Ausbildungsstart: Ohne Ausländer geht nichts mehr - Bewerber können es sich aussuchen

Heute müsste man jung sein: Chancen gäbe es wie lange nicht mehr. Das zumindest kann man schlussfolgern aus den aktuellen Ausbildungszahlen im Gebiet der Industrie- und Handelskammer Regensburg für die Oberpfalz und Kelheim sowie der Handwerkskammer Niederbayern-Oberpfalz. Am Donnerstag stellten die Verantwortlichen beider Organisationen die aktuellen Zahlen vor.
Klar wurde dabei auch: Zuwanderung wird immer wichtiger für Betriebe, wenn es darum geht, Ausbildungsstellen zu besetzen. Knapp 3800 neue Ausbildungsverträge wurden heuer allein bei den Betrieben, die bei der IHK organisiert sind, abgeschlossen. Im Handwerk sind es allein in der Oberpfalz mehr als 2430 neue Ausbildungsverhältnisse, ein Plus von knapp sieben Prozent. Insgesamt wurden im Kammerbezirk Niederbayern-Oberpfalz mehr als 5000 Ausbildungsverträge unterzeichnet.
Für Industrie und Handel waren es etwas weniger als im Jahr zuvor, als noch knapp 3950 Unterschriften von Azubis und Chefs unter einem Vertrag gesetzt wurde. „Entscheidend ist dabei weniger die Gesamtzahl“, so Ralf Kohl, Bereichsleiter Berufsbildung bei der IHK, „sondern vielmehr das Missverhältnis von Angebot und Nachfrage“. Denn: Im Juli waren bei den drei Arbeitsagentur-Bezirken Regensburg, Weiden und Schwandorf noch 5163 Ausbildungsplätze unbesetzt.
„Es ist zum einen die Demografie, die uns jetzt zu schaffen macht, weil die Geburtenzahlen zurückgegangen sind“, sagte Kohl. „Und wir haben natürlich auch einen allgemeinen Trend zu höherer Schulbildung.“ Kohl nannte auch Möglichkeiten wie die Fach- und die Berufsoberschule, die für ein Studium qualifizieren. „Aktuell macht uns die wirtschaftliche Lage an der ein oder anderen Stelle zu schaffen“, so der IHK-Vertreter weiter. „Aber mit etwa 150 Verträgen weniger sind wir noch in einem moderaten Bereich.“ Allerdings sei auch die Umstellung des G8 auf das G9 zu spüren. Heuer gibt es eigentlich keinen Abiturjahrgang.
IT-Berufe sind sehr gefragt
Zu den beliebtesten Berufen gehören übrigens ganz weit vorne die IT- und Metallberufe, also Fachinformatiker und Mechatroniker. Nach wie vor lässt sich aber ablesen, dass diese Berufe von männlichen Jugendlichen nachgefragt werden.
Frauen sind häufiger in kaufmännischen Berufen zu finden, im Handwerk sind es KfZ-Mechatroniker, Elektroniker, Anlagenmechaniker für Heizung- und Sanitär sowie an vierter Stelle Fachverkäufer im Lebensmittelhandwerk. Stark zugenommen hat sowohl im Handwerk, als auch in Industrie und Handel der Anteil an ausländischen Auszubildenden. „Das ist der Tatsache geschuldet, dass wir zwischenzeitlich viele ausländische Jugendliche in den Betrieben haben“, so Kohl. Von deutlich unter 500 im Jahr 2014 auf 1735 im Jahr 2024, das sind 18,8 Prozent aller Neuverträge.
„Darunter sind natürlich auch Jugendliche, die aus dem Ausland zu uns kommen, weil sie in ihrem Heimatland eine solche qualitativ hochwertige Ausbildung nicht vorfinden“, so der IHK-Experte. Auch im Handwerk kommen zwischenzeitlich mehr als 15 Prozent der Auszubildenden in Ostbayern nicht aus Deutschland. Das ist ein absoluter Höchstwert, der sich in den vergangenen zehn Jahren vervielfacht hat. Das habe einerseits mit der Zuwanderung zu tun, aber auch damit, dass ausländische Auszubildende nach Deutschland für ihre Lehre kommen. Vietnamesen sind derzeit mit 181 neuen Verträgen im Handwerk beispielsweise bei Bäckern, Metzgern und Fachverkäufern an erster Stelle. An zweiter Stelle kommen Ukrainer mit 107 neuen Ausbildungsstellen, die besetzt wurden. An dritter Stelle kommen Syrer mit 101 neuen Lehrverträgen. „Die letzten ein, zwei Jahre bewerben sich verstärkt junge Ukrainerinnen und Ukrainer“, sagte Schmidt. „Es ist eine stärkere Betreuung notwendig“, so der HWK-Vertreter. Grundsätzlich aber gilt, dass vor allem durch das Ausscheiden der Boomer aus dem Arbeitsleben ausländische Bewerber immer wichtiger werden, um freie Ausbildungsstellen zu besetzen.
Doch warum ist es dann überhaupt so, dass es immer noch arbeitslose Jugendliche gibt, trotz einer großen Zahl an freien Stellen? „Es ist nach wie vor so, dass auch ein gewisses Auswahlverfahren stattfindet. Der Bewerber muss natürlich auch von seiner Eignung zum Arbeitsumfeld passen“, so Kohl. Gerade das Thema Mobilität spiele eine Rolle. Und auch die Flexibilität der Bewerber.
Andererseits schilderten auch Betriebe, dass mancher Kandidat einfach zwei Arbeitsverträge unterzeichnet – und einen dann nicht antritt. Das stelle beide Kammern immer wieder vor Probleme. Doch ein Massenphänomen sei das nicht, so beide Experten. Schwierig auch: „Gerade in ländlichen Gebieten bekommen wir die Rückmeldung, dass teilweise gar keine Bewerber mehr bei den Betrieben aufschlagen“, sagte Kohl von der IHK.
Handwerk verbessert Image
Derzeit sind noch 784 offene erstellen im ostbayerischen Handwerk gemeldet – die Dunkelziffer sei nochmals deutlich höher, da nicht jeder Betrieb melden müsste. Das Plus an Ausbildungsverträgen liegt laut Schmidt an einer grundsätzlich positiveren Wahrnehmung des Handwerks.
Die Image-Kampagne des Handwerks habe gewirkt, meinte der Experte. „Der Tag des Handwerks, der verpflichtend an allen weiterführenden Schulen stattfindet, hatte auch eine deutliche Wirkung.“ Einer der maßgeblichen Handwerksvertreter, der sich bei der Landesregierung für diesen Aktionstag eingesetzt hatte, war der Chef der ostbayerischen Kammer, Dr. Georg Haber.
Sind die derzeitigen Jugendlichen überhaupt ausbildungsfähig? „Früher war man selber jung“, sagte Schmidt mit Augenzwinkern. „Und es gibt nach wie vor supertolle junge Leute.“