Geht Festival auch behutsam? Das sagen Regensburger Künstler und Veranstalter

Eine weggerissene Regenbogenflagge von der Bühne, anzügliche Rufe in Richtung von Keyboarderin Alina, aufdringliches Verhalten gegenüber Showtänzer Pavo: Für die Band Brew Berrymore war das Labertalfestival heuer kein reiner Spaß. Mit Awareness-Konzepten sollen solche Übergriffe bekämpft werden. Das sagen Regensburger Künstler und Veranstalter dazu.
„Wir sind schockiert, dass es zu diesen Situationen kam“, schrieb die Band auf Instagram nach dem Auftritt. Die Unterstützung durch die Veranstalter wird ausdrücklich gelobt. Auf MZ-Nachfrage regt Sänger Benedikt Wagensonner an: „Awarenesskonzepte sind sehr hilfreich dabei, Festivals und Veranstaltungen für alle möglichst angenehm zu machen.“
Der Ton ist wieder rauer geworden.
Mathias Wagner, Popularmusikbeauftragter
Solche Konzepte gebe es immer mehr, berichtet Mathias Wagner, Popularmusikbeauftragter des Bezirks Oberpfalz. „Und das wahrscheinlich aus gutem Grund. Der Ton ist wieder rauer geworden.“ Es sei schwer in Zahlen zu fassen, wie viele Vorfälle es gibt. Schließlich geht es bei Awareness – zu deutsch in etwa Achtsamkeit – darum, Ansprechpartner zu schaffen, an die sich Konzertgäste wenden können, wenn sie sich in der Atmosphäre oder durch einzelne Personen unwohl fühlen.
„Alle Ethnien, alle Geschlechter, alle sexuellen Orientierungen sollen sich bei Festivals wohlfühlen“, sagt Wagner. „Ich dachte, da sei man sich einig.“ Wenn dem offenbar nicht mehr so ist, bedarf es Lösungen. Initiativen wie For A Change in Regensburg bieten Workshops zum Thema Awareness an. Auch von Künstlerseite berichtet Wagner, dass sie Awarenesskonzepte begrüßen.
Reicht der Security-Dienst?
Viele Musiker fordern das im Vorfeld von Auftritten mittlerweile ein, sagt Arthur Theisinger, Geschäftsführer von Power Concerts, auf MZ-Nachfrage. „Ich finde das wichtig“, sagt auch Metal-Gitarristin Coralie Baier auf Awarenesskonzepte angesprochen. „Ich selbst fühle mich auch viel wohler, wenn ich weiß, dass die Veranstalter achtgeben, dass sich alle bei dem Festival wohlfühlen.“
So drastische Übergriffe wie Brew Berrymore hat Baier, die mit den Bands Antipeewee, Atlantean Kodex und Lucifer auf der Bühne steht, noch nicht erlebt. „Ich habe bis jetzt echt immer Glück gehabt.“ Sie berichtet von „landläufig gut gemeintem Sexismus“, dass mehr darauf geachtet wird, ob sie sich bei der Technik auskennt etwa. Als Frau in einer Band werde sie immer noch oft für die Merchandise-Verkäuferin oder die Freundin eines Musikers gehalten, „vor allem von Menschen alter Schule“ – nicht schön, aber auch kein Fall fürs Awarenessteam.
Wir machen das im Grunde seit vielen Jahren, jetzt hat das Kind halt einen Namen
Arthur Theisinger, Power Concerts
Denkt sie aber an ihre Zeit Anfang 20 auf Konzerten zurück, beschleicht Baier ein diffuses Gefühl, dass da einige Sprüche nicht okay waren. „Da wäre es ab und zu schon gut gewesen, wenn ich jemanden ansprechen hätte können“, sagt sie rückblickend.

Für Theisinger, der unter anderem Konzerte in der Donau-Arena und im Airport Obertraubling sowie das Piazza-Festival im Gewerbepark organisiert, seien Awarenesskonzepte keine neuen Anforderungen. „Wir machen das im Grunde seit vielen Jahren, jetzt hat das Kind halt einen Namen“, sagt er. Er habe als Veranstalter noch keine entsprechenden Zwischenfällen erlebt. Mit „speziell geschultem Security-Personal“ sieht er sich aber gewappnet, auch Rückzugsräume gebe es in seinen Locations.
Kittel: Auch Minderheiten müssen tolerant sein
Peter Kittel verweist ebenfalls auf ein umfassendes Sicherheitskonzept, das seine Veranstaltungen „gerade auch bei Frauen sehr beliebt“ mache. Sein Publikum lehne „jede Form von Ausgrenzung, egal ob gegenüber irgendwelchen weltanschaulichen Überzeugungen oder sexuellen Neigungen, grundsätzlich ab“, sagt Kittel. Er betont aber auch: „Umgekehrt gilt auf meinen Veranstaltungen aber ebenso, dass auch Minderheiten Toleranz gegenüber der Mehrheitsmeinung walten zu lassen und diese zu respektieren haben.“
Lesen Sie hier einen Kommentar zum Thema.
Der gesellschaftliche Ton wandelt sich, mehr Frauen stehen auf der Bühne, viele Menschen sind sensibler geworden, was ihre Identität anbelangt. „Ich glaube, dass die Lage schon komplexer geworden ist“, sagt Mathias Wagner. Auf diese neue Situation hat das Jahninselfest reagiert. 2024 ging das Punk-Festival erstmals mit Awarenessteam an den Start. Davor habe man das Thema bei den Ordnern in guten Händen gewähnt, erzählt Florian Gmeiner.
Blick auf Opfer richten
Die Veranstalter des Jahninselfests hätten dann selbst in einem Workshop gelernt, dass es besser sei, zu trennen: Ordner kümmern sich um Täter, die sich daneben benehmen, ein zusätzliches Awarenessteam ist für Opfer da, die sich belästigt oder bedroht fühlen.
Dass man in Sachen Awareness tätig werden sollte, sehen nun auch die Veranstalter des Labertalfestivals. „Wir müssen für mehr Schutz sorgen“, sagt Susanne Schwandt, „für mehr Meinungsfreiheit, für mehr Kunstfreiheit“. In Richtung derer, die reflexartig „Cancel Culture“ brüllen, sagt Wagner: „Wenn jemand eine Pride-Fahne runter reißt, ist es derjenige, der die Meinungsfreiheit einschränkt.“
Veranstalter haben dabei eine undankbare Rolle. Wir können dem Publikum nicht in die Köpfe schauen.
Susanne Schwandt, Verein Rockbühne
Leicht sei es nicht, solche Vorkommnisse zu unterbinden. Schwandt sagt: „Veranstalter haben dabei eine undankbare Rolle. Wir können dem Publikum nicht in die Köpfe schauen.“ Oft würden Täter gar nicht wahrnehmen, was sie mit ihren Äußerungen anrichten, weil sie es nicht anders kennen. Ein Awarenesskonzept sei in der Vergangenheit beim Verein Rockbühne, der das Labertalfestival organisiert, noch kein Thema gewesen, berichtet Schwandt. Aber: „Wir sehen den Auftrag und nehmen das mit.“