Nach Unfalltod in Cham ohne Verhandlung: Eltern von Julia Lankes hadern mit Strafbefehl

Von Tanja Fenzl · 29. August 2025 um 19:00

Karin und Markus Lankes aus Cham haben Jahre nach dem Unfalltod ihres einzigen Kindes wegen der geltenden Rechtslage keinen juristischen Abschluss der fahrlässigen Tötung vor Gericht. Ein Witwer aus Franken kämpft seit Jahren für eine Gesetzesänderung.

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Was macht man, wenn einem das Kostbarste genommen wird? Karin und Markus Lankes kennen auch jetzt, drei Jahre nach dem Unfalltod ihrer Tochter, die Antwort darauf nicht. Irgendwie weitermachen. Ablenken. Nicht drandenken. Alte Zeiten aufleben lassen, als ihre Tochter noch unten im Haus in der Einliegerwohnung Freunde empfangen hat. – Abschließen? „Das können wir nicht.“ Das verwaiste Ehepaar aus dem Chamer Stadtteil Vilzing macht dafür auch die Justiz verantwortlich: „Es hat nicht einmal eine Gerichtsverhandlung gegen den Autofahrer gegeben. Nichts. Nur einen Strafbefehl.“ Der Gedanke daran allein reicht an manchen Tage, um Julias Eltern am Rechtsstaat und an Gerechtigkeit (ver)zweifeln zu lassen.

Es hat nicht einmal eine Gerichtsverhandlung gegen den Autofahrer gegeben. Nichts. Nur einen Strafbefehl.

Karin und Markus Lankes, Eltern von Julia

Mit den Gedanken sind sie nicht allein. Familie, Freunde und Verwandte sagen immer dasselbe: Eine öffentlich geführte Verhandlung, bei der der tödliche Unfall noch einmal aufgeschlüsselt worden wäre, hätte ein Ende quälender Fragen bedeuten können. „Irgendwie hängt jetzt so alles in der Luft“, sagt Marie Paulus, eine Freundin von Julia. „Eine Gerichtsverhandlung wäre ein Abschluss gewesen“, sagt Alexander Wutz, ebenfalls aus Julias Freundesgruppe. „So denken viele von uns“, sagt Marie.

Eltern ereilte am Gardasee die schreckliche Nachricht

Julia war an einem Montagabend im August 2022 bei Großbergerdorf mit ihrer Aprilia gegen einen Wagen geprallt, der ihr die Vorfahrt genommen hatte. So stand es auch im Strafbefehl, gegen den der beim Unfallzeitpunkt 50-Jährige zuerst Einspruch eingelegt hatte. Wenige Wochen später zog er seinen Einspruch aber zurück – es kam doch nicht zur Verhandlung vor Gericht.

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„Das war schlimm, als wir das gehört haben“, erinnert sich Karin Lankes. Die 52-Jährige sitzt mit verlorenem Blick am Küchentisch. Die Hauskatze zwängt sich vorsichtig zwischen Familienbildern aus glücklichen Tagen hindurch, die überall in der Küche und im ganzen Haus verteilt sind. Erinnerungen an Julia, die Ausnahme-Fußballspielerin, die schon mit 13 das Interesse von Bundesligateams geweckt hatte.

Julia mit ihren Eltern im April 2022 - Foto: Markus Lankes

Die Eltern fahren ihre Tochter seit frühester Kindheit zum Fußballtraining, zu Spielen, immer weiter entfernt, weil das kleine Mädchen immer höherklassiger spielt – zuerst mit den Jungsteams, später in Frauenmannschaften. Kötzting, Cham, Ingolstadt, dann Aurich wo sie mit 15 auf das dortige Fußballinternat des Vereins wechselt. Im Sommer vor drei Jahren ist die kleine Familie noch ein paar Tage gemeinsam im Urlaub in Jesolo, dann muss die 17-jährige „Lanki“, wie Julia von ihren Freunden liebevoll genannt wird, wieder zurück – Training und Spiele warten auf die pflichtbewusste Sportlerin. Karin und Markus Lankes sind gerade noch am Gardasee, als sie die schreckliche Nachricht erhalten. „Ich weiß nicht, wie wir heimgekommen sind“, sagt die Mutter heute noch.

Auch das: Wie nimmt man Abschied von dem liebsten, das einem genommen worden ist? Das Paar besteht darauf, Julia noch einmal zu sehen – selbst wenn der Unfall ihr totes Kind auch äußerlich nicht unversehrt gelassen hat. In den nächsten Wochen lenken sich die Eltern mit der liebevollen und peniblen Vorbereitung der Beerdigung ihrer Tochter ab.

Die Unfallstelle wird geschmückt, die Trauerfeier geplant, Freunde von Julia gehen in dieser Zeit ein und aus bei dem Paar, alle versuchen sich, gegenseitig zu stützen. Jeder, der will, soll sich von Julia ein Erinnerungsstück aus ihrer Wohnung nehmen und mit zur Beerdigung bringen. Eine Freundin singt ein Lied für Julia. Es werden Luftballons in die Luft geschickt.

