Arzt des Klinikums Neumarkt operiert im Urlaub Kinder in Afrika

125 Operationen an 13 OP-Tagen – es ist alles andere als ein Erholungsurlaub, den Dr. Stephan Oehler gerade hinter sich hat. Der Arzt am Klinikum Neumarkt war schon zum achten Mal mit der „Aktion Feuerkinder“ in Tansania. Was bewegt ihn zu diesem Engagement?
Insgesamt 17 Tage dauerte der Einsatz des Orthopäden. Wieder war er mit der Mitinitiatorin Dr. Annemarie Schraml unterwegs. Beide verbuchen den Einsatz als Erfolg. „Natürlich ist es nicht immer einfach. Aber wir konnten gut helfen und uns hat es Spaß gemacht“, versichert Oehler, der seit April die Klinik für Orthopädie am Klinikum Neumarkt leitet. Genau das sei die Motivation, warum er einen Teil seines Jahresurlaubs geopfert hat. Für die Hälfte der Einsatzzeit stellte ihn das Klinikum frei.

Das Team operiert Kinder und Jugendliche, die Fehlstellungen an Armen und Beinen haben. Dazu zählen Klumpfüße und extreme X- und O-Beinstellungen. Diese sind zum Teil so ausgeprägt, dass die Kinder nicht stehen können, geschweige denn laufen oder später einmal einer Arbeit nachgehen.
Kinder erleiden oft schwere Verbrennungen an offenen Feuerstellen
Das zweite große Behandlungsfeld hat der Aktion auch den Namen gegeben: Feuerkinder. Weil die Menschen in Tansania vor allem am offenen Feuer kochen, erleiden auch Kinder häufig Verbrennungen. Oft gibt es keine keine oder nicht die richtige medizinische Hilfe, was oft ein Leben lang Folgen hat: Entstellungen und durch die Narbenbildung Bewegungseinschränkungen oder Fehlstellungen.
Wenn die Helfer morgens am Krankenhaus ankommen, warten dort immer viele Menschen. „Manche reisen 1000 Kilometer an“, berichtet Schraml. Die Deutschen sind die einzigen, die solche Behandlungen in Tansania durchführen. Ohne diese Hilfe stünde den meisten betroffenen Kindern ein Leben am Rande der Gesellschaft bevor, ohne Chance auf Arbeit oder Schulbildung.
„Sie werden am Anfang noch versteckt, viele sitzen später einfach vor den Hütten im Regen, weil sie nicht laufen können“, berichtet Schraml. Laufen – das wäre die Voraussetzung, um zur Schule gehen zu können. Das schaffen diese Kinder in aller Regel aber nicht und haben damit auch keine Chance, später einmal ihren Lebensunterhalt zu verdienen. „Für unsere Patienten ist diese Behandlung lebensverändernd“, betont Schraml.
Hilfe zur Selbsthilfe für afrikanisches Team
„Wenn wir abreisen, machen die afrikanischen Kollegen mit unseren Materialien weiter Eingriffe, die sie sich zwischenzeitlich angeeignet haben.“ Das macht die beiden Mediziner stolz, denn ihr eigentliches Ziel ist Hilfe zur Selbsthilfe.
Das Material ist der Engpass, mit dem die Behandler vor Ort kämpfen. Was das deutsche Team braucht, muss vorher nach Tansania geschickt werden. „Vor Ort gibt es kaum etwas. Wir mussten einmal Gips nachkaufen. Sogar das war sehr schwierig“, berichtet Oehler.

