In Weillohe hat sich ein Künstler sein Reich der Mitte geschaffen

Ein junger Mann, der drei Wochen lang wie besessen in Dharamsala malte, und wunderschöne blaue Nympheas - darüber schreibt MZ-Autor Helmut Wanner im neuen Teil seiner Serie Wanners Welt. Im Mittelpunkt steht Peter Wittmann.
Peter Wittmann lächelt schief – wie mit dem Gewehr im Anschlag. Zu Zeiten, als er die Nummer 1 von Galerist Peter Bäumler und damit von Regensburg war, kannte man sein Lächeln aus dem Feuilleton. Es war sein Markenzeichen. Damals hatte er noch volles dunkles Haar und meist einen Schal um die Schulter.
Wittmann freut sich, dass ihn „Wikipedia“ zur Schule der idyllischen Utopisten gerechnet hat. „Ich bin ihr einziger Vertreter.“ Mit der Statur eines indianischen Kriegers erweckte er das Bild des Künstlerpriesters, was gut war fürs Geschäft. Doch das ist alles vorbei, wenn ihm Kater Kuno auf den Schoß springt. Er ist aus der Knochenmühle des Kunstbetriebs ausgestiegen.
„Ich habe keinen Galeristen mehr. Die Kunden finden mich auch so“, sagt er. Jetzt müssen sie nicht mehr in die Obere Bachgasse, sondern nach Weillohe. Wittmann übt strenge Selbstdisziplin. Tausende Arbeiten hat er nach Themen sortiert und in Dutzenden Fächern abgelegt. Skizzen entstehen ständig. Kreativ will er sein, „bis der Tod meine Augen tragen wird“, zitiert er den Dichter Cesare Pavese. „Ich male jeden Tag, dafür oft monatelang nicht.“
Madeleines zum Kaffee
Seine Frau trägt den Kaffee auf. Sie hat zum Kaffee Madeleines gebacken. Seit Marcel Prousts sprechender Szene aus der „Suche nach der verlorenen Zeit“ ist das Gebäck eine Metapher. Dr. Monika Drexler kommuniziert auch ohne Worte. Die Sinologin hat über „daoistische Schriftamulette“ promoviert. Peter Wittmann zieht in ihrer Gegenwart die schönste Version seines Lächelns auf wie eine Leinwand.
Trotz etwas Craquelé im Antlitz sitzt da ein schöner Mann vor mir und krault seinen Kater. Nächstes Jahr wird Peter Wittmann 75. Wir kennen uns vom Schulhof, haben aber nie ein Wort gewechselt am Gymnasium, das den Namen des größten Regensburger Malers trägt. Peter Wittmann war schon damals ein Mann mit einer Mission. Mit 14 wusste er „es“, mit 16 ging er von der Schule. „Ich konnte keine Zeit verlieren. Ich wollte rechtzeitig, bevor ich sterbe, Künstler werden.“ Für seinen Vater, Lehrer in dritter Generation, war das ein Schock. Er glaubte, sein Erstgeborener habe den Verstand verloren, und ließ ihn ärztlich untersuchen. Peter Wittmann hat seine Haut eingesetzt. „All in. Volles Risiko. Das musst du machen, sonst schaffst du es nicht.“
Peter Wittmann hat es durchgezogen. „MZ-Autor Manfred Stuber wollte über mich eine Biografie schreiben. Ich sei paradigmatisch für eine ganze Generation.“ Es war die Generation der 68er. 1967 war er 16 Jahre alt, lebte, liebte, malte und machte verrückte Sachen. Mit seinem Drei-Gang-Rad (von „Quelle“) strampelte er über die Alpen, den Skizzenblock im Rucksack. Ohne Geld trampte der von seiner Sendung besessene Maler nach Wien, um Professor Ernst Fuchs seine Mappe zu zeigen. „Sie haben mich genommen.“ 1973 wurde er in die Meisterklasse aufgenommen.
Die wirklichen Weihen holte er sich im Fernen Osten. 1978 reiste er zu Studienzwecken auf dem Landweg nach Indien, zuerst auf dem Beifahrersitz eines weinroten Peugeot 404. Eine Freundin hatte das Fahrzeug nach Teheran überführt, Wittmann hat noch heute keinen Führerschein. Auf der Ladefläche eines Trucks ließ er sich über den Hindukusch schaukeln. Von da reiste er im Zug nach Dharamsala, auf mehr als 2000 Metern Höhe, wo ihre Heiligkeit, der Dalai Lama, wohnt. Bei dessen Gartenfreund mietete er sich ein. Alfred W. Hallett war ein bekannter britischer Künstler, der mehr als 40 Jahre in Dharamsala lebte. Bei ihm holte sich Wittmann den Feinschliff. „Damals habe ich schon verkauft. In Regensburg wartete Peter Bäumler ungeduldig auf die Bilder meiner Ausstellung. Drei Wochen lang malte ich wie besessen. Mit 30 Bildern flog ich zurück. Die Kritik schrieb vom neuen Licht in Wittmanns Arbeiten. Danach war ich der Star.“
„Bäumler und ich haben Millionen verdient.“ Industrielle sammelten Wittmann. Und das Feuilleton kniete vor dem Mann aus Weillohe: „Ein Ästhet comme il faut“, schrieb eine Kritikerin in der bayerischen Staatszeitung. Nach seinem 60. Geburtstag hatte er seine letzte große Ausstellung. Bei „Chrono 12“ in der städtischen Galerie im Leeren Beutel wurden auch seine wunderschönen blauen Nympheas gehängt. Peter Bäumler sagte über sie: „Wenn es jemandem gelungen ist, dem Sujet der Seerosenbilder nach Claude Monet eine neue Bedeutung zu geben, dann ist es Peter Wittmann.“
Ich konnte keine Zeit verlieren. Ich wollte rechtzeitig, bevor ich sterbe, Künstler werden.