Verhandlungstermin wurde wieder abgesetzt

Danach kommt die Stille. Und das Warten, die Hoffnung darauf, dass der verantwortliche Unfallfahrer zumindest zur Rechenschaft gezogen wird. Gutachten werden erstellt, die Mühlen der Justiz mahlen langsam. Doch immer noch treibt die Eltern der Gedanke an, dass sie dem Unfallfahrer vor Gericht in die Augen schauen können. Dass ein Urteil am Ende einer Gerichtsverhandlung auch ein Ende der Agonie sein könnte, die das Paar umtreibt.

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„Wir hätten schon gerne auch noch ein paar Fragen beantwortet gehabt, zum Beispiel zum Alkoholtest, oder zu den Aussagen der vier Insassen im Wagen, die nicht so zusammenpassen, oder zu ein paar Aussagen des Unfallfahrers, die er vor Zeugen am Unfallort gemacht hat“, sagt Markus Lankes. Die Tochter war das Augenlicht des selbstständigen Unternehmers, ein Papa-Deandl, wie man in Bayern sagt. Doch statt Antworten in einem Gerichtssaal zu bekommen, wird das Verfahren gegen den Unfallfahrer in einem Büro im Amtsgericht Cham entschieden. Dabei war bereits ein Verhandlungstermin festgesetzt. Stattdessen erlässt das Gericht den Strafbefehl der Staatsanwaltschaft Regensburg. Der Unfallfahrer akzeptiert nach einer Weile die Strafe wegen fahrlässiger Tötung: eine Geldstrafe in Höhe von 180 Tagessätzen, insgesamt 12 600 Euro, sowie drei Monate Fahrverbot. Damit ist der Fall per Gesetz aufgearbeitet.

Denn: Durch eine Annahme des Strafbefehls durch den Beschuldigten ist der Fall juristisch abgeschlossen. Die zuständige Staatsanwaltschaft Regensburg, die den Strafbefehl beantragt hat, hat sich an die geltende Strafprozessordnung gehalten – das Vorgehen ist mit dem bayerischem Justizministerium konform. Hinterbliebene haben keine Möglichkeit, eine Revision zu erzwingen.

Ähnlicher Fall in Franken: Witwer Limbach kämpft

Das hat auch Walter Limbach aus dem Landkreis Würzburg vor einigen Jahren schwer zu schaffen gemacht, dessen Frau 2019 ebenfalls bei einem Unfall ums Leben kam. Der Unfallfahrer wurde ebenfalls am Schreibtisch per Strafbefehl zu einer Geldstrafe und Fahrverbot verurteilt. Seitdem kämpft der Witwer um das Recht, dass es bei einem tödlichen Unfall zu einer Verhandlung kommen muss. Unter anderem wendet er sich an örtliche Medien, die ausführlich über die Forderungen des Witwers berichten, er informiert Anwälte und Politiker.

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Doch auch, wenn die Obfrau im Rechtsausschuss des Bundestages Manuela Rottmann 2021 von der Regierung wissen will, ob wegen des Ausschlusses der Nebenklage im Strafbefehlsverfahren Reformbedarf bestehe, ändert sich an der bestehenden Rechtslage bis dato nichts. Eine ähnliche Anfrage der Grünen im bayerischen Landtag aus dem Jahr 2023, ob die Staatsregierung Pläne habe, Staatsanwaltschaften für Schicksale wie das von Limbach zu sensibilisieren, und ob man möglicherweise auch Gesetze anpassen müsse, um Nebenkläger zu stärken, hat bis heute keine Folgen.

Limbachs Anwalt betonte erst vor kurzem in einem Podcast, dass er im Fall seines Mandanten ein Strafbefehlsverfahren für juristisch nicht gerechtfertigt gehalten habe. Als Gründe nennt er im Kern, dass zu viele Fragen offen geblieben seien, die Angehörigen keine Möglichkeit gehabt hätten, Antworten zu bekommen. Und auch aus psychologischer Sicht hält er die Abwicklung des Falles auf dem Schreibtisch für falsch.

Auch der Anwalt der Familie Lankes hatte ähnliche Bedenken geäußert – zumal beim Tod des jungen Fußballtalents auch die Öffentlichkeit ein großes Interesse an einer Verhandlung gehabt hätte.

Jeder Tag ist nicht gleich.

Karin Lankes, Mutter von Julia

In Schweinfurt, so berichten Medien, wird seit dem Fall Limbach zumindest auf freiwilliger Basis in ähnlichen Fällen inzwischen zumindest eine formlose Anfrage bei hinterbliebenen Angehörigen gestellt, ob für sie eine Teilnahme an einem Verfahren als Nebenkläger in Frage komme, um ihnen zumindest die Möglichkeit der direkten Aufarbeitung zu geben.

Wie lebt man weiter ohne das Kostbarste, das einem genommen wurde? „Jeder Tag ist nicht gleich“, sagt Karin Lankes. Oft falle das Aufstehen schwer. An anderen Tagen kommen Freunde von Julia, sitzen mit den Eltern zusammen, erinnern sich an ihre lebenslustige Freundin. Erst am Wochenende organisierten sie wieder eine Sternfahrt, einen Tag nach dem dritten Todestag. Zu anderen Zeiten sind Karin und Markus Lankes unterwegs. „Daheim halte ich es oft einfach nicht aus“, sagt Julias Mutter. Zu einem Abschluss haben viele, die Julia kannten, noch einen weiten Weg.