Eine Handbreit über der Donau im legendären Achter: Unterwegs mit dem Regensburger Ruderverein

Wie ein gut geölter Motor bewegen sich die Ruderer im Achter. Nur ein Kolben stottert etwas, der MZ-Reporter versucht sich schließlich zum ersten Mal am Riemen. Nichtsdestotrotz gleitet das Boot ruhig und zielstrebig über die Donau. Rudern ist ein rhythmischer Sport. Das Ein- und Auftauchen der Ruderblätter ins Wasser folgt einem festen Takt. Den gibt Schlagmann Robert Gessendorfer vor.
Schon beim Einsteigen in den Achter – ein Boot deutscher Heldengeschichten bei den Olympiaden – assistiert Gessendorfer. Fuß auf die Sitzfläche, am Handstück des Ruders und am Bootsrand festhalten, zweiten Fuß rein. So ein Achter ist ein wackliges Gefährt. „Du kannst schwimmen, oder?“, fragt Gessendorfer vor der Abfahrt vorsichtshalber, um gleich nachzuschieben: „Wir kentern aber eh nicht.“ Den 17,5 Meter langen Achter stabilisieren die vier Riemen zu jeder Seite. Im Einer oder Zweier falle aber jeder mal ins Wasser, sagt Gessendorfer.
Die Rollsitze scharren wie das Schnaufen des MZ-Ruderers
Die Achterbesetzung ist bis auf den MZ-Novizen erfahren. Die Steuerfrau gibt über die Sprechanlage vor, was gemacht wird. Angefahren wird langsam ohne Beineinsatz, gerudert wird nur aus den Armen. Dann kommt das Kommando: „Volle Rolle!“ Also: Beine anziehen, Riemen ins Wasser, Beine strecken, mit den Armen das Ruder zur Brust ziehen, das Blatt wieder aus dem Wasser auftauchen lassen, Arme strecken, Beine anziehen. Auf dem Rollsitz zieht man sich nach vorne. Und bei dem Bewegungsfluss soll man nicht aus dem Rhythmus kommen. Das Scharren der Rollsitze hilft, es klingt wie stetes Schnaufen.
Jeder hat seine Aufgabe im Achter
Das Tempo der Riemenzüge gibt Schlagmann Gessendorfer vor. Am anderen Ende des Boots hat er zwei technisch versierte Ruderer – mit Aleksandrs Matuls auch einen Bronzemedaillengewinner bei der Deutschen Jugendmeisterschaft – als Bugleute platziert. „Die sind für die Stabilität zuständig, damit das Boot nicht kippelt.“ Zwischen Steuermann und Bugleuten ist der „Maschinenraum“, wie Gessendorfer sagt, „da sitzt die Power drin“.
Nur Profis können den Ausblick genießen
Mit gedrosselter Power, um den MZ-Neuling nicht mit zu hoher Schlagzahl zu überfordern, geht es dann die Donau rauf und runter. Der Blick auf die Badebuchten und das Winzerer Kirchenpanorama ist bestimmt ein idyllischer – genießen können ihn aber nur die geübten Ruderer, die den Fokus zwischenzeitlich vom Ruderblatt des Schlagmanns und des eigenen Riemens lösen können, ohne aus dem Takt zu kommen. „Das kommt relativ bald“, tröstet Gessendorfer. „Man kann sich beim Rudern unterhalten, in der Gegend umschauen.“
Ein besonderer Ausblick bot sich Jung-Ruderern im August. 13 Vereinsmitglieder zwischen zwölf und 28 Jahren ruderten mit zwei Vierer-Booten durch die Lagunen rund um Venedig. „Wir haben die Kanäle erkundet, sind unter flachen Brücken gerade noch so durchgekommen“, erzählt Gessendorfer begeistert. In der Regel fahren die Breitensportler die landschaftlich schöne Strecke die Naab entlang bis Etterzhausen, auch mal bis Pielenhofen. Mehrtägige Wanderfahrten auf fremden Flüssen stehen ebenso auf dem Programm.
Verein und Club vertragen sich
Erwachsene können nach einem sechswöchigen Einsteigerkurs mitrudern. Für Kinder finden feste Trainings in der Woche statt, ebenso für die Rennsportler, die begleitet vom Trainer im Motorboot die Donau zwischen Sinzinger Eisenbahnbrücke und Staustufe rauf und runter heizen.
Gessendorfer rudert, seit er zehn ist. In Spitzenzeiten trainiert er neun Mal die Woche. Als Kind habe er erst mit Fußball angefangen. „Immer diese Fußballer“, frotzelt eine Ruderpartnerin. „Ich habe Fußball gespielt, aber ich war ganz bestimmt kein Fußballer“, kontert Gessendorfer. Über die Großmutter eines Klassenkameraden kam er zum Rudern, erzählt der 27-Jährige vor dem Vereinsheim. Das Gebäude teilen sich Ruderverein und Ruderklub. „Im Prinzip ist es das Gleiche in Blau“, sagt Gessendorfer über die Nachbarn. „Vielleicht gab es früher eine Feindschaft, aber jetzt schon lange nicht mehr.“ Der rote Ruderverein – einst aus der Arbeiterschicht gegründet– und der vormals elitärere blaue Ruderklub arbeiten heute gut und eng zusammen.
64 Boote – und ein herausragender Neuzugang
Beim Verein stapeln sich 64 Boote in der Garage. Ein ganz besonderes ist nun dazugekommen: Der neue Zweier, den der Ruderverein im Juli gekauft hat, ist baugleich zu den Booten, die bei Olympischen Spielen eingesetzt werden.
Der Preis ist dementsprechend ein stolzer, 23 000 Euro kostet das Boot. Der Ruderverein hat sich folglich einen Hauptsponsor für die Investition in seine motivierten Rennsportler ins Boot geholt. Zwei Mitarbeiterinnen der Discounter-Kette haben folglich auch die Ehre, das Boot vor der Jungfernfahrt mit einem ordentlichen Kelch voll Schampus zu taufen. Welches Unternehmen den Bootskauf unterstützt, muss man bei dem verliehenen Namen nicht lange rätseln. Der Zweier geht als „Lidl faster“ aufs Wasser.
