Ehre und Verantwortung: Christian Wolf spricht im MZ-Interview über Herausforderungen und die Zukunft

Der Schwandorfer Lebensmittelhersteller Wolf hat heuer einen Grund zum Feiern: Das Unternehmen besteht seit 100 Jahren. Zum Jubiläum spricht der Inhaber Christian Wolf im MZ-Interview nicht nur über die Stärken der Firma, sondern auch über Herausforderungen und wo es in der Zukunft hingehen soll.
Herr Wolf, Sie führen das Unternehmen in der vierten Generation. Was bedeutet das 100. Jubiläum der Firma Wolf für Sie persönlich?
Christian Wolf: Es ist eine große Verantwortung in der vierten Generation das Unternehmen zu übernehmen und weiterzuführen. Die fünfte Generation steht schon in den Startlöchern. Ob sie es macht, das wissen wir noch nicht. Die Herausforderungen in der Lebensmittelbranche sind in den vergangenen Jahren nicht einfacher geworden, daher ist es schon eine Ehre, wenn man das 100-jährige Bestehen vor allem auch noch mit dem Vater feiern kann.
In Deutschland sinkt seit mehreren Jahren der Pro-Kopf-Fleischkonsum, der Trend geht zu Vegetarismus und Veganismus. Wie beeinflusst das die Firma Wolf?
Wolf: Seit diesem Jahr ist der Fleischkonsum nicht mehr sinkend, sondern stagnierend. Er ist in den vergangenen drei bis vier Jahren gesunken und liegt derzeit bei 56 Kilo pro Person. Das ist eigentlich ein positives Zeichen. Ein Nachteil ist, dass es in unserer Branche viel Überkapazitäten gibt. Es gibt viel zu viele sowohl regionale als auch überregionale Wursthersteller, die in den Markt reindrängen. Beim veganen und vegetarischen Thema investieren wir in Convenience-Produkte, also Fertiggerichte, weil wir sehen, dass die gut gehen. Ein veganes, asiatisches Gericht schmeckt nach wie vor. Im Wurstbereich machen wir das auf schmaler Flamme.
Wo sehen Sie die künftigen Trends in der Lebensmittelindustrie?
Wolf: Wir entwickeln uns vom reinen Fleisch- und Wursthersteller zum Lebensmittelhersteller. Wir wollen die neuen Trends aufgreifen, um dem sinkenden Fleisch- und Wurstkonsum gerecht zu werden. Daher haben wir in Nürnberg ein neues Werk gebaut, das sich nur um Convenience kümmert. Da sind ausschließlich Köche beschäftigt. Wir produzieren dort Vollconvenience, also Soßen, Suppen, Nachspeisen bis hin zu kompletten Gerichten. Und diese Fertiggerichte werden sowohl in der Gastronomie, also im Bereich Food-Service, vertrieben. Durch den Fachkräftemangel gibt es auch in der Groß-Gastronomie immer weniger Köche, die frisch kochen. Und was jetzt ganz stark aus England und aus den Benelux-Ländern kommt, sind frische Fertiggerichte auch für den Endverbraucher. Also ganz stark sind asiatische Gerichte wie Red Curry Chicken, Green Curry Chicken, Butter Chicken, Teriyaki, mediterrane Küche bis hin zur österreichischen Küche. Und das wird dann in der Mikrowelle warm gemacht. Das ist ein Schwerpunkt unserer Zukunft.

Vor welchen Herausforderungen stehen Sie als Lebensmittelhersteller?
Wolf: Das Thema Mindestlohn, das uns die Regierung schwer macht, bereitet uns Kopfzerbrechen. Wenn die Mindestlohnerhöhung abgeschlossen ist, sind wir bei fast 15 Euro pro Stunde. Seit der Einführung des Mindestlohns sind dann die Lohnkosten um rund 75 Prozent gestiegen. Eine weitere Herausforderung sind die politischen Regulierungen. Neben der EU-Gesetze, die bis 2030 umgesetzt werden müssen, kommen noch die Umweltgesetze dazu.Das bedeutet für uns in den kommenden vier Jahren erhebliche Mehrkosten. Für Lebensmittelhersteller generell sind die stark gestiegenen Energiekosten, sowohl im Gas- als auch im Strombereich, herausfordernd. Es sind auch die Drumherum-Kosten, die teurer geworden sind. Auch durch die Inflation tut sich der Endverbraucher schwer, sich Grundnahrungsmittel wie Fleisch und Wurst leisten zu können. Und das merken wir natürlich.