Peter Wittmann
Und nun ist es still. Kein Bild von ihm, keine Zeile über ihn. Seit 13 Jahren. Peter Wittmann scheint völlig von der Bildfläche verschwunden. Dann steht er unvermittelt neben mir – bei einer Maiandacht an der Kapelle von Untermassing. Es ist magisch, als hätte er mich in der großen Pause auf dem Schulhof entdeckt. Wittmann spricht mich an und zeigt mir nach dem letzten Lied den Kreuzweg, den er für die Kapelle gemacht hat.
Wenige Wochen später, im August, treffen wir uns zum Gespräch. Ich stehe am Gartenzaun. In der Tiefe des Gartens zeichnet sich sein Künstler-Tempel ab. Wittmann kommt mir schon auf dem Feldweg entgegen und führt mich ein in sein Reich zwischen den Welten. „Früher konnte man von hier die Walhalla und die Befreiungshalle sehen.“
Belächelt wegen des Dialekts
Wenn er spricht, klingt das salzburgerisch. Im Albrecht-Altdorfer-Gymnasium hat man ihn wegen seines Dialekts belächelt, weiß Cornelius Färber. Peter Wittmann hat als Bub „Weillou“ gesagt, wenn er gefragt wurde, wo er herkommt. Der Lehrerssohn ist bei seinem Vater in die einklassige Volksschule gegangen. „Weillou“ klingt wie das große „Wu Wei“, ein Begriff aus dem Daoismus, der eine Form von Handeln beschreibt, die natürlich und mühelos ist. Heute steht in diesem belächelten „Weillou“ – wie die natürlichste Sache der Welt – Wittmanns japanisches Glashaus.
1985 kehrte der Maler mit diesem imposanten Statement zu seinen Wurzeln zurück. Denn er hat dieses Stück Land völlig seinem ästhetischen Anspruch untergeordnet. Wie Claude Monet hat er nun sein Giverny und mitten drin in diesen 2200 Quadratmetern Künstlergarten steht ein Haus aus Glas.
Der Prototyp steht in Taiwan. Als er 1982 dort bei einem Meister die fernöstliche Kalligrafie lernte, hat er sich in sein Haus verliebt und es skizziert. Das ist die einzige fotorealistische Zeichnung seines Lebens. Wittmann-Sammler und Architekt Siegfried Dömges hat das Modell umgesetzt. Sein Honorar: blaue Seerosen auf einer riesigen Leinwand. Wittmanns Füße ruhen auf einem Boden aus vier Zentimeter dicken braunen Cotto-Platten. „Die sind übrig geblieben vom Hausbau vom Wolfi.“ Der verstorbene Neutraublinger Lederfabrikant Ciecierski war Wittmann-Sammler wie Volker Kronseder oder Graf Lerchenfeld. Cornelius Färber und Peter Wittmann gingen zur selben Zeit von der Schule ab. Das verbindet. Über der Anrichte im Orphée hängt ein Orpheus, gemalt von Peter Wittmann.
Wittmann hat Weillohe zur Mitte der Welt gemacht, seiner Welt. In die Stadt zieht es ihn selten. In die Ferne gar nicht mehr. „Zum Aschermittwoch der Künstler, da lass ich mich sehen.“ „Memento mori“ gefällt ihm. Er ist dem Tod schon mal von der Schippe gesprungen. Er hat eine schwer heilbare Tropenkrankheit überlebt.
Doch das Vergessenwerden ist tödlich. Wittmann tröstet sich. „Auch Albrecht Altdorfer ist vergessen.“ Als 2020 erstmals seine Werke in Frankreich ausgestellt wurden, habe das in seiner Heimatstadt kein Echo gefunden. Wittmann: „Man stelle sich vor: Der Regensburger Albrecht Altdorfer im Louvre! Und Regensburg nimmt keine Notiz!“ Für Peter Wittmann ist das symptomatisch für unsere Zeit. Aber als Künstler darf er sich mit Altdorfer als Teil einer ewigen Bruderschaft fühlen. Die lebt jenseits der Zeiten und Orte. Ihre Mitglieder sterben nicht.