

Orange Flammen toben in der Esse. In einem „Schnellkurs“ zeigt Stephan Simmel, wie man einen Rohling ausschmieden kann. Dazu zieht er mit einer Hand glühendes Eisen aus dem Feuer, mit der anderen greift er zum Hammer, der auf dem Amboss liegt. „Die Schmiedetemperatur ist bei circa 1200 Grad“, sagt er. Rot werde es bereits ab 800 Grad. Wird es weißlich, dann sei es zu heiß – es verbrennt und geht kaputt. Grundsätzlich gelte: „Je heller das Eisen, desto weicher ist es beim Bearbeiten.“

Kling, kling, kling. Mit gekonnten Schlägen bringt er das zehn Millimeter dicke, heiße Rundeisen in Form. Ein Blatt soll es werden. Dafür formt er eine Spitze und setzt den Blattstängel ab. Simmel erhitzt den Metallstab erneut im Schmiedefeuer. Gleich wird es laut, warnt er. Ein Lufthammer füllt die Lagerhalle mit lauten, dumpfen und regelmäßigen Schlägen. Das unfertige Blatt wird flach gehämmert. Nach erneutem Erhitzen bekommt es auf dem Amboss seinen Feinschliff – während in der Esse die Flammen immer kleiner werden und schließlich erlöschen.

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In der Esse toben die Flammen. - Foto: Lisa Steigerwald
Eintritt zur Hölle - Foto: Lisa Steigerwald
Mit gekonnten Schlägen bringt Stephan Simmel das Rundeisen in Form. - Foto: Lisa Steigerwald
Der heiße Rohling wird in Form gebracht. - Foto: Lisa Steigerwald
Am Lufthammer ist es laut. - Foto: Lisa Steigerwald
Mit dem Hammer wird der Feinschliff gemacht. - Foto: Lisa Steigerwald

Denkmalpflege in Italien gelernt

Familienbetrieb: Vor über 70 Jahren gründete Franz Xaver Simmel die Firma, er war Huf- und Wagenschmied. Als kleiner Bub hat Stephan bereits in der Werkstatt mitgeholfen – mit neun Jahren stand er selbst am Amboss. „Ich habe kaum aufs Schmiedfeuer raufschauen können“, sagt Stephan Simmel. Für ihn war klar, er möchte das Geschäft seines Vaters übernehmen. Heute arbeiten auch seine Söhne Robin und Daniel und seine Frau Belinda mit in der Kunstschmiede.

San Servolo, Venedig, Italien: 1987 absolvierte Stephan Simmel (62) seine Meisterprüfung zum Schlosser und bekam ein Stipendium in Bella Italia. Das Ausbildungszentrum auf der Insel San Servolo schulte den jungen Schlossermeister in der Denkmalpflege. „Da war ich drei Monate unten und deswegen darf ich mich Handwerker in der Denkmalpflege nennen.“ Bis heute interessiert sich Simmel für Antiquitäten.