Ein weiteres Thema, das unsere Gesellschaft derzeit bewegt, ist der Fachkräftemangel. Wie ist die Firma Wolf da aufgestellt und wo kommen die Fachkräfte her?
Wolf: Der Fachkräftemangel ist bei uns auch ein großes Problem und eine Herausforderung für die Zukunft. Wir engagieren uns intensiv im Oberpfälzer Raum. Wir gehen auf die ganzen Ausbildungsmessen, wo wir schon seit Jahren aktiv sind und wo wir versuchen, unsere Mitarbeiter der Zukunft von den Schulen weg zu rekrutieren oder engagieren. Und das in allen Bereichen sowohl für Metzger als auch für Fachkraft für Lebensmittel, Techniker, Mechatroniker, Elektriker und in der EDV. Wir bieten dabei auch mehr für unserer Auszubildenden – sowohl von den Löhnen weg bis hin zur Nutzung des Azubi-Flitzers für einen Monat auch im privaten Gebrauch. Wir zahlen auch die Fort- und Weiterbildungen weiter. Man kann sich bei uns von der Ausbildung bis zum Meister oder Diplomingenieur weiterentwickeln.
Es kommen natürlich nicht alle aus Deutschland. Fachkräfte bekommen wir auch aus dem näheren Umland, aus Ungarn und aus Österreich. Und die einfachen Kräfte kommen aus Rumänien und Bulgarien.
KI und Automatisierung sind immer mehr im Kommen. Gibt es Prozesse in der Lebensmittelherstellung, die automatisiert werden können?
Wolf: Die Fachkräfte kann man nicht komplett durch KI oder Roboter ersetzen. Unser Handwerk ist sehr handwerklich geprägt. Die Automatisierung ist bei uns extrem vorangeschritten. Da haben wir in den vergangenen 20 Jahren im hohen zweistelligen Millionenbereich investiert. Wir haben eine Mischung aus handwerklicher Präzision und da, wo es geht, Automatisierung. Bots, also vollautomatische Roboter-Männchen, die rumlaufen, gibt es. Da sind wir gerade in der Versuchsphase mit externen Partnern, dass die irgendwann mal neben dem Menschen stehen und auch gewisse Tätigkeiten übernehmen. Aber bis das kommt, das wird noch eine Zeit lang dauern. Die KI setzen wir bei der Lagerdisposition ein. Lebensmittel sind natürlich keine lang haltbaren Produkte und wir haben sehr stark schwankende Bestelleingänge. Wenn die Sonne scheint wird viel bestellt, wenn es regnet wird weniger bestellt. Es kommt auch ganz stark auf die Angebotspreise an. Werden die Wurstwaren aggressiver verkauft im Handel, dann wird mehr gekauft.
Die Wolf Firmengruppe ist mit Standorten in Schwandorf, Nürnberg und Schmölln in Deutschland in verschiedenen Lebensmittelbereichen vertreten. Wo liegen dabei die Stärken des Unternehmens?
Wolf: Die Stärke des Unternehmens ist, dass wir in gewissen Nischen tätig sind, wie unsere regionalen Spezialitäten aus Bayern und Thüringen. Auch Convenience ist bei uns stark. Wir gehen weg vom reinen Wursthersteller zum Lebensmittelhersteller und investieren darin.
Wir haben früher schwerpunktmäßig Schweinefleisch verarbeitet und jetzt gehen wir immer stärker auf Geflügel. Einmal, weil Geflügel in den Köpfen der Menschen für hipper und gesünder anerkennt wird. Auch mit der zunehmenden Bevölkerungsänderung durch Zuwanderung wird Geflügel immer mehr gefragt. Darum werden wir in den nächsten Jahren alle unsere typischen Produkte, die aus Schwein sind, in Zukunft auch aus 100 Prozent Geflügel herstellen.