Die Einsätze laufen meist sehr ähnlich ab: In den ersten Tagen werden die Kinder untersucht. Unter ihnen sind Kinder, die das Team schon früher operiert hat, solche, die von anderen Einrichtungen geschickt werden, aber auch solche, die noch gar nicht versorgt wurden. „Vor dem Einsatz wissen wir meistens gar nicht, was uns erwartet“, sagt Oehler. Das kristallisiert sich während der Untersuchungstage heraus. Danach starten die Operationen.
„Die Dankbarkeit der Menschen ist unglaublich, selbst wenn sie einen Tag lang warten müssen“, berichtet der Orthopäde. Das sei auch der Grund, warum er die Reise und den Einsatz immer wieder auf sich nimmt. Ein Kinderspiel sei das nämlich nicht. Sehr lange Arbeitstage, zahlreiche schwierige Operationen sind dort an der Tagesordnung.
Auch medizinisch sei die Arbeit dort interessant. „Wir sehen dort Sachen, die in Deutschland gar nicht vorkommen“, stellt Oehler fest. Extreme X- oder O-Beine und Klumpfüße sind dabei oft nicht angeboren, erläutert der Mediziner, sondern haben ihre Ursache im Land. „Die Menschen leben dort in einer Region, in der sehr viel Fluorid im Trinkwasser ist. Das beeinflusst die Entwicklung der Knochen.“
Fluor im Wasser eine Ursache
Viele Kinder kamen eigentlich mit gesunden Beinen zur Welt. Nehmen sie über Jahre zu viel Fluorid auf, werden ihre Knochen brüchig, können sich verbiegen oder Gelenke versteifen. Eine weitere Ursache ist Morbus Blount, eine Veränderung der Wachstumsfuge unterhalb des Knies, die in Afrika häufiger vorkommt. Die Ursache für meist angeborene Klumpfüße ist noch nicht geklärt.
Die Behandlung der Kinder hat sich über die Jahrzehnte sehr verändert, erklärt Oehler: „Inzwischen werden sie vorbehandelt.“ Das hat das Team vor Ort über die Jahre von den deutschen Helfern gelernt, um bei den folgenden Operationen bessere Ergebnisse zu erzielen. Für die Kinder bedeutet das: bis zu zwei Monate Gips tragen. Der Gips wird alle ein bis zwei Wochen gewechselt, um so das Bein schon etwas in die richtige Richtung zu zwingen. „Auf der Innenseite der Krümmung ist das Gewebe meist viel zu kurz. Durch die Gips-Vorbehandlung wird das schon etwas aufgedehnt und die Heilung verläuft besser“, schildert Schraml. Auch danach müssen die Kinder noch sechs bis zwölf Wochen Gips tragen, ehe sie die ersten Schritte machen dürfen.
Vor 25 Jahren als einmalige Aktion geplant
Seit 25 Jahren gibt es die „Aktion Feuerkinder Tansania“. Verschiedene Teams reisen bis zu drei Mal im Jahr in den Norden des Landes. Dort befindet sich das Nkoaranga-Krankenhaus. Für die kleinen Patienten ist die Behandlung kostenlos. Die Organisation trägt zum Teil auch die Schulgebühren für die operierten Kinder, damit diese ihren Lebensunterhalt irgendwann selbst verdienen können. Wer eine Prothese benötigt, bekommt diese in der 2004 eigens eingerichteten Orthopädiewerkstatt gefertigt. Finanziert wird all das durch Spenden.
Eine Helferin der ersten Stunde ist Annemarie Schraml, die die Aktion vor 25 Jahren mit Kollegen der Klinik Rummelsberg initiiert hatte. Trotz Rente ist die Orthopädin für die Aktion Feuerkinder unermüdlich im Einsatz. Dass sich das Projekt so entwickeln würde, sei damals nicht absehbar gewesen. „Es sollte eigentlich eine einmalige Aktion sein.“ Doch es gab einfach zu viele Kinder, die noch Hilfe brauchten. So machte sie weiter und gewann ab 2016 auch Oehler dafür, der ebenfalls lange in Rummelsberg gearbeitet hatte.
So können Sie helfen
Die Aktion Feuerkinder ist eingebunden in die Rummelsberger Stiftung „Hilfen für Tansania“. Spenden sind möglich an die Evangelische Bank, IBAN: DE53 5206 0410 0103 5099 82, Kennwort „Projekt Aktion Feuerkinder“ . Weitere Infos, auch zum neuen Jubiläumsbuch, unter www.feuerkinder.de.