BBQ – gegrillt wird auch jetzt und in Zukunft. Wenn’s ums Grillen geht, will man in der Gemeinschaft grillen und essen. Und da ist nach wie vor Bratwurst und Fleisch angesagt. Das Bio-Thema war mal bis zur Inflation 2021 ganz groß im Kommen. Durch die Inflation ist Bio komplett eingebrochen. Jetzt merkt man gerade, dass Bio wieder ganz stark im Kommen ist. Wir werden alle unsere wichtigsten Kernartikel dann auch in Bio anbieten, weil das ist ein Trend, der kommen wird.

Sind Investitionen vor allem am Standort Schwandorf geplant?
Wolf: Wir werden in den nächsten vier Jahren ganz intensiv in die Umwelttechnik investieren. Wir müssen unseren Energieverbrauch um 50 Prozent reduzieren bis 2030. Wenn wir das nicht schaffen, müssen wir sogenannte Ausgleichszertifikate kaufen. Das ist EU-Gesetz. Da erarbeiten wir gerade mit einem Institut ein Konzept, wie wir die Energie einsparen können.
Dann müssen wir in neue Verpackungsmaschinen investieren, weil der Trend in kleinere Packungen, Single Packungen, geht. Und was bis 2030 auch wieder EU-Vorschrift ist, sind 100 Prozent recyclingfähige Folien. Denn irgendwann 2030 kann man dann eine Wurstpackung wie eine PET-Flasche im Supermarkt in den Automaten reinschmeißen und das wird dann zurückgenommen.
In Schwandorf wird auch mehr in Snack-Convenience investiert. Bei uns werden immer mehr Salate, wie Wurstsalat produziert. Und in was noch stark investiert wird, ist das Thema Slicer, also aufgeschnittene Ware, und Regionalität.
Wenn Sie jetzt einen Blick in die Glaskugel werfen könnten: Wo sehen Sie die Firma Wolf in zehn Jahren?
Wolf: Bedingt durch die starke Konsolidierung arbeiten wir stark daran, auf diesem Markt zu den Letzten zu gehören, die den Konsolidierungsprozess überleben werden. Es wird in Zukunft, da ist auch die Politik nicht unbeteiligt, nur noch eine handvoll großer Firmen geben, die Wurst und Fleisch herstellen, weil eben der Preiskampf durch die wenigen Handelsketten, die es gibt, stark preisgetrieben ist.
Ich glaube in zehn Jahren wird keiner mehr von Wolf sagen, wir sind ein klassischer Metzgerbetrieb oder Wursthersteller, sondern werden ein Lebensmittelhersteller sein. Wir werden uns die ein oder andere neue Lebensmittelproduktion neu aufbauen müssen, woran wir jetzt noch gar nicht denken. Wir werden auch in das normale Salatthema einsteigen und klassische Salate mit Gemüse verarbeiten.
Wir sind aber auch flexibel, wo es hingeht in der Zukunft. Das Geflügel ist ein ganz starkes Thema für uns und da wachsen wir im zweistelligen Prozentbereich. Es sollen mal 25 Prozent in Geflügel, 25 Prozent in Convenience und die restlichen 50 Prozent mit regionalen Spezialitäten im Schweinefleischbereich und davon dann wieder zehn bis 15 Prozent im Bio-Bereich liegen.
Die Generationen
• Alois Wolf: Er eröffnete 1925 seine erste Metzgerei in Mies.
• Karl Wolf: Die zweite Generation pachtete 1954 eine Metzgerei und Gasthof in Schwarzenfeld. 1958 siedelte er nach Schwandorf um.
• Reinhard Wolf: 1973 wird Reinhard Wolf Teilhaber und Junior-Chef bis er das Unternehmen 1990 von seinem Vater übernimmt. Eine Filiale in der Rathausstraße am Schwandorfer Marktplatz eröffnete 1978. Zehn Jahre später, 1988, ging der Betrieb „Am Ahornhof“ an den Start.
• Christian Wolf: Die vierte Generation wird 1999 Geschäftsführer. Sein Vater zieht sich 2014 aus der Geschäftsleitung zurück.